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Literatenfunk

SOMMERLEKTÜRE: ANTHROPOLOGIE AM SEE

Quelle: PRIVAT

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Donnerstag, 16.07.2020

SOMMERLEKTÜRE: ANTHROPOLOGIE AM SEE

Was bedeutet es wohl, wenn für eine Publikation gleich drei Titel gefunden werden? Wahrscheinlich spricht das für Vielschichtigkeit, welche das Sachbuch von Charles King tatsächlich kennzeichnet. Im Original lautet der Titel einmal Gods of the Upper Air, ein anderes Mal The Reinvention of Humanity. Der Untertitel für beide gleich – A Story of Race, Sex, Gender and the Discovery of Culture – weist auf Kategorien einer Diskussion hin, die bis heute anhält und aktuell durch die Black-Lives-Matter-Bewegung neue Zugkraft erhält. Für die deutsche Version wählte der Hanser-Verlag das griffige: Schule der Rebellen, samt des vor allem reißerischen Untertitels: Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand. Dabei ging es damals weniger um die „Erfindung“ jener Kategorien als um die Erforschung von Möglichkeiten, Menschen und ihre verschiedenen Lebensweisen zu beschreiben, ohne die eine gegen die andere auszuspielen, indem der weiße Privilegierte seine eigene Voraussetzungssituation absolut setzte. Dazu brauchte es neue Instrumente, die zu erforschen der deutschstämmige jüdische Franz Boas ausgezogen war, um in den USA schließlich die wissenschaftliche Disziplin der Anthropologie zu begründen. Ausgehend von einer vorurteilsbehafteten Analyse von Spuren, Relikten und Körpermaßen bewegte sich mit Boas die Forschung hin zur teilnehmenden Beobachtung vorerst an eher entlegenen Orten, wie Samoa oder der Arktis. Zu seinen außergewöhnlichen Schülerinnen zählten Margret Mead, Gregory Bateson, Ruth Benedict, Ella Deloria und Zora Neale Hurston.

In dem faktenreichen und gut erzählten Buch schildert Charles King, wie diese und andere Wissenschaftlerinnen daran arbeiteten, das Bild von der Menschheit zu diversifizieren, indem sie es von einer monokulturellen Sichtweise hin zu einem flexiblen System, welches andere Kulturen erkennen und zulassen konnte, weiterdachten. Dass in Kings Darstellung dieser Prozesse die persönlichen Entwicklungsgeschichten der Forscherinnen miteinbezogen werden, streicht die Entstehungsbedingungen und den Einfluss persönlicher Voreinstellungen, welche die Wahrnehmung der fremden Kulturen vor Ort beeinflussten, heraus.

Margaret Mead etwa stellt in ihren Untersuchungen das westliche Modell der Monogamie mit festgesetzten Geschlechtergrenzen infrage, das sie persönlich nicht erfüllen kann und will. Sie ist es, die beginnt, auch Frauen indigener Kulturen zu erforschen und somit das Bild der Menschheit zu komplettieren. Eine ihrer großen Lieben gilt Ruth Benedict, die als enge Mitarbeiterin von Papa Franz, wie Boas von seinen Schülerinnen genannt wird, schwer am Nachteil trägt, Frau in einem patriarchalisch geprägten Universitätssystem zu sein, das ihr eine angemessene Position, Forschungsgelder und -reisen vorenthält. So bekommt sie zwar während des Zweiten Weltkriegs, in den die USA eingetreten waren, um die Aggression der Japaner zu stoppen, den Auftrag, die Kultur dieser Nation zu erforschen, kann sich dabei aber nur auf einen japanischen Informanden als Mitarbeiter stützen und darf selbst nicht dorthin reisen. Ihre Kompilation von in Amerika recherchiertem Wissen über Japan Die Chrysantheme und das Schwert gilt trotzdem bis heute als Standardwerk.

Neben geografisch weit entfernten Forschungsfeldern wendet sich die Schule Boas’ auch den auf dem amerikanischen Kontinent lebenden Kulturen zu. Boas engagiert dafür eine indigene Mitarbeiterin, die für einige Zeit zu seinem Kreis gehört. Die mehrsprachige Ella Deloria forscht zu Lebensformen und Sprache der Sioux, betreibt Oral History, sammelt das Wissen der Frauen und erarbeitet ein umfangreiches Wörterbuch der Lakota.

Die schillerndste Persönlichkeit im Umfeld von Boas ist die aus Florida stammende afroamerikanische Intellektuelle und Schriftstellerin Zora Neale Hurston. Ihr ist zu verdanken, dass sich der Blick jener Anthropologen nunmehr auch auf die Nachkommen ehemaliger Sklaven in den USA richtet, denen bislang keine eigene Kultur zugestanden wurde. Man hatte sie lediglich als Träger primitiver Lebensformen abgewertet. Erst Hurston beginnt Bräuche, Lieder und Geschichten systematisch zu sammeln, zu analysieren und Verbindungen zu afrikanischen Regionen, aus denen sie verschleppt worden waren, herzustellen. Als Literatin bewegt sie sich in den Kreisen der Harlem Renaissance, einer Gruppierung von afroamerikanischen Künstlern im New York der Zwischenkriegszeit, der u. a. der Dichter Langston Hughes angehört. Hurston veröffentlicht neben wissenschaftlichen Arbeiten zahlreiche Romane, bevor sie dem Kreis um Boas entschwindet. Erst die afroamerikanische Autorin Alice Walker sorgte für eine Wiederentdeckung ihres Werkes, das nun im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung neuerlich relevant wird. Gerade ist Hurstons Roman Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven ins Deutsche übersetzt worden. Auf eine Renaissance ihres Werkes ist also zu hoffen.

Am Ende lassen sich mithilfe der analytischen Instrumente, die Boas und seine Schülerinnen damals entwickelten, Verbindungen zwischen repressiven Politiken in verschiedenen Herrschaftssystemen herstellen: Amerikas von Weißen bestimmte Ausgrenzungspolitik, der Rassenwahn Europas, das Elitebewusstsein Japans. Sie alle basieren auf der Annahme, die eigene Kultur als höchste Form der Zivilisation zu behaupten, andere kulturelle Erscheinungsformen damit abzuwerten und daraus die Legitimation für eine Diskriminierung mit den Mitteln der Legislative und Exekutive zu beziehen. So schließt das Buch auch mit der Mahnung, nicht wieder in jene atavistischen Vorstellungen und die hierarchische Klassifizierung von Menschentypen zurückzufallen.

9,3
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Kommentare 2
  1. Anita H
    Anita H · vor 21 Tagen

    Den einzigen, den ich kannte, war Langston Hughes, shame on me.

    Danke für diesen interessanten, erhellenden Beitrag!

    1. SABINE SCHOLL
      SABINE SCHOLL · vor 20 Tagen

      Toll, dann hast du ja noch viel zu erforschen. Freut mich, wenn ich Anregungen vermitteln kann!

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