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Literatenfunk

BUCH UND SERIE: UNORTHODOX

Quelle: ich

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Dienstag, 07.04.2020

BUCH UND SERIE: UNORTHODOX

Trailer zu Fernsehserien sehe ich mir eigentlich nie an. Doch Unorthodox, eine Verfilmung nach dem Memoir von Deborah Feldman machte mich neugierig. Der Zusammenschnitt von Highlights, dramaturgisch geschickt angeordnet, versprach einiges. Ich war gespannt, weil Berlin darin eine tragende Rolle zukommt, eine positive, im Gegensatz zur Darstellung Berlins in der Serie 4 Blocks, wo in einem fort gemordet und gerächt wird, dass es nicht mehr lustig ist und wo Nachtaufnahmen rund ums Kottbusser Tor die Härte der Hauptstadt suggerieren sollen.

Und dann Unorthodox. Interessant, dass das Design des Titels sich an die Gestaltungsidee des Buchs anlehnt. Ein durchgestrichenes Wort. Sichtbarkeit des Gelöschten. Ein Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart. Und genauso funktioniert der Film: New York = orthodox, Berlin = UN. 

Als ich endlich vor dem Schirm saß, enttäuschten mich vor allem die Kürzungen und die erfundenen Passagen. Denn Feldmans abenteuerliche Geschichte ist so viel facettenreicher und von Spannungsmomenten durchzogen, die man besser nicht erfinden könnte. Das macht die Lektüre ihres Berichts ja so erstaunlich. Möglicherweise liegt es daran, dass das englische Original, der Millionenbestseller Unorthodox – The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots als Vorlage diente, das weniger reflektiert, dafür skandalträchtiger formuliert. Angeblich wurde die sehr junge Autorin damals von Agentur und Lektoren in eine Richtung gedrängt, die ihr später peinlich war. Deshalb handelte es sich bei der deutschen Fassung eher um eine Neuschreibung denn um eine Übersetzung. Aber das hat der Geschichte gutgetan. Denn die Kürzungen für die Serie bewirken unter anderem, dass nicht deutlich genug wird, in welcher jüdischen Gemeinde die junge Frau aufwuchs, und dass die nach dem Holocaust von Überlebenden gegründete Sekte der Satmarer eine Besonderheit darstellt, welche Frauen das Gebären von möglichst vielen Kindern aufzwingt, um einen künftigen Massenmord zu verhindern.

Im Film jedoch erwächst der Eindruck, einen authentischen Blick in das wirkliche Leben orthodoxer Juden New Yorks im Allgemeinen zu werfen, ohne zu differenzieren. Viel Aufmerksamkeit wird daraufgelegt, besonders Äußerlichkeiten und Rituale vorzustellen. Aha, so mag das echte Leben orthodoxer Juden vor dem Holocaust also ausgesehen haben, wird suggeriert. Wie schön. Wie liebevoll betrachtet. Deborah Feldman jedoch beschreibt in ihrem Buch eine Sekte mit Brüchigkeiten und großem moralischen Druck auf Frauen. Sie entkam dem nur mittels Bildung, die sie mühsam heimlich erwarb. So wie auch die englische Sprache, die ihr in der geschlossenen Gesellschaft verwehrt wurde. Eine Flucht, die sie ihrem Kind zuliebe wagt. Diese Brisanz bleibt in der Serie ausgespart. Auch dass es ihr anfangs nur über ihren Körper gelingt, Geld zu verdienen, indem sie befruchtete Eizellen in ihrer Gebärmutter reifen lässt und verkauft. Nach Berlin kam sie schließlich und glücklicherweise bereits als Autorin eines Millionenbestsellers. Im Film jedoch wird die Stadt zum Ort ihrer Neuerfindung als Künstlerin und erscheint daher nur weichgezeichnet. Wo 4 Blocks das harte Element übertreibt, wird in Unorthodox eine Stadt gezeigt, die offener, vor allem gegenüber Bewohnern aus aller Welt, nicht sein könnte, in der das Abendlicht am Wannsee alles vergoldet, Hilfsbereitschaft groß geschrieben wird, die Professoren der Musikakademie extra verständnisvoll und unakademisch sind, fast wie in einem Werbefilm. Interessant auch, dass in beiden Netflix-Serien ausschließlich der Westteil als Schauplatz fungiert, und nicht etwa die gesamte Stadt, als würde die Ausnahmesituation der einst von DDR-Gebiet umschlossenen Insel samt der Legende ihrer grenzenlosen Freiheit ungebrochen weiterexistieren.

Kurz: An die Vielschichtigkeit des Memoirs reicht die Serie nie heran. Auch nicht an die dramatischen Momente des Trailers. Es reicht eigentlich den zu sehen. Und sich dann an die Lektüre von Unorthodox zu machen.

Deborah Feldman: Unorthodox, Secession-Verlag, Zürich 2016

9
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Kommentare 1
  1. Mascha Jacobs
    Mascha Jacobs · vor 4 Monaten

    Ja, ging mir auch so. Und liebe eigentlich die Hauptdarstellerin, aber hier war oft nur kitschiges Overacting gefragt.

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