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Volk und Wirtschaft

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
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piqer: Christian Huberts
Donnerstag, 15.06.2017

Grenfell Tower – eine sozialpolitische Tragödie

Der britische Schriftsteller J. G. Ballard nutzte in seinem 1975 veröffentlichten Roman High-Rise ein Hochhaus am Rande von London als Schauplatz eines brutalen Klassenkampfes. In kürzester Zeit wenden sich die Einwohner des gerade errichteten, autonomen Gebäudes gegeneinander und kämpfen um knappe Ressourcen und Territorien. In den oberen Stockwerken verschanzt sich eine Elite im Luxus. Im Erdgeschoss kämpft die Unterschicht um ihr Überleben. Dazwischen verharrt die Mittelschicht. Ein Hochhaus als politische Metapher.

Der tragische Großbrand des Grenfell Towers im Westen von London zeigt jedoch deutlich, dass diese Dystopie der Realität nicht gerecht wird. Denn während in High-Rise alle Einwohner – ob arm oder reich – gleichermaßen von der sozial- und wirtschaftspolitischen Dysfunktionalität des Gebäudes betroffen sind, ist das High-Rise im Lancaster West Estate ein Ort allein für prekäre Milieus. Die Oberschicht lebt in den angrenzenden Villenvierteln des wohlhabenden Royal Borough of Kensington and Chelsea.

Im Jacobin fordert Dawn Foster daher nachdrücklich, die jüngste Tragödie nicht als bloßen Unfall, sondern ebenso als Symbol einer zutiefst ungleichen Gesellschaft zu sehen. Denn die Sicherheitsmängel wurden von den Bewohner immer wieder zur Sprache gebracht. Dass ihre Stimme nicht gehört wurde, hängt unmittelbar mit ihrem sozialen Status, dem Mangel politischer Repräsentation und massiven Sparmaßnahmen, die insbesondere die Unterschicht betreffen, zusammen. Foster plädiert dafür, die Verantwortung in der Politik zu suchen und sichere Behausungen wieder zu einer Selbstverständlichkeit zu machen – unabhängig davon, in welchem Stockwerk der Gesellschaft man lebt.

The only way to stop tragedies like Grenfell Tower from happening again is to accept that adequate housing is a right, not a privilege. People on low incomes deserve governments and local authorities that value their lives. Our homes should protect us, not put our families at risk.
Grenfell Tower – eine sozialpolitische Tragödie
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Kommentare 6
  1. Fabian Goldmann
    Fabian Goldmann · vor 7 Monaten

    Bei anderen Ereignissen, die kollektive Anteilnahme und Schuldsuche auslösen (z.B. Terroranschläge, Amokläufe) wird glücklicherweise schnell der Appell laut, zumindest erst einmal die Ermittlungen abzuwarten, bevor man bestimmte Gruppen (Muslime, Videospieler) pauschal verantwortlich macht. Ich finde das sollte genauso bei brennenden Häusern gelten. Wenn die Brandursache offiziell feststeht, lässt sich immer noch auf Tories, gierige Wohungsunternehmen usw. schimpfen.

    1. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor 7 Monaten

      Mal davon abgesehen, dass in diesem und anderen Texten nicht "geschimpft" wird: Die deutlichen Hinweise auf eine bewusste Inkaufnahme einer erhöhten Brandgefahr im Glenfell Tower liegen doch bereits seit Jahren vor und sind gut dokumentiert. In den letzten Tagen sind noch viele weitere Details ans Licht gekommen, die ebenso stark nahelegen, dass hier die Sicherheit der Einwohner riskiert wurde, etwa um Kosten zu sparen (www.independent.co.uk/news/uk/p...) oder das Gebäude für die umliegenden Bezirke ästhetisch aufzuwerten (www.independent.co.uk/news/uk/h...). Dass der Brand durch einen individuellen Fehler ausgelöst wurde, ist wahrscheinlich, ja, spielt für die Betrachtung auf politischer Ebene imho jedoch keine Rolle: Brandschutzmaßnahmen sind genau aus dem Grund da, dass individuelle Fehler keine Katastrophen auslösen.

