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Volk und Wirtschaft

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
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piqer: Christian Huberts
Dienstag, 08.08.2017

»Wem gegeben wird, wird nicht genommen« – Leistung lohnt sich immer weniger, Erben schon

Das Thema »Erbschaft« ist hier immer wieder dabei. Für Zeit Online fasst Sören Götz die zentralen Probleme der herannahenden, immensen Erbschaftswelle (rund 400 Milliarden pro Jahr laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung) noch einmal gut zusammen: Vererbtes Vermögen wird kaum besteuert. Während also die Nachkommen wohlhabender Familien von Vermögen ohne zwingende Leistung profitieren können, ist es für Menschen ohne umfangreiches Erbe unter den aktuellen Wirtschaftsbedingungen kaum noch möglich, zu größerem Wohlstand zu kommen – trotz Leistung. Auch die Steuerlast verteilt sich ungleich, denn den Sozialstaat finanzieren vor allem jene, die für ihr Geld arbeiten müssen. Erben können hingegen bis zur Volljährigkeit schon steuerfreie Millionen in der Tasche haben.

Niemand soll um sein Erbe gebracht werden, aber diese Diskrepanzen bedrohen langfristig die Prinzipien der Leistungsgesellschaft. Timm Bönke, Professor für Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin, vermutet sogar, dass sich die negativen Effekte von Generation zu Generation nur noch verschärfen werden. Wer schon hat, dem wird zunehmend gegeben. Beim Rest kommen Globalisierung, Fortschritt und Wachstum jedoch kaum an oder verschärfen die Entwertung von Arbeitsleistung sogar noch. Sören Götz zieht ein nüchternes Zwischenfazit:

Arme und Reiche gab es schon immer. Im Kapitalismus können sich die meisten Menschen damit arrangieren, weil sie davon träumen, irgendwann zu den Reichen aufzusteigen. Oder ihren Kindern den Weg zum Wohlstand zu ebnen. Sie vertrauen darauf, dass jeder zumindest eine kleine Chance darauf hat und dass sich Leistung auszahlt. Beides ist in Deutschland gerade fraglich. Der Staat unterstützt diese Entwicklung durch niedrige Steuern auf Kapitalerträge und Erbschaften.
»Wem gegeben wird, wird nicht genommen« – Leistung lohnt sich immer weniger, Erben schon
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Kommentare 4
  1. Patrice Fuchs
    Patrice Fuchs · vor 2 Monaten

    Die Menschen im deutschsprachigen Raum sind reaktionär. Man ist es seit Generationen gewohnt zu denken, dass das Überleben an die Erbschaft gekoppelt ist. Das Vermächtnis der Grosseltern liefert die Grundlage deiner Existenz. Es wird der Beruf, die Wohnung, die Küche, die Identität vererbt. Man lebt mit der Familie am selben Hof, entweder als Hofbesitzer oder als ZuarbeiterInnen. Man arbeitet in der selben Fabrik. Mein Mann hat in der selben Firma gelernt wie sein Bruder und seine Mutter und der Vater. Die Genossenschaftswohnung der Eltern sollte an die Kinder weitergehen. Sie waren aufrichtig überrascht, dass die Kinder kein Interesse zeigten.
    Es geht um Fussspuren der Vorfahren, denen man folgt. "Erben" symbolisiert diesen Generationenstaffellauf. "Erben" ist in der Bevölkerung kein Reizwort, dass mit kapitalistisch geprägten Kampfwörtern beantwortet werden muss, sondern eine Teildefinition der identitätsstiftenden Existenzgrundlage.

  2. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 2 Monaten

    Eine ECHTE Reform der Erbschaftssteuer sollte eigentlich eine "low hanging fruit" sein. Momentan ist der Schaden gewaltig (sozialer Frieden, Ungleichverteilung, Leistungsgedanken), die Zahl der Profiteure aber sehr überschaubar (und selbst unter den Erben, gibt es Menschen, für die das Erbe zur Last wird). Woran liegt es deiner Meinung nach, dass das Thema im Wahlkampf so gut wie keine Rolle spielt?

    1. Rico Grimm
      Rico Grimm · vor 2 Monaten

      ich habe eine vermutung, die ich aber erstmal noch durchrecherchieren muss. lobbypower. erben haben viel einfluss, nicht-erben wenig. lässt sich sehr schön aufzeigen. ich mache das mal für kr... und melde mich wieder.

    2. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor 2 Monaten

      Gute, aber schwierige und komplexe Frage. Was ich jedes Mal beobachte, wenn es um jedwede Form der Steuererhöhung geht: Selbst Menschen, die von der Erhöhung nicht oder kaum betroffen wären, lassen sich im Wahlkampf schnell dagegen in Stellung bringen. Da reicht schon ein völlig irrationaler Verdachtsmoment, dass die erhöhten Steuern die eigenen Finanzen antasten könnten. Und selbst wenn am Ende nur eine Minderheit von der Reform der Erbschaftssteuer negativ betroffen ist und die Gesamtgesellschaft insgesamt profitiert, bleibt das Thema ein rhetorisches Minenfeld (»Das hart verdiente Vermögen der Leistungsträger [sic] wird angegriffen!«). Vielleicht spielt da auch noch ein Phänomen mit herein, über das ich schon einmal gepiqd habe: www.piqd.de/volkswirt.... Gerade Menschen mit weniger Einkommen und Vermögen möchten sich – als »self-enhancement« – gerne zu den Wohlhabenderen dazuzählen. Da kann man dann halt auch schlecht für höhere Erbschaftssteuer sein, ohne diese Selbstaufwertung in Teilen aufzugeben.