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Volk und Wirtschaft

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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piqer: Thomas Wahl
Freitag, 03.07.2020

Die Kapitalismus-Religion in ihrem Lauf?

Der Kapitalismus hat keinen guten Ruf. Besonders nicht unter westlichen Intellektuellen. Erst jüngst hatte Giorgio Agamben in der NZZ sehr wortreich postuliert:

Der Kapitalismus ist eine leere Religion, die vollständig auf Glauben – also Kredit – beruht.

Der Kapitalismus als Religion zielt dabei nicht auf die positive Veränderung der Welt, sondern auf ihre Zerstörung. Und die Bank ist der "Hohepriester, der den Gläubigen das einzige Sakrament der kapitalistischen Religion spendet: Kredit-Schulden."

Darauf antwortet nun Kaspar Villiger mit seiner These: "Der Antikapitalismus ist die Religion der Intellektuellen". 

Mir ist bewusst, dass es tausend Definitionen von Kapitalismus gibt und dass es leicht ist, ihn mit Beispielen von Auswüchsen zu dämonisieren, die bei allem Menschenwerk halt vorkommen. Aber eigentlich trifft die ganz einfache Definition zu, wie sie etwa bei Wikipedia zu finden ist: Kapitalismus ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an Produktionsmitteln und Steuerung von Produktion und Konsum durch den Markt beruht.

Daran sei weder etwas Religiöses noch etwas Dämonisches. Es ist lediglich ein System, das sich über die letzten zweihundert Jahre entwickelt und in den modernen Staaten bewährt hat. Man kann sicher darüber streiten, ob Kapitalismus nur eine Wirtschaftsordnung ist, die in verschiedenen Gesellschaftsordnungen funktioniert – also im uhmannschen Sinn ein Teilsystem der Gesellschaft. Das wiederum nur in einer Umwelt intakter anderer Teilsysteme (Staat, Bildung) funktioniert. Oder eben wirklich die ganze Gesellschaftsordnung. Und ich würde noch hinzufügen, dass der Kapitalismus auf der industriellen Massenproduktion basiert, auf der Entstehung der "großen Maschinerie" (Marx). Was natürlich zu gewaltigen Veränderungen der Welt geführt hat, nicht immer zu positiven. 

Der eindrücklichste Beleg dafür, dass Kapitalismus funktioniert, ist seine Usurpation durch die Kommunisten Chinas. Sie widerlegen damit allerdings die liebgewonnene Überzeugung, dass marktwirtschaftliche Wirtschaftsfreiheit untrennbar mit politischer Freiheit verbunden sei. Im Unterschied zum auf Dauer untauglichen Staatskapitalismus lässt die politische Spielart des chinesischen Kapitalismus auch privates Kapital zu, und weil er eine effiziente Bürokratie einsetzt und den Markt spielen lässt, schafft er Wohlstand.

Ob Chinas KP damit auch "den Kommunismus" rettet, wie Villiger meint, das wage ich allerdings zu bezweifeln. Der Kapitalismus jedenfalls hat "die über Jahrtausende währende Normalität des Menschenlebens" mit Krankheit, Hunger, absoluter Armut und Gewalt in den meisten seiner Staaten weitgehend reduziert.

Erst die Fortschritte der letzten zweihundert Jahre haben diese Misere für einen Großteil der Menschheit beendet: spektakuläre Zunahme des Lebensstandards, Überwindung vieler tödlicher Krankheiten, Explosion der Lebenserwartung bei guter Gesundheit, dramatische Reduktion der Kindersterblichkeit, signifikante Abnahme von Gewalt gegen Menschen, Sieg über den Hunger, soziale Sicherung bei Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit.

Und ohne die Verbindung der uralten Erfindungen Geld und Kredit mit Unternehmertum, Wissenschaft, Bildung und der freien Entfaltung der Menschen in demokratischen Gesellschaften, wäre diese Entwicklung nicht denkbar gewesen. Das gilt auch für das mit Kredit und Schulden verbundene Risiko. Jede Investition, jeder Aufbruch in die Zukunft ist ein Risiko. Ohne Risiko also keine Zukunft. Dabei sind Fehler unvermeidlich. Aber wenn man mit beiden Beinen in der Wirklichkeit bleibt und nicht wie manche Philosophen mit dem Kopf über den Wolken, sollte die Menschheit das letztendlich beherrschen. Ich würde daher den Worten Villigers an Agamben zustimmen:

Das Beispiel seines Textes belegt es: Fehlt der Bezug zur Wirklichkeit, lassen sich zwar wohlklingende Sätze formulieren. Sie haben aber mit unserer Lebenswelt wenig zu tun – und wollte man sie für bare Münze nehmen, würde dies das Leid vieler Menschen auf der Welt steigern statt lindern.

Irgendwann wird "der Kapitalismus" sicher an sein Ende gelangen. Bevor wir dieses Ende allerdings bewusst herbeiführen, sollten wir möglichst genau wissen, was danach kommt und prüfen, wie gut es funktioniert ...

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