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Zeit und Geschichte

Die Wiederentdeckung von Karl Polanyi

Stefan Dierkes

Stefan ist einige Jahre alt und ist gelernter alphabetophiler Prokrastinierer. Daher sind seine Schriften bislang vor allem im Gyrus supramarginalis erschienen.

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Stefan DierkesMontag, 26.07.2021

Auch dieser Text ist eigentlich eine Wiederentdeckung, da er schon 2019 verfasst wurde. Dennoch ist dieses Feature von Dieter Schnaas über den Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi und dessen Hauptwerk Die Große Transformation (1944) absolut lesenswert, weil dessen Renaissance andauert, zB in wissenschaftlichen Konferenzen oder insbesondere in grünen und linken Kreisen (wie hier beim Jacobin).

Polanyi, so Schnaas, ist insbesondere durch die 2008er Finanzkrise und die Klimakrise wieder rezipiert worden, denn:

Fast alles, was klassisch denkenden Ökonomen bis auf den heutigen Tag anbeten, hat Polanyi damals als „economistic prejudice“ angezweifelt und als verdorbene Frucht eines „kruden Utilitarismus“ gemaßregelt.

Schnaas beginnt damit, wie Polanyi von verschiedensten Wissenschaftlern wie Philipp Ther, Andreas Reckwitz, Wolfgang Streeck oder Philipp Staab rezipiert wird und nähert sich darüber den Stärken von Polanyis Denken, dass auch heute besonders bleibt, weil es den quasi-religiöse Glauben an einen sich selbst regulierenden Markt ausführlich seziert.

Worum also geht es in „The Great Transformation„? Nun, Polanyi beschreibt das „frivole Experiment“ der Kommodifizierung von Land, Kapital und Arbeit im England des 18. und 19. Jahrhunderts und die allmähliche Durchsetzung (der Idee) eines selbstregulierenden Marktes – ein Prozess, den er Mitte des 19. Jahrhunderts für abgeschlossen, in seinen unmittelbaren (sozialen) und weiteren (weltpolitischen) Folgen für eine Katastrophe hält. Im Unterschied zu allen früheren Gesellschaften, argumentiert Polanyi, seien die wirtschaftlichen Märkte in der modernen Marktgesellschaft nicht mehr „eingebettet“ („embedded“) in die Gesellschaft und ihre sozialen Institutionen, nicht mehr verwachsen und verwoben mit dem Alltagsleben der Menschen

Diese Umkehr - dass das ökonomische System keine Funktion der gesellschaftlichen Selbstorganisation mehr ist, sondern umgekehrt: die Gesellschaft eine Funktion der wirtschaftlichen Ordnung und ökonomischen Logik - ist laut Polanyi "die große Transformation". Schmaas bettet Polanyi auch in seinen historischen Kontext ein (zB neben Schumpeter, Hayek, Adorno/Horkheimer, Popper) und argumentiert bzgl. seiner späten Renaissance:

Wahrscheinlich war er in Nachkriegsdeutschland so lange vergessen, weil man ihn als Vertreter eines „Dritten Weges“ in den Jahrzehnten der „Sozialen Marktwirtschaft“ nicht wirklich brauchte. [...] Polanyi lehnte, der christlichen Soziallehre verpflichtet, das zwecklose Fortschrittspathos der Liberalen genauso ab wie den Geschichtsdeterminismus der Marxisten.

Zum Fortschrittsmythos bei Polanyi fasst Schmaas weiter zusammen:

Diesen Epochenbruch, diesen mit Blick auf die Annexionen ferner Länder und die Unterwerfung fremder Kulturen auch höchst gewalttätigen Prozess mit seinen tiefgreifenden sozialen Verwerfungen und lebenskulturellen Entwurzelungen als evolutionären Prozess, als der tauschbereiten Natur des Menschen entsprechende Fortschrittserzählung gedeutet, sie aus Profitinteresse auch verharmlost, ja: verheiligt zu haben, hält Polanyi für eine intellektuelle Bankrotterklärung oder für zynisch – oder für beides.

