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piqer: Otherwise Network
Donnerstag, 05.09.2019

Welches Problem löst eigentlich der Digital Detox?

Ich bin etwas spät zur Digital-Detox-Party, aber neulich nahm ich dann doch – genervt von Online-Diskussionen und dem eigenen Handy-Verhalten – das Buch "Digital Minimalism" von Cal Newport per Ipad zur Hand. Wirklich weitergebracht hat es mich nicht. Die meisten Strategien für einen vernünftigen Umgang mit Störquellen wie Notifications und Co. dürften die meisten von uns in der jahrelangen Nutzung digitaler Devices inzwischen selbst herausgefunden habe. All das ist bei Newport zusätzlich eingebettet in eine alarmistische Erzählung über die ent-individualisierende, süchtig-machende Technologie einer Klasse von Venture-Capitalists im Silicon Valley einerseits und dem gleichzeitigen Appell an radikale Selbstoptimierung durch minimalistische Selbstverteidigungsstrategien gegen digitalen Maximalismus andererseits. 

Nun kennen wir alle die immersive Wirkung der Digitalität, wie wir uns in Chats, Wikipedia-Artikeln oder unendlichen Timelines verlieren und verlaufen können. Was uns an manchen Tagen nervt, ist an anderen Tagen der Quell neuer Erkenntnisse, unerwarteter Artikel-Ideen und liebevoller sozialer Interaktionen. Das bedeutet nicht, dass ich Technik und Technologien für neutral halte, sondern vielmehr dass wir sie ausschließlich in ihrer Einbettung in soziale Strukturen begreifen, verstehen und schließlich: selbstbestimmt nutzen können (insofern ist natürlich Newports Hinweis auf Klassenunterschiede und ökonomische Logiken durchaus angebracht – nur eben nicht ganz so banal und einseitig wie von ihm dargestellt). 

Genau diesem Punkt widmet sich der lesenswerte Artikel von Jürgen Geuter (aka tante vom Otherwise Network) in der Süddeutschen Zeitung. tante plädiert dafür, gesellschaftliche und strukturelle Probleme nicht durch digitale Askese zu individualisieren. Denn Überforderung, Stress und Isolation sind eben keine Phänomene digitaler Technologien, sie haben – so tante – allzu oft andere Gründe: Die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben etwa oder die Marktförmigkeit sozialer Interaktionen und Kontakte. 

Und so ist sein Resümee auch ein gesellschaftspolitisches: "Die Handy-Gesellschaft muss Normen und Strategien finden, sich selbst vor Stress und Entgrenzung zu schützen – zum Beispiel, indem der Arbeits-Mail-Server nach Feierabend einfach keine Mails mehr zustellt. Aber Weglaufen, die Zeit zurückspulen, zurück in die Achtzigerjahre, ist keine Lösung."

Deswegen: Statt das Internet abzuschalten, jetzt lieber Link anklicken und beim Lesen ganz real über die Revolution nachdenken!

(km)

Welches Problem löst eigentlich der Digital Detox?
9,2
11 Stimmen
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Kommentare 6
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · Erstellt vor 18 Tagen · Bearbeitet vor 18 Tagen

    "Und oft, zu oft, wird das Digitale darin als Schadstoff identifiziert, den es zu reduzieren gilt."

    Das ist für mich ein grundliegender Denkfehler auf beiden Seiten der Debatte. "Das Digitale" ist nicht der Schadstoff, sondern das, was und wie angeboten wird. Und so, wie es bequemer ist, das Handy scheisse zu finden, als die facebook-App und die eigene Unfähigkeit, sie zu zu lassen, so ist es auch bequemer das Handy ("das Digitale) zu verteidigen, obwohl man doch verstehen könnte, dass die Kritik sich eigentlich um Inhalte und Dynamiken drehen müsste und nicht um Technik.

    "So manifestiert sich in der Digital-Detox-Bewegung ein konservatives - nein, reaktionäres - Verständnis der Welt."

    Schlimm polarisierend finde ich das. Und es stimmt nicht, jedenfalls bei vielen, die sich (teilweise) entziehen nicht. Ich bleibe bei mir: sehr vieles von dem, was mich über "das Digitale" erreicht, ist kommerz- und konsumgetrieben. Es macht ja keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen, dass das Netz das Business zum Gas gemacht hat, das in die letzten Räume und Winkel eindringen kann und es auch tut. Aufmerksamkeitsökonomie eben. Wer behauptet, dass er das jederzeit unter Kontrolle hat, dem kann ich nur gratulieren, glauben kann ich es ihm nicht. Wer deshalb auf den Baum steigt oder zurück in die 80er will, der hat aufgegeben und ist reaktionär. Aber deshalb das gesamte Phänomen "digital detox", also auch das teil- und zeitweise Abschalten von digitalen Ausspielungen als "konservativ" oder gar "reaktionär" zu diskreditieren ist unzulässig.

