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Volk und Wirtschaft

Ungleichheit

Können wir Ungleichheit beschränken? Oder ist eine gewisse Ungleichheit nicht schlimm, sondern notwendig und vielleicht sogar erstrebenswert? Hier spüren wir der sozialen Ungleichheit, ihrer Herkunft und ihren Folgen nach.

Weitere Informationen zum Thema Ungleichheit

Von sozialer Ungleichheit spricht man, wenn Menschen je nach ihrer Stellung in der Gesellschaft unterschiedlichen Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Macht, Bildung oder Geld haben. In der politischen und ökonomischen Diskussion bedeutet Ungleichheit normalerweise die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. Als Maß für die Einkommens- oder Vermögensverteilung dient hauptsächlich der Gini-Koeffizient. Verdienen oder besitzen in einer Volkswirtschaft alle gleichviel, hat er einen Wert von 0. Bei einem Gini-Koeffizienten von 1 fällt das gesamte Einkommen oder Vermögen auf eine einzige Person. In Deutschland ist das verfügbare Einkommen mit einem Gini-Koeffizienten von 0,307 (2014) im weltweiten Vergleich relativ egalitär verteilt. Deutlich ungleicher ist die Vermögensverteilung in der Bundesrepublik.

Vormoderne Gesellschaften erachteten die Unterschiede zwischen den Menschen, die sich aus Bürgerrecht, Stand und Familienzugehörigkeit ergaben als Teil einer natürlichen Ordnung. Erst mit der Aufklärung setzte sich die Überzeugung durch, alle Menschen seien von Natur aus gleich. Ihr entsprang das meritokratische Ideal einer bürgerlichen Gesellschaft, in der nicht mehr Stand und Herkunft, sondern Leistung und Erfolg über den Zugang zu Ressourcen entscheiden. Diese Grundhaltung ermöglichte die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung führte indes zu nie zuvor gekannter Ungleichheit. Es entstanden sozialistische Bewegungen, die – gewaltsam oder durch Reformen – eine egalitäre Gesellschaft anstrebten. Unter dem Eindruck einer sozialistischen Bedrohung schufen die Industrieländer im 20. Jahrhundert Sozialversicherungen, Rentensysteme und andere Transfermechanismen, die die Wohlstandsunterschiede erheblich ausglichen.

Seit Mitte der achtziger Jahre steigen die Einkommensunterschiede in den entwickelten Volkswirtschaften wieder. Hohe Einkommen legten deutlich zu, während mittlere und tiefe Einkommen langsamer anstiegen oder gar sanken. Treiber hinter der zunehmenden Ungleichheit sind der technische Fortschritt und die Globalisierung. Zahlreiche Berufe fielen der digitalen Revolution zum Opfer. Zeitgleich entstanden neue Stellen für hoch bezahlte Spezialisten. Die Globalisierung eröffnete neue Absatzmärkte, führte aber auch zur Verlagerung von Arbeitsplätzen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Positiv daran ist, dass die Globalisierung auf diese Weise half, die Einkommensunterschiede zwischen mehr und weniger entwickelten Staaten zu senken. In vielen Ländern Asiens, insbesondere in China, entstand eine kaufkräftige Mittelschicht.

Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 hatte sich die Ökonomie kaum mit der Ungleichheitsthematik befasst. In den letzten Jahren publizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) allerdings verschiedene Studien, die zeigen, dass die Wirtschaft in Staaten mit großer Ungleichheit langsamer und weniger nachhaltig wächst. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass eine zunehmende Konzentration des Einkommens bei wenigen gut situierten Haushalten zu einer Schwächung der Konsumnachfrage führt. Denn Wohlhabende sparen einen größeren Anteil ihres Einkommens. Die ungleiche Entwicklung von Einkommen und Vermögen sollte aber nicht nur wegen des negativen Einflusses auf die Wachstumsperspektive Sorge bereiten. Zunehmende Ungleichheit verursacht auch soziale Spannungen und fördert den Aufstieg extremer politischer Kräfte.

Doch wie lässt sich die auseinandergehende Wohlstandsschere in den Industrieländern schließen? Der französische Ökonom Thomas Piketty fordert in seinem viel beachteten Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" hohe Spitzensteuersätze auf Einkommen und die Einführung einer globalen Vermögenssteuer. Die Utopie einer weltweiten Besteuerung lässt sich freilich kaum umsetzen. Und einer stärkeren Progression bei den Einkommenssteuern sind durch den internationalen Steuerwettbewerb Grenzen gesetzt. Mehr ist von gezielter staatlicher Unterstützung der Verlierer von Globalisierung und technischem Fortschritt zu erwarten. Dabei kommt Maßnahmen im Bildungsbereich eine Schlüsselrolle zu.