    2. Fabian Goldmann
      Fabian Goldmann · vor 7 Monaten

      @Christian Huberts Mal davon abgesehen, dass ich nichts dagegen habe, dass „geschimpft“ wird, allenfalls gegen den Zeitpunkt des „Schimpfens“, wird in der britischen Presse und Politik natürlich geschimpft. Täglich in so ziemlich allen großen Zeitungen über Tories, May, die Renovierungsfirma, den Eigentümer, den Kühlschrank-Besitzer, den Typ, der den Leichensack geöffnet hat...
      Aus Sicht von Betroffenen oder Anwohnern kann ich das völlig verstehen. Es ist auch gut und wichtig, dass Journalisten Indizien zusammentragen, wie es zu dem Brand kommen konnte. Aber der verständlicherweise aufgewühlten Öffentlichkeit schon jetzt „Schuldige“ zu präsentieren, bevor sich auch nur ein Brandermittler geäußert hat, ist m.E. oft nicht der Aufklärung, sondern den medialen Empörungsdynamiken geschuldet.
      Dieses „das war doch schon lange klar“ erinnert mich sehr an jene - auch in der britischen Presse beliebte - Berichterstattung, die noch bevor überhaupt der Täter eines Terrorangriffs, Amoklaufe feststeht, bekannt gibt, dass der Islam, die Killerspiele, die laschen Einwanderungsgesetze, Merkel… Schuld ist. 1/2

    3. Fabian Goldmann
      Fabian Goldmann · vor 7 Monaten

      @Fabian Goldmann 2/2 Nur Sicherheit: Ich bin völlig dafür, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden (und natürlich ist das nicht der Kühlschrankbesitzer). Theresa May soll dafür aus dem Amt gejagt werden (und wenn nicht dafür, gibt es noch genügend andere Gründe), der Eigentümer in den Knast kommen, Corbyn in die Downing Street und jeder Brite bezahlbaren und sicheren Wohnraum bekommen. Aber all das lässt sich verantwortungs- und pietätsvoller fordern, nachdem jemand, der für diesen Job ausgebildet wurde, festgestellt hat, was ursächlich für die Katastrophe war.

    4. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor 7 Monaten

      @Fabian Goldmann Das kann ich nachvollziehen und ich finde es ebenfalls problematisch, schnell irgendeinen Schuldigen ausfindig zu machen und zu präsentieren. Aber das passiert hier, an dieser Stelle, doch nicht wirklich, oder?

      Dawn Foster sammelt gut dokumentierte Hinweise, Zeugenaussagen und politische Versäumnisse und zieht einen schlichten, nachvollziehbaren Schluss: Diese Katastrophe sollte auch aus politischer Perspektive sehr ernst genommen werden. Eben nicht nur ein Unfall, dessen technische oder menschliche Ursache man untersuchen muss, sondern ein Unfall, der eng verwickelt ist mit politischen Prozessen und wirtschaftlichen Interessen.

    5. Fabian Goldmann
      Fabian Goldmann · vor 7 Monaten

      @Christian Huberts Ja, auf jeden Fall. Sehe ich auch so. Der These, dass so einer Katastrophe immer irgendein größeres Versagen vorausgehen muss, stimme ich auch zu.

      Aber konkrete politische oder gar allgemein gesellschaftskritische Schlussfolgerungen ("The only way to stop tragedies like Grenfell Tower from happening again is to accept that adequate housing is a right, not a privilege") geht die Frage voraus: Wie genau konnte es zu dem Brand kommen? War es die brennbare Gebäudeverkleidung? War es deren falsche Installation (zu viel Abstand, Kamineffekt)? Fehlten feuerfeste Sicherheitsriegel? Hatten die Versäumnisse, die Foster uva bennen, tatsächlich etwas mit dem Brand zu tun? Was auch immer... Erst wenn die Fragen hoffentlich bald beantwortet sind, kann man auch sicher die Verantwortlichen benennen.