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Zeit und Geschichte

Gestern & Heute: Wir haben gelernt, keine Angst zu haben (Resnikow)

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergDienstag, 20.09.2022

Jetzt bitten wir den Rest von Ihnen, keine Angst zu haben.

So Oleksij Resnikow, Verteidigungs­minister der Ukraine, am Beginn einer bislang siegreichen Gegenoffensive.

Diese kam für nahezu alle Beobachter überraschend und für die Mehrheit sowieso. Monatelang behaupteten etliche Medienintellektuelle, dass das nicht möglich sei, dass die Ukraine keine Chancen habe.

Wie aber war das möglich? Lag es allein an westlichen Waffen oder war da noch mehr. Noch können wir den Nebel des Krieges nicht vollständig durchblicken, aber im ersten Beitrag erläutert Constantin Seibt überzeugend, möglicherweise noch nicht vollständig, wie das ukrainische Militär sich so erfolgreich entwickelte:

Denn in der Regel schaffen es grosse Organisationen zuverlässig, neugierige Köpfe auszusortieren. Mit einer Ausnahme: Nach Nieder­lage und Schande sind diese plötzlich gefragt.

Nach den Niederlagen 2014 kamen ungewöhnliche Personen in die ukrainische militärische Führung, während die russische Armee weiter degenerierte. Gewalt, Dieb­stahl und Illusionen prägen diese bis heute.

Die Vorgänge weisen über das konkrete historische Ereignis hinaus, ja sogar über das Militärische. Vergleichbares – und das macht den Beitrag besonders – findet man auch bei uns und anderen, die die Ukraine mit Waffen unterstützen.

Das Afghanistan-Debakel hatte nicht gleiche, aber ähnliche Wurzeln:

Die USA hatten 20 Jahre lang 83 Milliarden Dollar in den Aufbau einer regulären Armee gesteckt. Sie war weit zahlreicher und weit schwerer bewaffnet als die Taliban. Und doch brach sie in vier Wochen zusammen, so gut wie ohne Kampf.

Dicht und überzeugend wird in diesem Beitrag erläutert, wie die Ukraine sich wieder zum Handelnden entwickelte.

Das war aber auch angelegt in den historischen Erfahrungen dieses Landes, dieser Übergangsregion. Um das zu begreifen, sei dieser Beitrag des Osteuropahistorikers Fabian Baumann empfohlen.

Er bespricht das so eben auf Deutsch erschienene Buch Das Tor Europas, das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen des ukrainischstämmigen Harvard-Professors Serhii Plokhy (gesprochen Plochij – mit Betonung auf der zweiten Silbe).

Das Wort Ukraine ist nämlich mit dem altostslawischen Begriff für Grenzland verwandt – und Plokhy nimmt diese Wort­geschichte ernst, spielt sie als zentrale Denk­figur seines Textes durch. Das historische Haupt­merkmal des Landes ist für ihn die «Fähigkeit der ukrainischen Gesellschaft, innere und äussere Grenzen zu überschreiten und die durch sie geschaffenen Identitäten zu verarbeiten». Die Entstehung und Überwindung von Grenzen ist das Leit­motiv seines Buchs.

So gelingt Plokhy der Balance­akt, die Ukraine als eigenständigen historischen Raum zu präsentieren, ohne das falsche Bild eines seit jeher abgeschlossenen Landes zu zeichnen.

Mit den im Beitrag dargelegten Erkenntnissen gerät der erste Beitrag über die Gegenoffensive in Schwingungen und erhält Tiefenschärfe.

Aber was könnte daraus werden, darüber macht sich der häufig auf piqd empfohlene Slavoj Žižek in diesem Beitrag Gedanken. Natürlich wird nach einem erhofften Sieg der Ukraine diese tief in der Schuld des Westen stehen. Besorgt fragt er:


Wird sie in der Lage sein, dem noch größeren Druck der wirtschaftlichen Kolonialisierung durch westliche multinationale Unternehmen standzuhalten?

Dieser Kampf spielt sich hinter dem heldenhaften Widerstand der Ukraine bereits ab. Es wäre fatal, wenn die Ukraine den russischen Neoimperialismus besiegen würde, nur um sich anschließend dem westlichen Neoliberalismus zu unterwerfen. Um echte Freiheit und Unabhängigkeit zu erlangen, muss sich die Ukraine neu erfinden. Es ist sicherlich besser, eine westliche Wirtschaftskolonie zu sein als in ein neues russisches Imperium einverleibt zu werden – trotzdem ist keiner dieser Ausgänge das aktuelle Leid der Ukrainerinnen wert.

