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Volk und Wirtschaft

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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piqer: Thomas Wahl
Freitag, 01.05.2020

Und ständig stirbt der Kapitalismus?

Besprochen wird die 2. Auflage eines schon 2014 erschienenen Sammelbandes mit fünf Szenarien für das 21. Jahrhundert. Was gerade heute, in einer Zeit, wo mit der Corona-Pandemie die Diskussion um das nun endlich bevorstehende Ende des Kapitalismus wieder einmal hochkocht, interessant ist. Die fünf Autoren indes beantworten die Leitfrage "Stirbt der Kapitalismus?" durchaus unterschiedlich. Die Aussagen bewegen sich notwendigerweise meist im Konjunktiv – kann, könnte oder auch nicht.

Immanuel Wallerstein, der prominenteste Autor meint, im gemeinsamen Vorwort des Buches (hier als Leseprobe verfügbar), die gegenwärtige Hierarchie der Weltmarktökonomie kommt

... an ihre Grenzen, und damit – trotz seiner Dynamik – das System des Kapitalismus. Er würde nach dieser Hypothese an der Frustration der Kapitalisten zugrunde gehen.

Was sich ironischerweise mit der These von Ayn Rand von den diffamierten und daher streikenden Unternehmern berührt. Randall Collins seinerseits vermutet

das entscheidende Problem im zu schnellen technischen Fortschritt, der sich mittlerweile derart akzeleriere, dass die traditionellen Kompensationsmechanismen versagten. Zudem spalte eine solche Entwicklung der Technologie die Wirtschaft: Neben einem Bereich mit guten Verdiensten und hoher Qualifikation existierten andere, in denen schlecht verdient werde bei niedriger Qualifikation der Beschäftigten.

Craig Calhoun und Michael Mann wiederum sehen (unterschiedlich optimistisch) 

die Möglichkeit eines Bunds von Nationalstaaten, die sich angesichts ökologischer und nuklearer Katastrophen zusammenraufen. Das kann, wie sie glauben, die weitere Lebenskraft des Kapitalismus in einer moderateren, sozialdemokratischen Version von Globalisierung sichern. 

Craig Calhoun hält es für möglich, den Kapitalismus zu reformieren und damit zu "retten" (siehe Leseprobe). Ist dieser doch nicht nur eine reine Marktwirtschaft, sondern eine politische Ökonomie

Seine institutionellen Rahmenbedingungen würden von politischen Entscheidungen bestimmt. Strukturelle Widersprüche könnten in den komplexen Marktmechanismen zwar auftreten, es sei aber die Politik, in der sie behoben oder vernachlässigt werden – und wo sie auch außer Kontrolle geraten.

Auch Michael Mann und Georgi Derluguian attestieren dem kapitalistischen System größere Zukunftsfähigkeit. Insbesondere könne man den Untergang des Kommunismus nicht einfach als Analogieschluss auf das Schicksal des Kapitalismus anwenden. Zumindest kann man sagen, wie Georgi Derluguian meint,

Was auch immer nach dem Kapitalismus kommt, ... wird nicht dem kommunistischen Modell gleichen. ... 
Die Art und Weise aber, wie der Sowjetblock nach 1989 in breiter Massenmobilisierung von unten und blinder Panik bei den Eliten ein plötzliches Ende nahm, könnte für die politische Zukunft des Kapitalismus eine wichtige Lehre beinhalten.

Die Autoren sind jedenfalls äußerst vorsichtig, wie das System, die Systeme nach dem Kapitalismus aussehen könnten. Immanuel Wallerstein hält eine konkretere Aussage über das, was den Kapitalismus ersetzen könnte, für nicht möglich. Auch könnten aus dem Übergang durchaus wieder mehrere unterschiedliche Weltsysteme hervorgehen. Seien es eher sozialdemokratische Modelle, flexiblere sozialistische "Zentralwirtschaften" oder (wahrscheinlichere) staatskapitalistische Systeme wie etwa China. Die tieferen Probleme einer "Vorhersage" ergeben sich lt. Michael Mann etwa aus den komplexen Multikausalitäten der Macht – neben dem Kapitalismus etwa "Politik, militärische Geopolitik, Ideologie und die Vielfalt der Weltregionen" – aber auch aus Umwelt- und Klimawandel. (Siehe Leseprobe)

Abschließend ein Statement der Autoren, denen es nicht darum geht, nachzuweisen, ob Kapitalismus besser oder schlechter ist als andere Gesellschaftssysteme. Es geht auch nicht um Untergangsszenarien. Ihre Frage sei: Hat er eine Zukunft oder nicht? Ihre Überlegungen sind also

... strukturelle Projektionen, vergleichbar mit »Stresstests«, wie sie in der Technik oder auch, wie wir inzwischen wissen, bei Banken durchgeführt werden. Keiner von uns begründet seine Prognosen für den Kapitalismus auf Verdammungen oder Elogen. Wir haben unsere moralischen und politischen Überzeugungen, nehmen aber als historische Soziologen zur Kenntnis, dass das Schicksal menschlicher Gesellschaften – zumindest in den letzten zehntausend Jahren nach dem Jäger-und-Sammler-Stadium – nicht davon abhing, was sie an Gutem oder Bösem hervorgebracht hatten. 
Und ständig stirbt der Kapitalismus?
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Kommentare 1
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 28 Tagen

    Ein lesenswertes Buch.

    Mich beeindruckte am Schluss der gemeinsame Akkord, der mächtig nachklingt:

    „Wir sind uns einig, dass die Welt in eine stürmische und dunkle Geschichtsperiode eingetreten ist, die einige Jahrzehnte andauern wird. Historische Großwetterlagen brauchen ihre Zeit, bevor sie sich verändern oder verziehen.“

    Hoffen wir, danach kommt nicht FINSTERNIS. Eric Hobsbawm schloss mit diesem Wort seine Weltgeschichte - als Alternative für das Nichtfinden einer Alternative.

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