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"White Supremacy" auf der Berliner Museumsinsel

Susanne Franzmeyer
Piqer für Radio Features
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Susanne FranzmeyerDienstag, 05.07.2022

Der mehrfach preisgekrönte Feature-Autor Lorenz Rollhäuser hat sich schon vor einigen Jahren in seinem Feature "Haus der weißen Herren", das ich hier ebenfalls empfohlen hatte, und in einem kritischen Audiowalk um das damals noch nicht eröffnete Humboldt-Forum – Titel "Große Geste weiße Welt" – mit dem problematischen Umgang der hiesigen Kurator*innen mit ausgestellter Raubkunst und "White Supremacy" im Ausstellungswesen beschäftigt.

"Es ist eine Definitionshoheit, es ist der Anspruch eigentlich, über Geschichte zu bestimmen, die Geschichte zu beschreiben und zu sagen: Also nur wir haben die Bildung und den Hintergrund, diese Geschichte zu verstehen. Also nur wir können die Steine deuten, die wir da aus dem Boden holen."

Auch in dem aktuellen Feature "Auf Sumpf gebaut – imperiale Träume auf der Berliner Museumsinsel", das in Zusammenarbeit mit Dr. Mirjam Brusius vom Deutschen Historischen Institut London entstand, dreht sich wieder alles um dieses Thema. Brusius forscht zur Museumsgeschichte in kolonialen Kontexten. Nach ihrer Promotion in Cambridge lehrte sie an der University of Oxford, der Harvard University und am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

"Wir wissen zwar um die ideologische Basis des Faschismus, wir wissen auch, dass die Nazis für die Antike schwärmten, aber wir denken das alles nie richtig zusammen."

Diesmal liegt der Fokus auf der gesamten Berliner Museumsinsel und einem darin erkennbaren, längst nicht mehr zeitgemäßen Narrativ, das an alten imperialistischen Vorstellungen und der Überlegenheit eines weißen Bildungsbürgertums festhält.

"White Supremacy ist das, was Preußentum und Faschismus eint. Dieser Glaube an die eigene Überlegenheit ist der Sumpf unter den mächtigen Säulen, wie er sich heute in der Verbindung von Preußen-Nostalgie und Rechtsradikalismus zurückmeldet. (...) Überall sind Rechte mit von der Partie. Doch das konservative Bürgertum tut weiterhin so, als ob man das eine vom anderen fein säuberlich trennen könne."

Die unter fragwürdigen Umständen in den Museen angesammelte "Weltkultur" soll zwar ausgestellt, aber die aktuelle "Weltkultur" zu integrieren und in einen Dialog einzubinden – das wurde lange nicht einmal in Erwägung gezogen.

"Jahrzehntelang war niemand auf den Gedanken gekommen, die türkischen und kurdischen Migrant:innen im nahen Kreuzberg als Angehörige der Source Communities des Pergamon-Altars und anderer Werke auch nur in Betracht zu ziehen. Erst 2015, mit der Ankunft vieler Menschen aus Syrien und dem Irak, setzte ein vorsichtiges Umdenken ein. (...) 'Multaka' ist ein Versuch, Museen, die archäologische und historische Objekte hüten, aus der Vergangenheit in die gesellschaftliche Gegenwart zu holen und dabei die Kompetenzen von Menschen mit Migrationserfahrung zu nutzen, zum beiderseitigen Gewinn. Doch die Neuen bleiben hier letztlich Gäste. Sie arbeiten auf Honorarbasis, und auf die Story, die in den Museen erzählt wird, haben sie kaum Einfluss. Eine wirkliche Auseinandersetzung damit, wie die imperiale Politik des 19. Jahrhunderts mit heutigen Fluchtbewegungen zusammenhängt, findet weiterhin nicht statt."

Interessant ist insbesondere der Blick der internationalen Wissenschaftler*innen auf die Ausstellungskultur auf der Museumsinsel, die Parallelen der Narrative bis hin zu Nazideutschland ziehen.

"Wie könnte man denn auf der Museumsinsel ein anti-koloniales Narrativ schaffen?' (...) – 'Ganz offensichtlich geht das nicht. Die Museumsinsel ist ja gerade der Höhepunkt dieser Erzählung. Anders könnte man gar nicht zu Adolf gelangen. Man muss doch begreifen, wie man dahin gekommen ist."

Bis 1995 war das Neue Museum auf der Museumsinsel eine Ruine. Es wuchsen Birken aus den Fensterhöhlen. Auch das Pergamonmuseum trug erkennbare Kriegsschäden davon. Rollhäuser meint, die Wende wäre eine Chance auf einen architektonischen wie konzeptionellen Neuanfang auf der Museumsinsel gewesen. Doch anstatt die Spuren der Geschichte sichtbar zu lassen und zu historisieren, entschied man sich für Rekonstruktion und die Erneuerung des Alten. Das Unschöne sollte dem Schönen weichen. Ist das nicht Geschichtsklitterung? Zumindest ist es schade, und eine verpasste Chance, die ausgestellte Geschichte anders einzubetten und zu erzählen. Das Ergebnis: Die Museen, die Orte der Bildung, Aufklärung und Begegnung sein sollen, erzählen die Geschichte der europäischen Zivilisation hier sehr einseitig und unreflektiert. Sie ziehen dafür international zusammengeklaubte Kunstobjekte heran, die unter fragwürdigen Umständen erworben wurden, und die Lücken an ihren Ursprungsorten hinterlassen haben. Die Kunsthistorikerin Wendy Shaw:

"Als jemand türkischer Abstammung kommen mir beim Pergamon-Museum unweigerlich meine Reisen an verschiedene Orte in den Sinn, und mir wird klar: Ah, das stand da mal! Das fehlte da also!"

