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Technologie und Gesellschaft

Drachenlord muss nicht in Haft

René Walter
Grafik-Designer, Blogger, Memetiker | goodinternet.space

Irgendwas mit Medien seit 1996, Typograph, Grafiker, Blogger. Ask me anything.

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René WalterMittwoch, 23.03.2022

Im Oktober 2021 wurde Rainer "Drachenlord" Winkler zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren ohne Bewährung verurteilt, weil er sich mit Schlägen gegen sogenannte "Haider" (Hater) gewehrt hatte, die auf sein Grundstück eingebrochen waren. Das Urteil galt damals als Endpunkt eines jahrelangen "Martyriums" (Sascha Lobo auf Spiegel Online): Winkler wird seit zehn Jahren von einem Mob im Internet verfolgt, der heute mehrere zehntausend zumeist jugendliche Stalker umfasst, die jedes Detail aus Winklers Leben dokumentieren, seine Streams und Online-Videos akribisch auswerten, über eine arbeitsteilige Organisation des Mobbings verfügen und ihr Handeln mit dem Verhalten ihres Opfers rationalisieren.

Das Landgericht Nürnberg revidierte heute das Urteil des Amtsgerichts Neustadt und verurteilte Rainer Winkler zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Der Drache ist frei und das Drachenlord-Hashtag auf Twitter dürfte noch eine Weile rotieren. Während des Verfahrens versammelte sich vor dem Gerichtsgebäude ein Haufen junger Leute, die sich fröhlich betranken und im Namen von Winkler Pizza ins Gericht bestellten. Ein typischer Tag im Leben der Trolle also.

Ich möchte anlässlich dieses Urteils noch einmal auf einen alten Text hinweisen, in dem Matthias Kreienbrink in der TAZ über das Risiko nachdenkt, sich gegen psychologische Gewalt durch einen Troll-Schwarm zu wehren und "von der Lust am Hass (und) vom Internet als Raum der Entladung" schreibt, denn:

Es sind Mechanismen des Internets, die hier offenbar werden und die er auch selbst befeuert. Aber wieso ist die erste Frage, die sich viele stellen, ob er selbst Schuld hat an dem Hass, den er ständig abbekommt? Der Blick sollte sich auf die Hassenden richten.

Ich persönlich halte das Verfahren gegen Winkler für eine Farce. Wie Sascha Lobo bei der Verurteilung vor einem halben Jahr bereits feststellte, machte sich die Staatsanwaltschaft hier zum Erfüllungsgehilfen eines gewalttätigen Mobs. Tatsächlich aber zeigt der Fall eine juristische Schieflage: Gewalt im Netz erfolgt häufig in einer Masse, deren einzelnen Taten juristisch oft nicht relevant erscheinen, die aufgrund ihrer Häufigkeit aber ihren Opfern zweifellos Schaden zufügen, oft über sehr lange Zeiträume. Unser Rechtssystem basiert auf Individualstrafrecht, das auf Gewalt, die durch einen Schwarm verübt wird, nicht reagieren kann. Das ist das eine Dilemma.

Das andere besteht in der paradoxen Psychologie des Schwarms, in dem einzelne Täter (zumindest in diesem Fall) relativ normale Jugendliche sind, die eben auch mobben und Peers auslachen, die sich seltsam verhalten, die aber in einer Masse einen so großen psycho-sozialen Druck auf ihr Opfer ausüben, dass dies nicht anders als Gewalt kategorisiert werden kann. Die einzelnen Täter (Nodes im Netzwerk) rationalisieren ihr Verhalten mit Verfehlungen von Winkler (öffentlich geäußerte Holocaust-Relativierung, sexuelle Eskapaden, das verwahrloste Äußere) und die Frechheit, dennoch darauf zu bestehen, ein öffentliches Leben im Netz führen zu dürfen, so wie wir alle. Die Trolle sagen von sich, sie seien ein soziales Korrektiv. Eine Horrorvorstellung. Tatsächlich agieren sie wie eine Gestapo, die das Internet von unerwünschten Personen bereinigen möchte. "Lösch Dich".

Die Trolle sehen sich in der Rolle der anonymen Rächer des Anything-Goes-Webs, als Vertreter einer unbedingt egalitären, zensurfreien und damit auch störbaren Kommunikation unter allen, in der alle adressierbar veröffentlichen und sich damit angreifbar machen, inklusive ihrer selbst. Dass Trolle in diesem Selbstbild als Chaosreiter des anonymen Netzes dabei selbstgebaute und rudimentäre Überwachungstools in Form von selbstgebastelten Twitterbots einsetzen, die jede Äußerung ihrer (potenziellen) Opfer in Screenshots festhalten, ist eine der vielen Widersprüche im Selbstbild des Trolls.

Die Trolle sind in dieser Lesart nichts weiter als kleinbürgerliche Lästermäuler, die jede noch so nebensächliche Äußerung ihrer Ziele herablassend kommentieren und ihre Neospießigkeit offenbaren, wenn sie etwa – total ironisch natürlich – eine feministische Youtuberin wegen ein paar Krümeln Dope bei der Polizei anschwärzen. Das unterscheidet die Sifftwitter-Trolle von den Punks, mit denen man sie so gerne vergleicht. Der Drachenlord ist jedenfalls, bei all seinen Fehlern und Vergehen, immer noch weitaus rationaler und "normaler" (whatever that means), als jeder seiner Stalker und Trolle, die die massenhafte und vernetzte Natur ihrer Gewalt schlichtweg leugnen oder mindestens ignorieren.

Ich erinnere mich jedes Mal, wenn ich die Haltung der Trolle verstehen will, an diese Zeilen aus der Declaration of Independence of Cyberspace von John Barry Barlow:

„Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen. (...) Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsätzlich anerkennen werden, ist die Goldene Regel. ‚Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.‘“

Das alte Internet und seine Ideale haben angesichts der psychologischen Gewalt der (Troll-)Masse versagt und der Fall des "Drachenlord" bleibt deshalb der aufschlussreichste Fall von dem, was ich als "Psychopathologie des Schwarms" bezeichne und die sich, wie ich am eigenen Leib erfahren musste, bei Weitem nicht auf Jugendliche, Trolle und "Haider" beschränkt, sondern sich bis in die etabliertesten, bekanntesten Kreise der sogenannten Netzgemeinde erstreckt.

Die Psychopathologie des Schwarms ist ein inhärenter Bestandteil der Netzkultur. Bei Netzaktivisten ist das bislang noch nicht angekommen.

Drachenlord muss nicht in Haft

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Kommentare 1
  1. Gui Mertes
    Gui Mertes · vor 5 Monaten · bearbeitet vor 5 Monaten

    Bestens auf den Punkt gebracht die vielfältigen Aspekte; hoffen wir, daß ein angemessenes Rechtsbewusstsein bei staatliche Institutionen und überhaupt ein Verantwortungsgefühl des Einzelnen für sein Handeln im (wie auch künftig immer gearteten) 'Metaverse' aufkommen...

    Denn von dem was die Troll-Armeen von Trump, Putin und Johnson (jüngst die gar globalen Corona-Troll-Armeen) so alles über Jahre und sogar Jahrzehnte für fatale Manipulationdesaster anzurichten vermocht haben und vermögen, davon ist hier ja noch gar nicht die Rede.

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