Gestern & Heute: Wir haben gelernt, keine Angst zu haben (Resnikow)

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Kommentare 3
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 9 Tagen · bearbeitet vor 9 Tagen

    Žižek mag das so feststellen, aber in all dem Nebel und den ständig tendenziösen Berichterstattungen auch auf der "guten" Seite, entwickle ich an der Stelle nun doch ein wenig eine Meinung und finde es unlauter die diffuse "neoliberale" Bedrohung irgendwie relativierend gegen die superkonkrete, schreckliche Bedrohung durch den Angriff Russlands zu stellen. Das ist kein schlüssiges Paar oder?
    Interessanter wäre für mich tatsächlich die Betrachtung und ehrliche Einordnung des westlichen Kalküls und zwar fast noch mehr retrospektiv, als genau jetzt. Und das ist für mich eine krasse Erfahrung, wie das weiter kaum möglich ist und unfassbar unversöhnlich niedergeschrien wird. Auch persönlich - wo immer ich im social net auch nur gefragt habe oder etwas angemerkt habe in der Sache, ist sofort jemand da, der mich zurechtweist, angreift und mich mit seinen Prämissen als Fakten überzieht. Immer knapp davor, dass man als Putin Troll bezichtigt wird (auch das hatte ich schon), einfach weil man sich dem totalen Schwarzweiß verweigert, wobei es eben nicht um die Relativität von Schwarz, sondern um die von Weiß geht. Interessanter Weise eigentlich immer Menschen, die ich seit Jahren als sehr kluge und besonnene Beobachter kenne.

    Michael Seemann fragte auf Twitter, warum auf einmal so viel totale Beachtung auf diese Detailfrage nach den deutschen Kampfpanzern gelegt wird und warum da auf einmal keine zwei Meinungen mehr möglich sind. Wörtlich: "warum wollen plötzlich alle auf diesem Hügel sterben?" Das sprach mir aus der Seele und ich bin irritiert und beunruhigt, ob dieser amS sehr unguten Polarisierung und damit auch Verflachung der Betrachtung und der Debatte eben auch in den Kreisen, die ich eben immer als ausgeruht und analytisch betrachtet habe.

    Danke für den guten Überblick Achim!

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 9 Tagen · bearbeitet vor 9 Tagen

      Natürlich ist der Mittelteil des piqs am stärksten. Dieser beruht auf 30jährigen Forschungen eines Historikers, dem erstmals in der Geschichte alle Archive offen standen.

      Mich würde es nicht wundern, wenn man beim ersten Teil ergänzen muss, dass doch mehr Waffen geliefert worden sind als gesagt. So war es zumindest als im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine Krieg geführt worden ist.

      Etwas über westliche Einflussnahme steht im dritten Artikel. Ein Beispiel:

      "Die ukrainische Regierung war sich der drohenden Enteignung wohl bewusst und verhängte vor 20 Jahren ein Moratorium für Landverkäufe an ausländische Investoren. Das US-Außenministerium, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank forderten jahrelang die Aufhebung dieser Beschränkung. Erst letztes Jahr erlaubte die Regierung unter Selenskyj aufgrund von massivem Druck den Bauern, ihr Land zu verkaufen. Das Moratorium für Verkäufe an Ausländer bleibt jedoch bestehen; Selenskyj erklärte, dass seine Aufhebung einem nationalen Referendum unterzogen werden müsse, welches mit ziemlicher Sicherheit scheitern würde."

      Noch im Januar diesen Jahres galt Selenskyj als einer der schlechtesten Präsidenten. Sein Land war in der Korruptionsstatistik zurückgestuft worden: Besser als Russland, schlechter als Ägypten. Ein Grund war eine massive Deregulierung, weshalb die beiden Alternativen, die Zizek benennt, durchaus nicht auf töneren Füßen stehen. Freilich, es gibt noch mehr Möglichkeiten.

      Einen einheitlichen Westen gab es nicht, allerdings gab es einflussreiche Kreise, die eine westliche Ukraine haben wollten.

      Genscher schrieb das Vorwort zur deutschen Übersetzung von diesem Buch eines Präsidentenberaters:
      https://de.wikipedia.o...

      Ein Schlüsselzitat:

      Die Ukraine hat eine besondere Bedeutung im Spiel der Kräfte, trägt sie doch nach Brzezinski „durch ihre bloße Existenz“ zur Umwandlung Russlands bei.

      „Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit den aufbegehrenden Staaten Zentralasiens hineingezogen würde, die den Verlust ihrer erst kürzlich erlangten Eigenstaatlichkeit nicht hinnehmen und von den anderen islamischen Staaten im Süden Unterstützung erhalten würden.“

    2. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 8 Tagen · bearbeitet vor 8 Tagen

      Auch wenn die Bedrohung durch Russland selbstverständlich wesentlich schlimmer und gravierender ist als die Bedrohung durch einen Neo-liberale Westen - was der Text oben übrigens auch sagt - ist sie doch präsent diese Bedrohung;
      was ja der Westen selbst und wir im Westen auch längst erkannt haben.
      Insofern kann man nur hoffen dass "der Westen" bereits sich in Verbesserung befindet wenn er in der Ukraine aktiv wird.
      Dabei könnten wir Deutschen wir Europäer einen großen Teil beitragen weil wir dochunsere Wirtschaft anders als die Amerikaner verstehen...

      und ja vielleicht haben wir endlich mal gelernt und gehen in einem anderen Land überlegter vor, wertegeleitet, nicht mit Lobbyisten an vorderster Front sondern mit Historikern und Sozialwissenschaftlern...

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