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Volk und Wirtschaft

Unser täglich Gas

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlFreitag, 08.04.2022

Gas ist ein in unser tägliches Leben integrierter Energieträger, über den wir gewöhnlich nicht nachdenken. Gasheizungen, Gasherde, Gaskraftwerke und unsere Industrie – all das lief irgendwie im Hintergrund. Und plötzlich wird deutlich: wir sind abhängig vom Gas wie von einer Droge und dazu kommt diese noch aus Russland. Wir müssen da raus, so schnell wie möglich, aus moralischen sowie machtpolitischen Gründen. Aber was heißt schnellstmöglich, welche Folgen sind dabei tragbar? Hier beginnt der Streit der Sichtweisen und Analysemethoden mit fast diametral entgegengesetzten Ergebnissen.

In einer ökonomischen Studie von neun angesehene Ökonomen aus Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten heißt es:
In the German economy, gas is predominantly used in industry (36%), by households (31%), as well as trade and commerce (13%), in the case of the last two predominantly for heating purposes (BDEW 2019, 2021). The usage of gas for electricity production is comparatively small. In industry, about three quarters of the gas are used for heating and cooling, as well as for material use. About a third of industrial use goes to the chemical industry (Zukunft Gas 2022).

Ist es glaubhaft, diese Mengen in kurzer Zeit entweder durch andere Energieträger zu substituieren oder durch Gas aus anderen Quellen zu ersetzen? 

Die Studie kommt mit einem konventionellen wirtschaftswissenschaftlichen Modell lt. FAZ zu einem klaren Schluss:

Wenn Deutschland kein russisches Gas mehr bekäme, schrumpfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt nur um höchstens drei Prozent – weniger als während der Corona-Pandemie. 

Ist diese Methode der Modellierung realistisch? Wer die notorische Fehlerhaftigkeit der ökonomischen Prognosen – gerade in unruhigen Zeiten – kennt, bleibt skeptisch. Und so kommt erschrockener Einspruch von "Praktikern" wie z.B. von Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie:
Abstrakte BIP-Zahlen sind die eine Seite. Für uns, als die die enge Verzahnung der Industrie täglich erleben, haben diese Modelle mit der Realität wenig zu tun.
Wenn man die konkreten Stoff- und Energieflüsse in ihrer Dynamik betrachtet, wird die Gefahr deutlich, dass es bei fehlender Energie aus Gas zu einem katastrophalen Stillstand der Industrie kommen könnte. So ist etwa die Grundstoffindustrie als größte Gasverbraucherin 
quasi die Mutter fast aller industriellen Produkte. Ihre Vorprodukte werden in weiteren Fertigungsstufen zu Dünger, Medikamenten, Bau- und Kunststoffen, Textilien oder Fahrzeugen weiterverarbeitet. Letztlich hängt auch ein Teil der Lebensmittelproduktion davon ab. Allein die Industrie beschäftigt mehr als acht Millionen Menschen.

Gerade die komplexen Anlagen der Großchemie, die auf Gas als Energieformen basieren, lassen sich bei Gasmangel nicht einfach unterbrechen und wieder anfahren. Wollte man fossile Energieträger allein in der Chemieindustrie durch Elektrizität ersetzen, würde

sich der Strombedarf der chemischen Industrie bis Mitte der 2030er-Jahre auf 628 Terawattstunden mehr als verzehnfachen . Das wäre mehr als der gesamte deutsche Stromverbrauch von aktuell etwa 550 Terawattstunden und weit mehr als der im vergangenen Jahr produzierte Grünstrom.

