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Zeit und Geschichte

Als Franzosen rot, Iren schwarz und Chinesen weiß waren

Dirk Liesemer
Autor und Reporter
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Dirk LiesemerDienstag, 20.04.2021

Es wird in diesen Monaten viel über Hautfarben geredet, vielleicht gar viel zu viel, und man muss sicher aufpassen, dass man durch all das viele Gerede über Farben nicht noch verstärkt, was man eigentlich überwinden will.

Trotzdem möchte ich diesen Text empfehlen, weil er das Thema auf eine überraschende Art bearbeitet: Christoph Gunkel zeigt, wie sehr sich im Laufe der Zeit und im Zuge des Kolonialismus unsere Wahrnehmung von Hautfarben fundamental verändert hat. Vorher war die Welt noch eine andere, so schreibt er:

Die Welt des 13., 14. und 15. Jahrhunderts ist aus heutiger Sicht sehr verwirrend: Da findet sich in den Quellen ein österreichischer Herzog Albrecht, dessen Gesicht als »schwarz« und »furchteinflößend« beschrieben wird. Frankreichs König Ludwig XI. war nach einem Reisebericht von 1466 ein Mann »von brauner Gestalt«. Asiaten wurden als »Weiße« wahrgenommen.

Drei Dinge sind anzumerken: Erstens wird die dürftige Quellenlage nicht problematisiert, weshalb Verallgemeinerungen schwierig sind, zweitens handelt es sich teilweise um eine US-Debatte, und drittens wissen wir noch kaum etwas darüber, wie in anderen Weltregionen über uns Europäer gedacht wurde. In dieser Hinsicht ist die Forschung noch viel zu eurozentristisch.

Wer weiß schon, dass einst nicht nur schwarze von weißen Menschen versklavt wurden? Auch dunkelhäutige Menschen versklavten rund ums Mittelmeer hellhäutige Menschen, wie der Historiker Michael Zeuske in einem Handbuch zur Sklaverei schreibt – siehe dazu diese Besprechung im Tagesspiegel:

Weiße und „blauäugige Menschen aus Europa waren im frühen Mittelalter durchaus Sklaven von dunkelhäutigen Menschen aus Nordafrika oder Arabien“. Die Anzahl zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wird auf mehrere Millionen geschätzt.

Was mögen wohl die dunkelhäutigen Sklavenhändler über ihre weiße Beute gedacht haben? Wie sehr hielten sie helle Haut einfach nur für einen Rohstoff? Wer mehr wissen will, sollte im Netz nach "Barbareskenstaat" suchen.

Und auch in welchem Ausmaß araboislamische Menschenhändler – lange vor den Europäern – in Afrika auf Sklavenjagd gingen, ist eher weniger geläufig, siehe dazu etwa die Besprechung des Buches "Le génocide voilé" aus der Feder des senegalesisch-französischen Anthropologen Tidiane N’Diaye:

Über 17 Millionen Menschen habe Afrika in den letzten dreizehnhundert Jahren an araboislamische Sklavenhändler verloren, und dabei sei die noch weit größere Zahl derer nicht mitgerechnet, die bei der Versklavung ganzer Dörfer umgebracht wurden.

Wie also mögen diese Jäger über die schwarzen Afrikaner gedacht haben? Wie sehr sahen sie wohl in der Farbe Schwarz eine Ware? Man sollte mit historischen Zahlen höchst vorsichtig umgehen, aber wenn die Zahl von 17 Millionen ungefähr stimmt, dann wurden im transatlantischen Sklavenhandel weniger Menschen verschleppt: von 1501 bis 1866 rund 12,5 Millionen – siehe hier. Natürlich handelt es sich in allen Fällen um Horrorzahlen.

Letztlich stellt sich folgende Frage, die auch Christoph Gunkel anspricht: Wie können wir wieder verlernen, Vorurteile mit Hautfarben zu verbinden? Anders gefragt: Wie kann es uns gelingen, farbenblind zu werden? In diesem Sinne finde ich das von der Redaktion gewählte Bild, so utopisch es sein mag, ganz wunderbar.

Als Franzosen rot, Iren schwarz und Chinesen weiß waren

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Kommentare 4
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 13 Tagen

    ja das zeigt wie willkürlich 'Hautfarben' sind.
    ich denke aber dass sehr wohl bekannt ist/wurde, dass auch "Farbige" 'Weiße' als Sklaven handelten und hielten - und der moderne Sklavenhandel mit Schwarzafrikanern (auch) durch Farbige - "Schwarze" und Araboislamische Personen erfolgte. Zumindest in letzter Zeit. weil diese Fakten sehr gern als whataboutism von rechter Seite genutzt werden...
    Dabei wird eben Sklavenhaltung mit (modernem) Rassismus verwechselt - und umgekehrt;
    a) klar, WEIL eben zuletzt und industrieller tatsächlich durch Weiße/Westler an Schwarzen verübt. und b) meiner Meinung nach auch, da so andere Formen von Rassismus übersehen werden können bzw. es jedenfalls werden.
    Dass es keine Hautfarben gibt - jedenfalls nicht schwarz weiß rot gelb, scheint jedenfalls keine Rassisten oder rassifizierten Personen davon abzuhalten, sie zu postulieren. genauso wie der wissenschaftliche Konsens, dass es seit wasweisich 30.ooo Jahren keine "Menschenrassen" gibt.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 9 Tagen

      Das muß man mir erklären. Schwarzafrika ist voll mit Menschen sehr schwarzer Hautfarbe. Aber vielleicht bin ich auch farbenblind.

    2. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 8 Tagen

      @Thomas Wahl Es gibt schon "Haut mit Farbe" - aber 1. selbst in Afrika ist das kein "Schwarz" oder bei uns hier schon gar kein "Weiß". 2. ist Hautpigmentierung jedweder Art kein Kriterium für irgendwelche "Rassen", oder sehen Sie das anders?

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Tagen

      @Cornelia Gliem Na ja, in Afrika haben nach meiner Erfahrung viele eine ziemlich schwarze Haut, wobei über Farbnuancen streiten bringt nichts. Und einige tun dort alles um diese heller zu machen. Total verrückt. Hellere Haut und damit Abstammung hebt unter Einheimischen z.T. durchaus den Status.

      Also willkürlich sind Hautfarben nicht. Aber sicher kein Kriterium für das Mensch-Sein. Allenfalls ein erster Hinweis für die örtliche und/oder die kulturelle Herkunft. Und selbst das stimmt nicht immer.

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