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Wissenschaft und Forschung

Robert Gast
Physiker, Wissenschaftsjournalist
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piqer: Robert Gast
Freitag, 08.02.2019

Die Lehren aus der Stickoxid-Debatte

Die Debatte um Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte hat viele Menschen verunsichert: Sind Autoabgase am Ende gar nicht schädlich? Den Eindruck hatte ein zweiseitiger Brief von rund 100 Lungenärzten erweckt, der von manchen Medien zur großen Wende im Streit um Dieselabgase hochstilisiert wurde. Dabei hatte der Vorstoß von Dieter Köhler & Co. wenig mit Wissenschaft zu tun: Keiner der Unterzeichner des Briefs verfügte über Expertise im Fachgebiet der Epidemiologie, die maßgeblich für die Beurteilung der Schädlichkeit von Stickoxiden & Co ist. Dem gegenüber stehen Zehntausende Studien, die einen belastbaren Zusammenhang zwischen Abgas-Exposition und Gesundheit nahelegen.

ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel blickt nun in einem sehr lesenswerten Artikel auf die Debatte zurück – und fragt sich, wie in der Öffentlichkeit das Zerrbild von vermeintlich harmlosen Abgasen entstehen konnte. Seiner Analyse zufolge hat ein Versagen der institutionellen Wissenschaftskommunikation zumindest Anteil an dieser Entgleisung: Universitäten und Forschungsinstitute reagierten viel zu langsam und verkopft auf die Angriffe von Köhler & Co.

Unter Kommunikation verstehen die meisten Institutionen vor allem das Marketing in eigener Sache. Kommuniziert wird, was dem Ruf des eigenen Hauses nützt. Was nicht diesem Ziel dient oder gar zu Ärger führen könnte – etwa die Einmischung in eine hoch politisierte Debatte –, wird nach Möglichkeit vermieden. Und auf schnelle Krisenkommunikation sind wissenschaftliche Einrichtungen oft nicht eingestellt.

Künftig würde man sich auch mehr Wissenschaftler wünschen, die den Umgang mit Massenmedien beherrschen. Schließlich war Köhlers Vorstoß wohl auch deshalb so erfolgreich, weil er eloquent und überzeugend in Talkshows aufgetreten ist, weshalb es für Zuschauer so wirkte, als habe er die besseren Argumente. 

Für manche Forscher wünschte man sich auch dringend ein Medientraining. Exemplarisch war das vorvergangenen Sonntag bei Anne Will zu besichtigen, wo der emeritierte Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann eigentlich Köhler hätte Paroli bieten sollen. Doch der Fachmann für Luftschadstoffe tauchte so in die Details der Materie ab, dass nur noch wenige Zuschauer mitkamen. 

Vieles spricht dafür, dass die etablierte Wissenschaft in Zukunft häufiger solchen Angriffen ausgesetzt sein wird. Hoffentlich reagiert sie dann besser und schneller als im Fall der Stickoxide.

Die Lehren aus der Stickoxid-Debatte
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Kommentare 2
  1. Daniela Becker
    Daniela Becker · Erstellt vor 7 Monaten ·

    Dazu diese Replik: https://wijo.wordpress... Ich persönlich finde auch, dass das sehr viel mehr mal wieder ein Medienversagen war als ein Problem der Wissenschaftskommunikation.

    1. Robert Gast
      Robert Gast · Erstellt vor 7 Monaten ·

      Natürlich haben hier auch manche Medien versagt, die den Köhler-Brief unkritisch verbreitet haben oder ihn zum Agenda-Setting genutzt haben (BILD, Welt). Aber sorry: Wenn ich lese, dass sich das in die Schusslinie von Köhler geratene Helmholtz-Zentrum dadurch rechtfertigt, ein Experte habe ja SZ und FAZ Interviews gegeben und damit seine Pflicht erfüllt, greife ich mir an den Kopf. In der Helmholtz-Pressestelle muss in so einer Situation doch der Notstand ausbrechen (genauso wie in allen Pressestellen, deren Unis/Institute Schadstoff-Epidemiologie betreiben). Wieso organisiert man da nicht so schnell wie möglich eine Pressekonferenz mit drei-vier hochrangigen Wissenschaftlern vor der Hauptstadtpresse und schickt Pressemitteilungen mit Expertenstatements raus? (*) Andere Teilnehmer des öffentlichen Diskurses beherrschen sowas hervorragend (Parteien, Umwelt-NGOs, Industrieverbände), obwohl sie mitunter deutlich weniger zu sagen haben als die Wissenschaft... Helmholtz-Chef Wiestler scheint jedenfalls auch der Meinung zu sein, dass man in dieser Richtung etwas tun müsste.

      (*) Wenn das passiert sein sollte, nehme ich das zurück - zu mir und anderen Kollegen sind solche Maßnahmen jedenfalls nicht durchgedrungen.

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