Uns sollte klar sein, das es sich bei der Gasfrage (wie auch bei anderen Rohstoffen aus Russland) nicht um einige Wochen „Frieren für den Frieden“ handelt. Im Grunde geht es um das wirtschaftliche Überleben Deutschlands. Es geht um das Gelingen der Energiewende – womit wollen wir die Rohstoffe und Rohmaterialien der Infrastrukturen unserer Energienetze der Zukunft erzeugen? Windräder, Batterien oder Solarpaneels z. B. sind energie- und materialintensive Produkte und fallen nicht zu tausenden vom Himmel. Nicht zuletzt geht es auch um unsere Verteidigungsfähigkeiten. Vassiliadis verweist in seinem Interview übrigens auf eine andere Brückenlösung:

In Norddeutschland wartet so viel Gas unter der Erde, dass man dort zehn Jahre etwa 20 Prozent des deutschen Bedarfs bedienen könnte. Allerdings geht das nicht ohne Fracking. Wir müssen uns fragen, ob wir, statt Frackinggas aus den USA zu importieren, nicht im eigenen Land tätig werden sollten – zu weit umweltfreundlicheren Bedingungen.
Ähnliches könnte man sich auch bei der Atomkraft fragen. Aber so weit sind wir dann in Deutschland doch noch nicht.

Unser täglich Gas

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Kommentare 9
  1. Gabriele Feile
    Gabriele Feile · vor 2 Monaten

    Mir fehlt bei allen Lösungsvorschlägen stets die offensichtlichste Lösung: Verbrauch reduzieren. Das gilt auch für andere Themen wie Mobilität, Strom etc. Warum gehen "alle" stets davon aus, dass unser Energiebedarf immer weiter steigt, ja sogar steigen muss? Sind die Menschen nicht in Wahrheit abhängig vom (Wirtschafts-)Wachstum und haben Angst vor den möglichen Entzugserscheinungen? Tun sie deshalb alles, damit ihnen der Stoff nicht ausgeht, genau wie Junkies? Wovor haben die Menschen wirklich Angst?
    Nichts in der Natur wächst unendlich. Auch eine Raupe hört irgendwann auf zu fressen, weil sie nur so zu einem Schmetterling transformieren kann.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 2 Monaten

      Es spricht ja auch keiner von unendlichem Wachstum, was soll das sein? Differenziertes Wachstum, je nach Entwicklungsstand der Länder ja. Ansonsten natürlich Reduktion von Ressourcenverbrauch und Kreislaufwirtschaften. Wachstum von Freizeit, Gesundheit und Glück ja. Ansonsten sehe ich das wie Michael Shellenberger:

      "Sosehr er das einfache Leben romantisierte – die brasilianischen Kleinbauern wussten sehr genau, warum sie das nicht wollten. Das rückte für Shellenberger auch das Problem des verschwindenden Regenwalds in ein anderes Licht. Brasiliens Politiker – der Sozialist Lula da Silva ebenso wie der Rechtskonservative Jair Bolsonaro – lassen Rodungen nicht aus Freude an der Zerstörung zu, sondern weil sie auf die Bedürfnisse ihrer Wähler hören, die der Armut entkommen wollen.

      Die Ausbreitung der Landwirtschaft in Brasilien ist vergleichbar mit jener in Europa, wo die Waldfläche seit dem Mittelalter deutlich geschrumpft war. In Europa ist sie heute stabil oder wächst sogar. Die Wende brachten nicht sozialistische Kooperativen, sondern die Industrialisierung. Tatsächlich geht die Waldfläche, die jährlich verschwindet, heute weltweit zurück, weil Entwicklungs- und Schwellenländer wirtschaftlich wachsen und ihre Wirtschaftsstruktur sich wandelt. Die Industrialisierung der Landwirtschaft bringt eine höhere Produktion bei geringerem Landverbrauch – und nimmt damit Druck vom Regenwald.

