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Literatenfunk

RELIGION ALS VORWAND

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Mittwoch, 27.05.2020

RELIGION ALS VORWAND

Kürzlich begab ich mich mit Mojca Kumerdejs „Chronos erntet“ zurück ins 16. Jahrhundert. Die slowenische Autorin zeichnet in ihrem Roman den Prozess einer blutigen Disziplinierung von Untertanen durch Adel und Kirche nach. Religiöse Fragen sind den Herrschenden dabei nur Vorwand, um Macht und Reichtum zu sichern. Die katholische Kirche fühlt sich durch die zunehmende Verbreitung der Lehren Luthers bedroht. Angst, Aberglaube und Hexen bilden erprobte Instrumente, um die erwünschte Säuberung durchzuführen.

Derartige Vorgänge sind für den gesamten europäischen Raum historisch verbürgt, Transkripte von Prozessakten sogar im Internet archiviert. Sie zeugen von einer Unterdrückungsmaschinerie, welche jeden Schimmer weiblicher Selbständigkeit als Gefahr ahndete und auf den Teufel zurückführte, um Machtverhältnisse zu festigen. Es schmerzt, diese Dokumente zu lesen und die damalige Willkür der Oberen mitzuerleben.

Kumerdej versucht, das Unfassbare dieser Zeit nachvollziehbar zu machen, indem sie den Akteuren jeweils eigene Stimmen zuschreibt. Die mächtigsten unter ihnen sind Fürstbischof Wolfgang, hoher katholischer Würdenträger auf Inspektionsreise, sowie sein enger Freund Friedrich, Reichsfürst im innerösterreichischen Gebiet, das damals auch das heute slowenische Territorium umfasste. Sie besprechen in „Frühlingsdialogen“ ausführlich die religiöse und politische Lage. Wolfgang ist vom Glauben abgefallen und verfolgt nur mehr seine eigenen, hedonistischen Interessen. Friedrich glaubt noch an seine Aufgabe als Landesvater, möchte Toleranz und Milde walten lassen, die von seinem Freund als Schwäche aufgefasst wird. Dazu kommen der Bürgermeister der betroffenen Stadt, die Pfarrer und Prediger, alleinstehende Frauen, Richter, ein Großbauer mit seiner Tochter, der ins Kreuzfeuer des Geschehens gerät, die sogenannten „Händler aus Triest“, wie die eigentlich seit langem vertriebenen Juden bezeichnet werden, sowie „das Volk“, welches stets im Plural erscheint, seine Meinung als „wir“ darbietet.

Die katholische Kirche setzt mit Hilfe der weltlichen Organe als Mittel der Disziplinierung das bereits erprobte Drehbuch der Inquisition ein. Die angeblichen Hexen sind vor allem Projektionen des abergläubischen Volkes auf Frauen, die sich nicht durch Männer und Konventionen maßregeln lassen. Oft verfügen sie über ein anderes Wissen als die Vertreter der Religionen. Ihre Heilkräfte gelten als „Weibszauber“.

Wir kennen solche Mechanismen auch aus heutigen Verschwörungsszenerien. Um Unsicherheit und Angst in den Griff zu bekommen, werden die Ursachen von Missständen in Menschen gesehen, die einem schon immer ein Dorn im Auge waren. Auch unterdrückte Wut auf die Herrschaftsverhältnisse kann sich so entladen, was durchaus im Interesse der Herrschenden liegt, die dadurch nicht in Frage gestellt werden.

Der Gerichtsprozess, welcher die Korrektheit dieses Vorgehens suggerieren soll, ist im Grunde ein Theaterstück, das dem Volk zur Unterhaltung dient. Das Szenario ist durch die schriftliche Festlegung von Symptomen und Ermittlungsmethoden im Kriminalkodex des „Hexenhammers“ längst legitimiert und daher ohne Widerstände aufführbar.

Das Problem einer Darstellung dieser historischen Vorgänge jedoch liegt in der Quellenlage begründet. Denn immer schon hatten die Mächtigen über Mittel und Wege verfügt, ihre Versionen der Geschichte festzulegen und der Nachwelt zu übermitteln. Ihre Untergebenen und Opfer, in diesem Falle, die angeklagten Frauen, sind – falls überhaupt – nur als Passive in Urteilen und diffamierenden Zeugenaussagen erhalten. Auch Komerdej kann sich von diesen Vorgaben schwer lösen. Ihre Zweifel bringt sie vor allem in die Figur eines Schreibers ein, der im Laufe des Geschehens immer unzuverlässiger wird, dem Wahnsinn verfällt, dann aber auf unerwartete Weise erlöst wird. Doch der Zwiespalt bleibt: Entweder man hält sich an die überlieferten Fakten, was jedoch auf Kosten der Unterdrückten geht. Oder man versucht die Leerstellen durch Erfindungen aufzufüllen, wird dadurch spekulativ. In diesem Roman hallen nach der Lektüre vor allem die Stimmen der Mächtigen nach.

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