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Literatenfunk

WAHN UND WAHRHEIT

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Montag, 19.08.2019

WAHN UND WAHRHEIT

„(Wenn Sie diese Geschichte vorlesen, geben Sie Ihren Zuhörern Schälmesser und fordern Sie sie auf, den Hautlappen zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger durchzuschneiden. Bedanken Sie sich anschließend.)“ 

Rät die mexikanisch-amerikanische Autorin Carmen Maria Machado und fordert ihre Leserinnen sozusagen zum Mitmachen auf. Das Debüt "Ihr Körper und andere Teilhaber" ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich.

Zum einen stellen Machados Erzählungen die Grenzen des Realen in Frage und überschreiten sie zuweilen. Sprache, Körper und Sexualität werden so neu erkundet. Faszinierend ist dabei, wie selbstverständlich eingefahrene Wege unserer Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen aufgegeben werden, besonders in Texten, die sich mit Körperkonzepten beschäftigen. So wird in „Der Extrastich“ die totale Auslieferung einer Frau an die männliche Befehlsgewalt in der Ehe geschildert, der Ausdruck, „den Kopf verlieren“ wörtlich genommen und durchgespielt. Die Frau bietet dem Mann alles, belässt aber das Tabu eines Bändchens um ihren Hals, an das er nicht rühren darf. Er verlangt schließlich genau das, worauf die Beziehung, die Frau, die Liebe zerfällt.

Machado arbeitet mit Symbolen, bezieht sich auf Motive aus Märchen, Träumen, Schauergeschichten und nimmt vor allem Sprache wörtlich. Mittels Sprache dringen Herrschaftsstrukturen in die Körper von Frauen, beeinträchtigen sie, verstören sie, zwingen sie in vorgefertigte Muster. Die Worte kolonisieren ihre Gedanken und geben oft den Lauf dieser Erzählungen vor.

So schreit z. B. in einer Geschichte ein Mädchen erschrocken auf, weil es unter dem Gemüse im Supermarkt Zehen gesehen hat. Die Mutter beteuert, es wären nur Knoblauchzehen gewesen, das Mädchen meint aber, solche von Menschen bemerkt zu haben. So schwanken die Wahrnehmungen ständig zwischen Wahn und Wahrheit, vermengen Abstraktes mit Konkretem. Einer anderen Erzählung, die fantastisch anmutet, liegt die Unsitte von Magenverkleinerungen zugrunde, der sich übergewichtige Frauen unterziehen, um den von Medien suggerierten idealen Körpernormen zu entsprechen. Diese gewaltsamen Eingriffe werden verklärt und zelebriert, ins Märchenhafte verzerrt.

Die weiblichen Körper bei Machado leiden aber nicht nur, sie haben auch viel Sex, genießen sich gegenseitig und ausdauernd, erfahren Orgasmen im Überfluss.

In meiner Lieblingsgeschichte „Echte Frauen haben Körper“ beschreibt eine Erzählerin, wie sie nach und nach begreift, dass in den Ballkleidern eines Verleihs die Stimmen von Frauen wohnen, deren Körper sich aufgrund eines Virus auflösten. Das Unheimliche ersteht hier weniger aus dem Übernatürlichen, sondern daraus, dass diesem Unsichtbarwerden von weiblichen Körpern auf der realen Ebene eine ständig lauernde Bedrohung entspricht. Dass Frauen als verrückt bezeichnet und eingesperrt werden, wenn sie nicht parieren. Dass ihnen Gewalt angetan wird oder dass sie sich selbst Gewalt antun. Dass sie einfach verschwinden und keiner will das Flüstern ihrer Seelen hören.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Protagonistinnen von Machados Erzählungen meist nicht einer gebildeten, heterosexuellen und finanziell gut gestellten Elite entstammen, sondern dass es Arbeiterinnen, Näherinnen, Lieferantinnen sind. In dieser gesellschaftlichen Klasse, viele Frauen sind dazu lesbisch oder bisexuell, ist es noch einmal wahrscheinlicher, verlorenzugehen, ohne vermisst zu werden. Weil diese Menschen zu Zeiten des Turbokapitalismus kaum noch etwas wert sind.

Zum anderen haben Machados Texte erzähltechnisch einiges zu bieten. Einmal werden Leserinnen direkt angesprochen, indem die Autorin Handlungsanweisungen gibt, wie eingangs erwähnt. Einmal präsentiert sie Geschichten als Versionen mit verschiedenen Ausgängen ins Irreale. Die Leserinnen sollen sich was aussuchen.

Ein weiterer Text hingegen wiederholt den Irrsinn von TV-Serien, indem Machado sämtliche Staffeln und Episoden von "Law and Order" in ein paar Zeilen nacherzählt. 

Dann wiederum spielt die Autorin mit Erwartungshaltungen, indem sie die Moral einer Geschichte einfach auslässt und es heißt lapidar: 

„Für diese und andere offene Fragen möchte ich mich entschuldigen.“

Carmen Maria Machado beschreitet gewitzt und poetisch neues Terrain. Ich habe mich ihren Texten staunend und mit Vergnügen ergeben.

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