      Doch gerade die wirtschaftliche Entwicklung ist vielen Umweltschützern ein Dorn im Auge. Ihr Mantra ist nicht Fortschritt, sondern Verzicht, Verbote und die Rückkehr zu einem vermeintlich naturnahen Leben. Das ist auch der Grund, warum Shellenberger, der sich seit seiner Jugend für die Umwelt einsetzt, von anderen Aktivisten angefeindet wird.
      ……….
      Was sich geändert hat, ist Shellenbergers Vorstellung davon, wie diese Probleme am besten zu lösen sind. Er setzt sich für Atomenergie ein, für wirtschaftlichen Fortschritt, ja selbst für fossile Energien wie Kohle und Gas, damit Entwicklungsländer von noch schmutzigeren und ineffizienteren Energielieferanten wie Holz wegkommen. Vom geheizten Büro aus ist es leicht, Brasilianern ressourcenschonendes Kleinbauerntum ans Herz zu legen.
      ……..
      Für viele Umweltaktivisten ist der wissenschaftliche Fortschritt ein Feindbild. Dahinter steckt die alte Vorstellung, dass mehr Menschen, die mehr konsumieren, zwingend mehr Schaden an der Umwelt anrichten. Der Denkfehler dahinter, den schon der englische Ökonom Thomas Malthus im 18. Jahrhundert beging, besteht darin, die Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren."
      https://www.nzz.ch/feu...

    2. Gabriele Feile
      Gabriele Feile · vor 2 Monaten · bearbeitet vor einem Monat

      @Thomas Wahl Wir schwingen bei diesem Thema nicht auf derselben Frequenz, so scheint es. Intellektuell ist das alles stimmig, sofern die Definition von Armut und Reichtum "einheitlich" ist und mit Geld gemessen wird. Anders als vielleicht viele Klimaschützer:innen, bin ich nicht für Verzicht. Obwohl mir das Verzichten sehr leicht fällt, bin bin ich für Genügsamkeit. Und für Balance.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Gabriele Feile Ist ja wichtig, dass es unterschiedliche Frequenzen gibt ……😏

  2. Daniela Becker
    Daniela Becker · vor 2 Monaten

    Plötzlich wird uns das klar?! Das kann man auch nur schreiben, wenn man ganz lange bei Klimathemen weggehört hat.
    Das Thema lautet übrigens nicht nur "schnell russisches Erdgas" mit anderem substituiieren, sondern ganz mit Erdgas aufhören, egal woher. Und damit müsste man mal über Effizienz und "weniger von allem" nachdenken.
    Atomkraft benötigt übrigens auch Rohstoffe, die vorwiegend aus Russland kommen.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 2 Monaten · bearbeitet vor 2 Monaten

      Wenn dasThema war, ganz schnell weg vom russischen Gas, warum wurde dann die Nord Stream 2 gebaut? Wer hat denn da weggehört?Die ganze hochgelobte deutsche EE-Strategie basierte auf russischem Gas als Back Up und Atom-/Kohleersatz. Bisher werden keine 10% unserer Primärenergie durch Sonne und Wind erzeugt. 90% noch fossil. Sonne und Windenergie geht nicht ohne Gas-Back Up und/oder riesige Speicher. Das ist eigentlich bekannt. Ich habe eher den Eindruck, bei der Beschäftigung mit Klimathemen wurde nie ernsthaft/realistisch gerechnet und nachgedacht, wie man wirklich wegkommt, in welchen Zeiträumen, mit welcher Gesellschaft. Alles nur große Worte und unrealistische Träume. Woher sollen die ganzen 100.000enden Wärmepumpen, die Elektrolyseure, die Windräder/Solarpaneele, die Elektroleitungen, die digitalen Steuerungen, die Batterien und Elektroautos kommen, mit welchen Energien und Materialien sollen sie produziert werden, mit welchen Arbeitskräften? Das heißt erst mal mehr von allem und nicht weniger. Alles Abschalten und Neubau ist übrigens auch nicht effizient.

      Und nein, Atomkraft benötigt keine Rohstoffe, die nicht kurzfristig aus anderen Ländern zu beziehen wären. Und mittelfristig haben wir Uran selber im Land. Thorium wäre auch kein Problem.

