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Volk und Wirtschaft

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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piqer: Thomas Wahl
Freitag, 02.10.2020

Eine kleine Geschichte der DDR-Wirtschaft

Ich hatte mir vorgenommen, zum 30. Jahrestag des Verschwindens der DDR-Volkswirtschaft eine kleine Rezension zu schreiben über das Buch Andre Steiners "Von Plan zu Plan". Eine der wenigen umfassenden und lesenswerten Publikationen zur Wirtschaftsgeschichte der DDR. Leider ist das Buch (zumindest auf Deutsch) ausverkauft und nicht neu verlegt. Was auch einiges aussagt über das Interesse an dem, wie die DDR funktioniert hat. Ich behelfe mir daher mit einer früheren Rezension des Buches und anderen Artikeln von A. Steiner. Antiquarisch ist das Buch noch erhältlich.

Ein Land ohne Kapitalisten, ohne besonders Reiche, ohne Profitstreben und "wohl geplant" im Interesse des Volkes. Man sollte meinen, dass dies ein bevorzugtes Studienprojekt aller Linken wäre. Die damalige sowjetische Besatzungszone war bereits vor dem Krieg hoch industrialisiert, mit einer erfahrenen Arbeiterklasse. An sich gute Voraussetzungen für ein Sozialismusexperiment. Für Steiner konstituierte allerdings die Wechselwirkung von Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik einen „politisch induzierten Krisenzyklus“ – von Plan zu Plan:

Diese Planwirtschaft war bewusst als Gegenmodell zum liberalen und marktverfassten System geschaffen worden. Die nach dem Krieg nicht nur im Osten anzutreffende Faszination durch die Planwirtschaft beruhte vor allem auf den historischen Erfahrungen mit den wirtschaftlichen Turbulenzen der Zwischenkriegszeit, insbesondere mit der Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre, und deren politischen und sozialen Folgen. Jedoch hatte die Planwirtschaft grundlegende, systemimmanente Anreiz-, Informations- und Innovationsprobleme, die die wirtschaftliche Entwicklung der DDR wesentlich bestimmten: Zum einen kämpfte man mit der Schwierigkeit, den Betrieben und den Beschäftigten adäquate Anreize zu schaffen, um die Effizienz der Produktion zu steigern. Zum anderen ergab sich bei dem Versuch der Steuerung einer gesamten Volkswirtschaft ein gravierendes Informationsproblem. Auch diese beiden Momente führten zu einer systemimmanenten Innovationsschwäche.

Am 17. Juni 1953 erlitt diese Wirtschaftspolitik ihre erste, nachhaltige Niederlage. Die Folge war ein defensives Denken in der Führung. Um die politische Stabilität zu sichern gingen relativ viele Ressourcen in Löhne und Sozialpolitik – zu Lasten wichtiger Investitionen. 

1961 wurde die Mauer errichtet. Die massenhafte Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften in die wohlhabendere Bundesrepublik drohte die DDR-Wirtschaft zu erdrücken. 1963 startete Ulbricht dann ein Reformprojekt, das durch marktwirtschaftliche Elemente (Eigenständigkeit, -verantwortung der Unternehmen, Dezentralisierung, Leistungsboni) das Wachstum stimulieren sollte. Dieses „Neue Ökonomische System“ 

führte trotz zwischenzeitlicher Erfolge wiederum von einer Überschätzung des Systempotenzials in eine Überspannung der Kräfte. Die technologisch-strukturpolitische Orientierung der späten 1960er-Jahre war zwar, wie Steiner zu Recht hervorhebt (S. 161), grundsätzlich dem Entwicklungsstand der ostdeutschen Volkswirtschaft angemessen. Sobald dieses Wachstumsmodell aber aus dem Ruder zu laufen drohte, reagierte das politische System mit einem Schwenk, der die nächste Krise vorprogrammierte. Das Reformjahrzehnt wurde 1970/71 nicht nur mit einer Rückkehr zum alten Planungsmodell beendet, sondern auch mit dem Übergang zu einer Sozial- und Konsumpolitik, die die wirtschaftlichen Leistungsmöglichkeiten weitgehend ignorierte.

Steiner weist auch auf die relativen Erfolge der DDR-Wirtschaft in den 60er und 70er Jahren hin. Zwischenzeitlich wurden beachtliche Wachstumsraten erreicht, Industrie und  Landwirtschaft modernisiert und der Lebensstandard spürbar erhöht. Aber, die  

Fixierung auf eine materielle Beschwichtigung der Menschen sollte sich in der Ära Honecker ... zunehmend gegen das System selbst richten. Denn die verkündete ,,Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" erwies sich unter den veränderten Bedingungen der Weltwirtschaft ab Mitte der 70er Jahre zunehmend als nicht mehr finanzierbar. Auf der einen Seite stiegen die Sozial- und Konsumausgaben des Staates sowie die Weltrohstoffpreise stetig an, auf der anderen Seite verloren die DDR-Exportindustrien wegen des informationstechnischen Vorsprungs des Westens immer mehr ihrer Weltmarktanteile. Diese auseinander klaffende Schere führte die DDR in die Schuldenkrise. 

Diese Geschichte zeigt m. E. deutlich die Probleme der direkten politischen Steuerung einer Volkswirtschaft. 

Eine kleine Geschichte der DDR-Wirtschaft

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Kommentare 4
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · vor 23 Tagen

    Wirklich spannend. Ich musste mich zum 17. Juni 1953 gerade etwas belesen, da fehlten mir die Details. Bei der bpb habe ich ein super Dossier gefunden, wo auch viele Querverbindungen geknüpft werden: https://www.bpb.de/ges...

    Außerdem fiel mir beim Lesen wieder ein piq aus dem August ein. Die Doku mit fiktiver Hauptdarstellerin bewegt sich auf den Spuren von DDR-Produkten und der Frage, ob Gebrauchsgegenstände nicht nachhaltiger designt werden können bzw. warum dies nicht so ist. Implizit lassen sich dabei auch die Mängel der Planwirtschaft erkennen, finde ich. Wobei ich mich freuen würde, wenn Rührgeräte - wie im Film das RG28 - auch heute ein halbes Menschenleben halten würden. https://www.piqd.de/te...

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 23 Tagen

      Ja, der Platz reicht nicht alles aufzuschreiben. Aber vielleicht kannst Du ja einen Blick in das Buch werfen ;-)

  2. Martina Pulver
    Martina Pulver · vor 24 Tagen · bearbeitet vor 24 Tagen

    Erhellend. Innovation, so scheint es, braucht nicht nur politische Rahmenbedingungen sondern auch ein Pflege von Leistungskultur. Letzteres muss Politik und Gesellschaft nur zulassen wollen. Doch damit ist der Individualisierung Tür und Tor geöffnet. Was wiederum die Sehnsucht so mancher nach der schützenden Gruppe ansteigen lässt.
    Eine Spannung, die sich nicht lösen aber immer wieder neu austarieren lässt.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 24 Tagen · bearbeitet vor 24 Tagen

      Ich weiß gar nicht, ob das zwangsläufig zu einer überbordenden Individualisierung bzw. Egoismus führen muß? Individualität an sich wollen wir ja. Und Innovation ist letztendlich Teamwork.

      In der DDR war es eher die Angst der Parteiführung vor dem Verlust der Macht, wenn man Eigenständigkeit zuläßt .....

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