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Schwarzfahren im Schwarzwald

Tino Hanekamp
Autor

Tino Hanekamp war Journalist und Musikjournalist, hat in Hamburg zwei Musikclubs gegründet (Weltbühne, Uebel & Gefährlich), einen Roman geschrieben (‚So was von da‘) und unlängst ein Buch über Nick Cave ('... über Nick Cave'). Er lebt im Süden Mexikos.

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Tino HanekampMittwoch, 21.07.2021

Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT, Theo Sommer, sorgt sich in einer Kolumne um die Verschandelung der deutschen Sprache im "Wahn der politischen Korrektheit". Aufhänger: Der Hamburger Verkehrsbund will das Wort ‚Schwarzfahren‘ nicht mehr verwenden, um Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht zu diskriminieren. Neuer Begriff: "Fahren ohne gültiges Ticket“. Ich finde Sommers Kolumne aus mehreren Gründen interessant.

* Theo Sommer dürfte mit diesem Text der Mehrheit der Deutschen aus der Seele sprechen. Die verstehen nämlich laut der jüngsten Allensbach Studie (Dirk Liesemer zum Thema) gar nicht, was das alles soll mit den ganzen neuen Unwörtern, dem Gendern und all dem Das-sagt/macht/darf-man-nicht-mehr. Und das dürfen gerade die Befürworter und Befürworterinnen dieser Entwicklungen nicht aus dem Blick verlieren. Stichwort Demokratie etc.

* Es wird immer gleich polemisch! So auch bei Sommer, der allen Ernstes fragt: "Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen?" Dabei weiß er natürlich, dass das Schwarz im Schwarzfahren negativ konnotiert ist (wenngleich natürlich nicht auf Hautfarben bezogen), das Schwarz im Schwarzwald aber nicht. Man möchte ihm zurufen: Nu mal bitte keine Panik machen!

* Die unterschiedlichen Erfahrungswelten. Sommer findet es schlimm, dass das Wort Schwarzfahren aus dem "Sprachschatz" gestrichen wird (Was ja noch abzuwarten wäre, ob das wirklich passiert.), zumal "nicht bekannt geworden" ist, "dass auch nur ein einziger sich beschwert hätte" — also ein Schwarzer über das Wort Schwarzfahren. Hat er Menschen mit dunkler Hautfarbe gefragt? Mir ist das mal passiert, vor knapp 20 Jahren. Mit Freunden in einer S-Bahn in Mainz, und ich – ganz in Schwarz – sage so aus Gag und blöd besoffen, guckt mal ich bin Schwarzfahrer, und ein Mann mit schwarzer Hautfarbe zuckt getroffen zusammen. Einen gibt’s schon mal! Mir tat es furchtbar leid, der Mann wollte meine Entschuldigung nicht hören, er wandte sich traurig ab. Die Frage ist vielleicht eher, ob einem diese Traurigkeit bei Menschen, die so ein Wort trifft, so wichtig ist, dass man deswegen den deutschen Sprachschatz modifizieren möchte. Aber dass es Leute trifft, davon kann man mal ausgehen. Im Zweifel selber kleine Umfrage starten.

* Es landet schnell alles in einem Topf. Sommer beklagt zum Beispiel auch, dass die Lufthansa die Anrede "Sehr geehrte Damen und Herren" abschaffen will. "Aus Rücksicht auf jene wenigen in einer Bevölkerung von 83 Millionen", so Sommer, "die sich als "divers" registriert haben – bis Ende September ganze 394 Erwachsene?" Und da hat er natürlich einen Punkt. Aber ist das nicht ein anderes Thema? Dass man Begriffe wie Zigeunersoße, Negerkuss und vielleicht auch Schwarzfahren überdenkt, weil sie diskriminierend sind oder im Falle des Schwarzfahrens sein können – ein Thema. Dass man gendert oder wie man gendert, um Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen – anderes Thema. Und dass man eine Gruppe Menschen nicht mehr mit "meine Damen und Herren" anredet, weil sich ausgeschlossen fühlen könnte, wer keins von beidem ist – wieder anderes Thema. Müsste man das nicht anstrengenderweise alles einzeln behandeln? Muss es da nicht in jedem einzelnen Fall idealerweise eine Debatte zu geben, wie auch immer das funktionieren soll? Hilft es weiter, wenn wir uns in Sprachbewahrer und Sprachveränderer aufteilen? Ist die Sprache nicht immer im Wandel, wie schon von Humboldt sagte, den diesbezüglich auch Sommer zitiert, und ist das nicht immer ein langer Prozess? Das gilt natürlich vor allem für jene, die alles sofort ändern wollen und aus vollen Rohren auf die Bewahrer oder einfach nur Überrumpelten schießen. Letzteren gibt Theo Sommer hier eine Stimme. Auch die muss man hören.

Schwarzfahren im Schwarzwald

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Kommentare 14
  1. Winfried Schrödter
    Winfried Schrödter · vor 3 Tagen

    Eins ist mir jetzt klar geworden: Die Debatte zeigt, wie ungeheuer humorlos diese politische Korrektheit ist. Den Mächtigen hat Humor ja nie gefallen. Und Humor geht oft auf Kosten von jemand. Wenn wir den dann beruhigen: "Das war doch Spaß!" dann meinten wir schon immer: "Akzeptiere die Verletzung!" Also sind wir dünnhäutiger geworden? Ja, ich glaube schon.

