Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Community-Kanal:

Wissenschaft und Forschung

Marcus von Jordan
piqd cofounder
Zum piqer-Profil
Marcus von Jordan
Community piq
Dienstag, 08.01.2019

"Sophisticated Technikfeind" Hartmut Rosa

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ein neues Buch geschrieben. Eine Besprechung zu "Unverfügbarkeit" findet Ihr hier

Hier spricht er über die Unverfügbarkeit mit Birgid Becker. "Der permanente Versuch die Grenzen des Verfügbaren hinauszuschieben kennzeichnet unser Zeitalter ganz besonders." Wir versuchen also immer mehr zu optimieren, zu kontrollieren und zu manipulieren und verfügbar zu machen. Das hat natürlich auch mit Kapitalismus zu tun, also dem System, das sich nur durch Mehrung stabilisieren kann. Dabei ist "das Moment der Unverfügbarkeit essentiell dafür, dass Dinge überhaupt interessant sind" - so wie wir eben z.B. dann doch nicht sicher wissen, ob der FC Bayern gewinnt. Es hat auch zu tun mit Optimierungszwang, dem sich auch das Individuum kaum mehr entziehen kann.

Noch spannender ist aber das hier verlinkte Gespräch. Nämlich die Anwendung von Rosas Konstruktionen auf die aktuelle politische Lage. Und vielleicht eine Erklärung für Wutbürger und gesellschaftliche Spaltung.

Und natürlich wird es in der Politik wahrscheinlich immer so sein, dass da auch Wut entstehen muss und dann daraus eine Art von Kampfbereitschaft resultiert. Ich glaube nur, dass – wenn die sich generalisiert, wenn man das Politische für den Ort des Kampfes per se hält und nicht für den Ort des gemeinsamen Gestaltens – dann kann es eben sein, dass unsere politische Welthaltung zu einer reinen Aggressionshaltung wird und wir da den Sinn für auch politische Resonanz verlieren. 

Eine Demokratie kann nur lebendig und auch robust und vital sein, wenn die Bürgerinnen und Bürger sie selber als eine Art von Resonanzsphäre erleben und dann auch praktizieren. Und das bedeutet, dass wir einander hören wollen, dass wir davon ausgehen, dass wir als Bürgerinnen und Bürger uns etwas zu sagen haben. Und das hat zwei Seiten, erstens, dass meine eigene Stimme hörbar gemacht werden kann, auch einen Einfluss hat, aber zweitens, dass ich mich auch von den anderen erreichen und berühren und bewegen lasse und dass ich bereit bin, mich auf einen Prozess einzulassen, in dem ich mich verändere.

Bei politischen Auseinandersetzungen aller Art fehlt häufig genau diese Voraussetzung. Man weiß schon, dass man Recht hat und dass die anderen entweder Faschisten und Rassisten sind oder irgendwie Gutmenschen, die uns in den Abgrund führen. Da fehlt genau diese Fähigkeit, gemeinsames Gestalten, Demokratie als Resonanzsphäre zu leben.

Hört euch das an!  Es ist schon teilweise keine leichte Kost und Rosa drückt manchmal vergleichsweise Einfaches kompliziert aus. Aber es lohnt sich... vielleicht auch gerade für alle, die gestern und heute so fröhlich #NazisRaus getwittert haben und Robert Habeck kritisieren dafür, dass er einfach social media verlässt.

"Sophisticated Technikfeind" Hartmut Rosa
8,8
6 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Kommentare 5
  1. Annette Kerckhoff
    Annette Kerckhoff · vor 8 Tagen

    Genau das ist piqd. Die erste Tasse Tee kochen. Nochmal kurz ins Bett. Bisschen was Gepicktes lesen. Da wieder selber was rauspicken. Und bisschen drüber nachdenken. Ein neuer, unerwarteter Blick auf die Welt. Als Start in den Tag.
    Mein Satz heute zum Nachdenken aus dem Rosa-Text: "Deshalb ist diese Erfahrung von Lebendigkeit, ich nenne die „Resonanzerfahrung“, immer davon abhängig, dass wir mit etwas in Beziehung treten, über das wir nicht völlig verfügen. Gleichzeitig versuchen wir aber, die Dinge komplett verfügbar zu machen, um sie ganz sicher zu haben. Und daraus habe ich so was wie einen Grundwiderspruch der modernen Gesellschaft oder unseres modernen Lebens abgeleitet."

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor 8 Tagen

      <3

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 8 Tagen

      auch so super oder!?
      Aber ich hätte noch 23 weitere Stellen gerne zitiert.

  2. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 8 Tagen

    Ich wundere mich auch sehr über den Gegenwind, den Habeck abbekommt. Ein Argument, dass häufig genannt wird, ist das soziale Medien ein Spiegel der Gesellschaft seien. Ich halte genau das für ein Problem: Das Menschen allen Ernstes glauben, sie verstünden die Gesellschaft, wenn sie sich viel auf sozialen Medien rumtreiben. Wenn es nicht einmal Kommunikationsprofis gelingt, sich dort so zu verhalten, wie sie es von sich selbst erwarten, wie sollen das dann Menschen hinbekommen, die sich nicht täglich mit Luhmann, von Thun und McLuhan befassen? "Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken (Nietzsche, bezogen auf seine Schreibmaschine)."
    Was in der Habeck-Diskussion aber auch mitschwingt und wirklich spannend ist: Wie könnte eine digitale Aufmerksamkeits-Ethik aussehen? Tatsächlich ist eine Totalverweigerung digitaler Kommunikation kein angemessenes Verhalten für einen Politiker im Jahr 2019. So habe ich Habeck auch nicht verstanden. Wenn er nun aber einigen Kanälen (aus guten Gründen) den Rücken kehrt, sollte er vielleicht gleichzeitig kommunizieren, auf welchen anderen Kanälen er zu welchen Bedingungen und in welchem Umfang weiter zur Verfügung steht für den digitalen Dialog mit den WählerInnen. Das wäre für mich digitale Souveränität: Kein Rückzug, sondern die klare Artikulation der Regeln, die man als notwendig erachtet, um im Netz so zu kommunizieren, wie man es für würdig hält - bezogen auf die eigene Person, aber ebenso bezogen auf andere und die Sache selbst.

    1. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 8 Tagen

      Habeck ist ja recht aktiver Blogger.
      Ich könnte mir auch vorstellen, dass er sich eine Taktik zurecht legt und zurück kommt. Souverän genug ist er. Ich habe ihn natürlich auch sofort angeschrieben und gefragt, ob er jetzt Zeit für piqd hat. :D

      "Aufmerksamkeitsethik" ist der genau richtige Begriff glaube ich. Und eben Kommunikationsethik. Habeck steht dafür, eine andere Kommunikation, einen anderen politischen Stil zu wollen und zu pflegen. Gewaltfrei nämlich. Nicht so das also, was das allerauffälligste Phänomen bei social wäre...

      Die Kritik der social Alphatiere finde ich teilweise wirklich sehr abstrus und mit erstaunlich wenig Horizont. Und ärgerlich, dass keiner sich bemüßigt fühlte die Kritik an twitter zu reflektieren.
      Manche waren auch schlicht beleidigt und wirkten geradezu panisch - könnte ja den ganzen Lieblingsspielplatz in Verruf bringen, wenn der designierte Messias einfach rausspaziert!