Und auch zum Thema Staat-Markt können wir Polanyis Denken wieder befragen, so Schmaas:

Besonders eindrücklich gelingt Polanyi die Dekonstruktion einer anderen liberalen Fiktion: die Fiktion vom „Staat“, der den „Markt“ an der Entfaltung seiner segenbringenden Kräfte hindert (Hayek). Polanyi zeigt, dass die Befreiung des Marktes von Anfang als „Doppelbewegung“ stattgefunden hat (ein weiterer zentraler Begriff seines Werkes): als (staatliche) Entbindung der Marktgesellschaft und ihre gleichzeitige Regulierung. Dass dieser Befund für jeden Historiker und Soziologen trivial ist, kann man Polanyi nicht vorwerfen; er ist zu Recht der Auffassung, der klassischen Nationalökonomie auch noch das Allerersichtlichste vor Augen führen zu müssen

Dieses ausführliche Feature zu Karl Polanyi gibt einen guten Einblick in sein Werk und lässt hoffen, dass es noch weiter rezipiert wird, denn trotz seiner vernichtenden Analyse blieb Polanyi vom Segen der individuellen Freiheit und der Veränderbarkeit der Zustände überzeugt:

Eine andere Welt ist möglich.

Die Wiederentdeckung von Karl Polanyi

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Kommentare 5
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 3 Monaten

    Danke, auch für die vielen zusätzlichen Informationen und Materialen.

    Dennoch möchte ich sie ergänzen durch diese bemerkenswerte Publikation POLANYI NEU ENTDECKEN:
    https://www.vsa-verlag...

    Im Vorwort bemerkt Michael Brie:

    Es ist Zeit für einen neuen Dialog der Linken. Dazu ist auch eine erneute und vertiefte Rezeption jener Denker notwendig, die Kapitalismus und Marktgesellschaften einer Analyse und Kritik unterzogen haben. Zu diesen Denkern gehören Karl Polanyi und Nancy Fraser. Ich möchte mit diesem Buch, das auch Texte beider versammelt, die bisher in Deutsch nicht oder nicht vollständig vorlagen, Karl Polanyi neu entdecken, indem ich versuche, ihn mit Nancy Fraser ins Gespräch zu bringen – um die Herausforderungen für die Linken zu verstehen.

  2. Silvio Andrae
    Silvio Andrae · vor 3 Monaten

    Vielen Dank für den Texthinweis. Ich fand das Buch "From the great transformation to the great financialization" (2013) von Kari Polanyi Levitt wichtig. Danach ist die Interpretation nicht ganz eindeutig, wonach Polanyi den Staat als zentralen Agentur für die soziale Einbettung der Wirtschaft begreift.
    Sehr lesenswert ist zudem der Aufsatz des Soziologen Christoph Deutschmann im Leviathan (Vol. 43, No. 4 (2015), pp. 539-566), der Polanyi eine gewisse Janusköpfigkeit in Bezug auf die Märkte im liberalen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts vorwirft. Polanyi hielt den liberalen Kapitalismus in seiner "Great Transformation" für eine "krasse Utopie", deren Realisierung die "menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft" vernichten müsse (S. 19f). Wir wissen, hier irrte Polanyi. Der liberale Kapitalismus war nicht tot, er kehrte in Form der Globalisierung und Finanzialisierung zurück.

  3. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 3 Monaten

    Spannend - danke. Das kleine Problem ist nur - es sind viele andere Welten möglich. Und man weiß nie, welche man letztendlich bekommt mit seinen zunächst abstrakten Strategien.

  4. Michael Eisner
    Michael Eisner · vor 3 Monaten

    Der war übrigends als Österreicher deutschsprachig, es gab eine Sonderbeilage im Wiener Falter zu ihm und seinen Thesen.

    1. Stefan Dierkes
      Stefan Dierkes · vor 3 Monaten

      Vielen Dank für Ihren Hinweis! Die Karl Polanyi Gesellschaft in Wien hat die Falter-Beilage auch als PDF zum Download bereit:

      http://www.karlpolanyi...

      Und ein ebook über Polanyi gibt's dort auch zum freien Download (http://www.karlpolanyi...) Genug Lesestoff für die nächste Zeit dann.

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