    1. Tino Hanekamp
      Tino Hanekamp · vor 3 Tagen

      Wenn man selber nicht verletzt wird, hat man natürlich auch gut lachen. Und die so genannte politische Korrektheit will nicht die Mächtigen schützen, sondern Minderheiten, die bisher keine Macht hatten, sich gegen Verletzungen zu wehren. Aber stimmt schon, Spaß versteht da keiner mehr. Genereller Humortipp: Immer nach oben witzeln, nicht nach unten. Über die Starken macht man sich lustig, den Schwachen hilft man über die Straße.

    2. Annette Janssen
      Annette Janssen · vor einem Tag

      Seltsam, dass Humorlosigkeit immer denen nachgesagt wird, die Missstände aufzeigen. Ich kann herzhaft lachen über Sachen, die mich nur wenig angehen, oder gar verletzen. Ernst werde ich dagegen, wenn ich auf empathiearme Menschen treffe, die Humor mit Lächerlich machen verwechseln und dieses dann auch noch als Stilmittel in der Diskussion verwenden.

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 7 Tagen

    Als die Anzahl der im Mittelmeer ertrunkenen Schwarzen jäh anstieg, entstand der Rat, den Ausdruck "Schwarzfahren" in Hamburg nicht mehr zu verwenden, das wäre nicht achtsam.

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 7 Tagen

      Meines Wissens fing es in München an, 2012 mit einem Einwurf des Linken-Stadtrats Orhan Akman https://www.abendzeitu...

  3. Dirk Liesemer
    Dirk Liesemer · vor 7 Tagen

    Eigentlich spannend, dass das funktioniert: Irgendein Aktivist hält einen Begriff für rassistisch, andere stimmen ihm zu, Linguisten widersprechen, bringen Gegenargumente, aber trotzdem folgen unsere Institutionen am Ende lieber einer kleinen aktivistischen Szene und ändern das Vokabular. Von dem Spruch, dass man der Wissenschaft folgen soll, bleibt in der Praxis nicht viel übrig.

    1. Annette Janssen
      Annette Janssen · vor 6 Tagen

      Wenn das derart funktionieren würde, wären Frauen heute in allen Belangen gleichberechtigt.

  4. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 7 Tagen

    wunderbarer piq...

    auf twitter schlug schon jemand vor, eine Petition zu starten, dass der Schwarzwald umbenannt werden soll...nur um zu sehen, wie die Panikmacher explodieren.
    Wobei so absurd ist es vielleicht auch nicht oder? Warum heißt er Schwarzwald? Weil er dunkel ist und den Menschen von daher unheimlich war? Dann wäre es doch recht nahe dran an der "Schwarzfahren-Sache".

    Ich würde ja davon ausgehen, dass "Dunkelheit" und "Schwärze" und "Nacht" auf der ganzen Welt die Symbolwelt für das Schlechte, Böse und Gefährliche darstellen. Und ich würde annehmen, dass das daran liegt, dass wir in der Dunkelheit eben einen Kontrollverlust erleben, der uns Angst macht. Oder kommen die Geister irgendwo auf der Welt mittags um 12?

    Und ja - die Antwort ist glaube ich tatsächlich die Generalisierung, bzw. eben das Abstand nehmen davon.
    Ich verstehe schon, dass diese Themen und der neue Umgang damit irgendwie als Teil eines Komplexes wahrgenommen werden. Popt halt jetzt alles gemeinsam auf und die Debatten haben ja eben offensichtlich strukturelle Ähnlichkeit.
    Aber wenn die einen eben darauf verzichten könnten, immer den einen Fall mit Verweis auf den anderen abzulehnen und wenn die anderen, darauf verzichten könnten, eben auf eine für alle und alles geltende Regel zu bestehen, dann wären wir da schlagartig weiter.

    Es gibt natürlich, wie immer, Minimalforderungen. So kann ich das z.B. nicht diskutieren, mit jemandem, der da sowieso jede Dynamik ablehnt. Also dass Sprache sich ändern darf und dass es auch Sinn macht zu diskutieren wie, das muss schon gelten.
    Genauso wenig Lust habe ich aber auf der anderen Seite, dass andere für mich entscheiden wollen, wie ich es in jedem Einzelfall zu machen habe.

    "Leser*innen" z.B. will ich gendern, weil ich möchte, dass sich da alle angesprochen fühlen und es ja offensichtlich um eine Gruppe von Personen geht.
    "Medienpartner" hingegen will ich nicht gendern - da geht es eher um Gruppen oder Unternehmen und der geschlechtliche Verweis ist wumpe.
    ...und so kann man doch herrlich über jeden Einzelfall diskutieren, sich einigen, damit umgehen, was lernen und es unterschiedlich lösen.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 7 Tagen

      Wunderbar, verbieten wir doch das Wort und die Farbe Schwarz. Am besten auch noch die schwarze Nacht - es werde Licht überall, immer ….

    2. Tino Hanekamp
      Tino Hanekamp · vor 6 Tagen

      @Thomas Wahl Herr Wahl, wutbürgern Sie etwa?

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 6 Tagen

      @Tino Hanekamp Ich finde es eher erheiternd …. Einem Land, dass solche Probleme so diskutiert, dem muß es eigentlich gut gehen. Könnte aber sein, ich irre ….

    4. Tino Hanekamp
      Tino Hanekamp · vor 6 Tagen

      Herr von Jordan, danke für das Lob und die Gedanken.

    5. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 6 Tagen

      @Tino Hanekamp ...ganz meinerseits Senor Hanekamp.

    6. Michael Praschma
      Michael Praschma · vor 6 Tagen

      Ich fände es auch nützlich, wenn da mal ein bisschen Luft aus dem Kessel käme.

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