    2. Daniela Becker
    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 2 Monaten · bearbeitet vor 2 Monaten

      @Daniela Becker Ja, ist bekannt. Aber beweist nichts über die technische, energetische oder ökonomische Seite der Energiewende. EE ist materialintensiv, funktioniert nicht ohne Back Up. Vor allem, wenn wir eine energetische "All Electricity" Versorgung wollen. Und das macht es komplex und teuer. Ein solches System ist nicht schnell aus dem Hut zu zaubern. Es braucht mittelfristig oder länger Gas oder Atom. Unabhängig von Schröder, Schwesig , Putin etc.

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 2 Monaten

      @Daniela Becker Holger Hanselka, KIT-Präsident und Vizepräsident der Helmholtz-Gesellschaft für den Forschungsbereich Energie, spricht über die Energiekrise und den künftigen Nutzen der Atomenergie:

      "Warum kann Deutschland mit erneuerbaren Energien nicht energieautark werden, auch wenn Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) jetzt das Ziel vorgegeben hat, den Energiebedarf in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken?

      Laut Osterpaket des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz sollen bis 2030 mindestens 80 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs aus Erneuerbaren Energien bezogen werden. Elektrischer Strom deckt allerdings nur etwa 20 Prozent des deutschen Energiebedarfs ab, der Rest wird durch Brenn- und Kraftstoffe bestritten. Deutschland wird also immer Energieimportland bleiben, weil Deutschland nicht ausreichend Flächen für Wind- und Photovoltaik-Anlagen ausweisen kann und weil die klimatischen Verhältnisse, also jährliche Sonnen- und Windstunden, keine sehr hohe Ausbeute an Erneuerbaren Energien zulassen. So werden wir beispielsweise über erneuerbare Quellen hergestellten Wasserstoff aus Ländern mit großen Freiflächen und günstigen Erzeugungsbedingungen importieren müssen, also beispielsweise aus Australien oder dem nördlichen Afrika.

      Lässt sich überhaupt ein Design für die künftige Energiepolitik finden, das von geopolitischen Einflüssen unabhängig ist?

      Mittelfristig auf einem Horizont von fünf Jahren sehe ich das nicht. Langfristig, also ab etwa 2050, stellt die international vorangetriebene Kernfusion, immer in Kombination mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien, eine Option und realistisches Zukunftsszenario dar, so dass weltweit und damit auch bei uns große Mengen an Strom und Prozesswärme ohne wesentliche Ressourcenabhängigkeit erzeugt werden können. Damit könnten wir dann auch die Wärme-, Mobilitäts- und Industriebedarfe decken und über Elektrolyseure grünen Wasserstoff als Grundstoff für die Industrie herstellen.

      Die Politik kann entscheiden, ob sie die drei noch am Netz befindliche Atomkraftwerke weiter betreiben will. Was wäre der Vorteil in der gegenwärtigen Situation?

      Dazu muss man wissen: Die drei in Deutschland noch laufenden Kernkraftwerke haben im letzten Jahr etwa 33 Terawattstunden Strom erzeugt. Im gleichen Zeitraum wurden aus Erdgas etwa 90 Terawattstunden und aus Steinkohle 54 Terawattstunden Strom produziert. Dabei wurden aus russischem Erdgas rund 50 Terawattstunden Strom erzeugt, was dem 1,5-fachen der Jahresstromerzeugung der drei Kernkraftwerke Emsland, Isar II und Neckarwestheim II entspricht. Aus russischer Steinkohle wurden rund 27 Terawattstunden Strom erzeugt, was 82 Prozent der in den drei deutschen Kernkraftwerken erzeugten Jahresstrommenge entspricht. Insofern wäre der weitere Betrieb der drei noch am Netz befindlichen Kernkraftwerke zwar ein Beitrag, aber bei weitem keine Lösung."

      https://www.faz.net/ak...

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