Jas Elsner, Kunsthistoriker von der Oxford University, weist darauf hin, dass eine "Bildungskultur" auch in der Geschichte nicht immer zum Guten geführt habe, selbst, wenn das das gängige Narrativ ist:

"Immerhin war es das beste Universitätssystem der Welt, von, sagen wir mal, 1850 bis 1933, wahrscheinlich genau bis zu dem Moment, als sie die Juden auf die Straße setzten. Und es produziert Humanismus. Und zwar einen unglaublichen Humanismus, immerhin war Einstein Teil des Humanismus. Man kommt also kaum umhin, dieses System zu loben. Und immer wurde uns erzählt, dass das Studium der Geisteswissenschaften dich zu einem besseren Menschen macht. Das tut es aber nicht, hat es auch nie getan. Und das ist eins der Probleme. Die Nazis haben bewiesen, dass aus den bestgebildeten, humansten Menschen genau das Gegenteil werden kann. Und Bildung macht dabei nicht den geringsten Unterschied."

Es kommt also darauf an, wie offen man mit der eigenen Geschichte bereit ist, umzugehen. Es ist längst an der Zeit, die Geschichte der Museumsinsel und das, was es dort zu sehen gibt, neu zu betrachten und sich der aktuellen "Weltkultur" nach außen hin zu öffnen. Weltoffen, wie sich Berlin gibt, muss die Hauptstadt einen anderen Umgang mit dieser Art von "kulturellem Erbe" finden – und sollte einen kritischen Dialog mit der Welt jenseits des traditionell weiß geprägten Bildungsbürgertums hier zulassen. Aber die Kurator*innen müssen das wollen und an den entsprechenden Stellschrauben drehen. Engagierte Honorarkräfte und renommierte Kunsthistoriker*innen können da alleine wenig ausrichten – auch wohl das Autorenduo dieses Features nicht. Sie können nur entsprechende Denkanstöße geben und zur öffentlichen Diskussion anregen. Aber immerhin das!

"White Supremacy" auf der Berliner Museumsinsel

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Kommentare 5
  1. J.W. Mohn
    J.W. Mohn · vor einem Monat

    "Jahrzehntelang war niemand auf den Gedanken gekommen, die türkischen und kurdischen Migrant:innen im nahen Kreuzberg als Angehörige der Source Communities des Pergamon-Altars und anderer Werke auch nur in Betracht zu ziehen."

    Schon allein dieser eine Satz entlarvt das ideologiegetriebene, von Wissen und Wissenschaft weitgehend freie Konzept der "Museumsgeschichte in kolonialen Kontexten". Wenn möglichst umfassende Bildung als das Ideal eines "weißen Bildungsbürgertums" heute nicht der ikonoklastischen wokelinkspopulistischen Verachtung anheim gegeben würde, wüsste man, warum der zitierte Satz eine schlichte Dummheit (im Sinne einer bewusst gewollten Unwissenheit) offenbart.

  2. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor einem Monat

    Natürlich wollen können wir Bildung Humanismus Historismus und Museums'kultur' nicht zusammen denken mit Faschismus white supremacy Kolonialismus.
    denn Auch wenn die 'bestgebildesten' humanistischen Deutschen grausame Nazis werden konnten, sind sie es nicht deswegen geworden, davon bin ich überzeugt.

    Aber ja:
    Bildungsbürgertum hat seine eigenen Werte und Ziele nicht eingehalten und fängt erst langsam an, die parallelen (!) Wurzeln mit Kolonialismus und Faschismus wahrzunehmen wahrzuhaben. und endlich sog. source communities (=hatte diesen Begriff bisher noch nicht gehört) einzubeziehen.

    und natürlich ist insofern die Art der Gestaltung von Humboldtforum etc. schon aus der Zeit gefallen...

    (Raub- und Kolonialkunst und Museumsbestände sind aber komplexer als "nur" sie zurück geben zu müssen.
    und ja mir ist bewusst wie paternalistisch das folgende klingt:
    wer möchte jetzt irgendwelche Kunst an Erdogans Türkei oder gar Syrien Irak Afghanistan etc. wieder zu geben? An zt failed states in afrika?)

    Wieder zum Thema Humboldtforum zurück:
    wie lange wollen wir noch darüber diskutieren ohne im großen klar Tisch zu machen!?

  3. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Monat

    Ich habe nicht den ganzen Beitrag gehört, aber die Museumsinsel war nicht bis 1995 eine Ruine. Nur das Neue Museum war es.

    Vielmehr: Insgesamt war es neben den Museen im Dresdner Zwinger die wichtigste und beliebteste Museumslandschaft in der DDR.

    Scharenweise kamen Touristen aus der ganzen Welt.

    Laut dieser Chronik in der bestimmt nicht DDR-nostalgischen WELT war das seit 1958 so: https://www.welt.de/we...

    1. Susanne Franzmeyer
      Susanne Franzmeyer · vor einem Monat

      Danke für die Anmerkung.

    2. Susanne Franzmeyer
      Susanne Franzmeyer · vor einem Monat

      Hab es im Text geändert. Hatte ich hier falsch wiedergegeben.

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