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SOMMERLEKTÜRE – KOLONIALE ERINNERUNGEN

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Mittwoch, 12.06.2019

SOMMERLEKTÜRE – KOLONIALE ERINNERUNGEN

Vor 45 Jahren befreite sich Portugal mit einer friedlichen Revolution aus der jahrzehntelangen Diktatur. Damit verzichtete das Land auch auf seine afrikanischen Kolonien. Seit den Eroberungen im 15. Jahrhundert bis zu jenem 25. April 1974 verstand sich Portugal als Empire, dessen afrikanischen Gebiete das Vielfache des Mutterlandes umfassten. Die meisten der dort seit Generationen lebenden Portugiesen verließen mit der Unabhängigkeit Angola und Mozambique, um fortan im Mutterland zu leben, das sie gar nicht kannten.

Davon erzählt die in Mozambique geborene Isabela Figueiredo im „Notizbuch kolonialer Erinnerungen“, das bislang nur in der Originalversion und in einer englischen Fassung verfügbar ist. Auf eindringliche Weise macht sie das Dilemma der sogenannten Retornados deutlich, die über Nacht zu Exilanten wurden. Nach Portugal verfrachtet, verkörpern sie das schlechte Gewissen der ehemaligen Kolonialherren und werden als Stigmatisierte nicht gerade freundlich aufgenommen. Geschrieben aus einem Abstand von Jahrzehnten konzentriert sich Figueiredo auf Schilderungen ihrer Kindheit, angetrieben von der Wut auf ihren Vater, der sie als Vertreter des Kolonialismus zur Komplizin gemacht hat. Zwischen den Fronten von schwarzen Kolonisierten und weißen Herrschern bestimmt das geopolitische Schicksal die Tochter von Anfang an zur Mitschuld. Die Unausweichlichkeit dieser Konstellation generiert Hilflosigkeit und in der Folge Wut. Doch ist es eine mit Liebe vermischt Wut. Die Tochter fühlt sich schuldig, weil sie diesen Vater liebte und nun mit dem Ende des Kolonialreichs erfahren muss, dass er das ungerechte System mit verkörperte.

Die Abgrenzungen der Portugiesen gegenüber den Einheimischen waren brutal. Rassismus alltäglich. Schwarze werden als Tiere bezeichnet, willenlos, die dressiert werden müssen, um irgendwas im Leben zu schaffen. Schwarze Frauen müssen den weißen Männern sexuell zu Verfügung stehen, ohne Recht, sich dagegen zu wehren. Nicht einmal Namen tragen sie in den Erzählungen der Portugiesen. Die weißen Frauen verdecken ihre Demütigungen durch die untreuen Ehemänner, indem sie die schwarzen Frauen in den Dreck ziehen. Die Tochter jedoch wird ins Weiße gezwungen. Ihre helle Haut und ihr blondes Haar werden durch weiße Kleidung unterstrichen, die nie beschmutzt, nie staubig, dunkel, fleckig werden darf. Das Mädchen wächst im Schatten des Vaters auf.

In kurzen Sätzen schildert die Autorin einzelne Szenen, eindringliche Bilder, präzise und poetisch, immer getrieben von ihrer Wut. Denn es gibt keine Lösung. Die weißen Herrscher, die erst noch auf eine Art südafrikanische Lösung, ein brüderliches Zusammenleben von schwarz und weiß gehofft hatten, werden von der Politik des Mutterlands diesbezüglich im Stich gelassen. Ihre Rückkehr gestaltet sich dann umso bitterer. In Portugal sind sie selbst mit einem Mal die Fremden, deren Geschichten keiner hören will. Doch ihr herrschaftliches Gehabe können sie so schnell nicht aufgeben.

„Die Portugiesen aus Portugal hatten ihre Köpfe mit kleinen Ideen gefüllt, oh, wie klein und dumm und zurückgeblieben und gemein die waren! So hässlich, mit ihrer rauen Haut, ihre körperlichen Extremitäten beschädigt von der Kälte und dem übermäßigen Konsum von Speck mit Kohl. So traurige Leute... mit ihren Sparbüchern, mit Schielaugen, weil sie dauernd ängstlich zur Seite auf diejenigen schauen, die gekommen sind, um das wenige zu stehlen, was sie haben, diese retornados...“

Ich habe in diesem Buch mehr über die psychischen Befindlichkeiten von Rückkehrern und die Wirrnisse nach dem Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreichs erfahren als aus den ewig mäandernden Romanen des berühmten Antunes. Die englische Version dieses Textes ist frei im Internet zugänglich.

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