    Ich rege mal einen konstruktiveren Ansatz an: im Digital Detox manifestiert sich nicht das Reaktionäre, sondern die Kritik, an dem, was das so kommt übers Netz. Und zwar bitte mal mit Blick aufs Ganze und nicht auf den eigenen aufgeräumten, bildungselitären, mehr oder weniger mündigen (also medienkompetenten), digital-theoretischen Schreibtisch.
    Und ja - neben den gesamtgesellschaftlich offensichtlichen Problemchen, wie brandbeschleunigter Kommerz, Polarisierung und entfesselte Überwachung, gibt es auch individuelle Probleme wie "Überforderung, Stress und Isolation", die nicht digital sind, aber eben befördert werden durch das, was da digital so kommt. Wie tante sagt: das Digitale ist real! Aber die Kritik spricht doch nicht vom Chat an der Kasse, oder dem Handy auf der S-Bahnfahrt! Das finde ich schon ziemlich polemisch.

    Also das Digitale als Toxin beschreiben ist natürlich verkehrt. Aber wer tut das eigentlich? Meistens, wenn ich diese Binse lese, dann hat jemand etwas Toxisches im Digitalen beschrieben. Oder einfach nur gesagt, dass er sich teil- oder zeitweise entzieht, weil es für ihn sonst toxisch ist. Die impulshaften Verteidigungsreden der digitalen Bohème sind da meist nicht reflektierter, als die auslösende Kritik. Und um noch etwas zu zündeln: Ihr kommt mir manchmal vor, wie so beleidigte Buben (sind eigentlich immer Buben), die mit dem Fuss aufstampfen, weil irgendwer gesagt hat, dass er nicht jede Ecke von ihrem Lieblingsspielplatz total toll findet.

    1. Felix Schwenzel
      Felix Schwenzel · Erstellt vor 17 Tagen ·

      wir haben das schon in unserer vordiskussion drüben (https://www.piqd.de/te...) gehabt, aber deine antwort zeigt vor allem auch, dass der begriff „digital detox“ völlig daneben ist.

      wenn man erklären muss, dass „digitale entgiftung“ gar nicht das digitale als toxin meint, wenn man erklären muss, dass es nicht ums digitale an sich geht, sondern über die übertragungswege und die komerzialisierung, um die form der angebote („was und wie angeboten wird“), dann ist der begriff halt ungeeignet und irreführend — und im prinzip nicht diskussionswürdig, weil mindestens einem teil, wenn nicht sogar allen beteiligten völlig unklar ist, was überhaupt gemeint ist.

      ich wiederhole mich und frage, warum man das was viele als „digital detox“ bezeichnen nicht einfach stressreduzierung, reizreduzierung, ausspannen, entschleunigung, zurückhaltung, sinnsuche oder perspektivwechsel nennen kann, statt diesen irreführenden, provozierenden kampfbegriff zu nutzen?

      das ist so ungefähr als ob man den begriff „vegan“ dafür benutzen würde, um zu beschrieben, dass man jetzt nur noch aufgesammelte eier, selbst gemolkene milch, selbst geschlachtetes fleisch von glücklichen, freien tieren oder aas und abfälle (siehe „food diving“) zu sich nehmen würde, weil es ja nicht um tierische produkte an sich ginge, sondern um die lebensbedingungen des viehs, die korruption und zustände in im fleisch-industriellen-komplex, massenkonsum und den klimawandel.

      vielleicht ist es auch einfach das denglisch-problem. genauso wie mittlerweile auch respektable leute von haftungsausschlüssen (disclaimer) reden, wenn sie eigentlich offenlegungen (disclosure) meinen. das ist eine schwere deutsche krankheit, bei der sich deutschsprachige menschen in den klang von bestimmten englischen begriffen verlieben und sie dann beliebig, nach klang oder gefühl, für irgendwas benutzen.

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · Erstellt vor 17 Tagen ·

      @Felix Schwenzel Kanns auch nur wiederholen: warum muss digital detox denn zwangsläufig das große, ganze Digitale meinen...? detox im food Segment heißt ja auch nicht, dass man nichts mehr isst.

      Klar ist aber, dass wenn jemand den Begriff benutzt, dass er dann schlicht nicht allgemein von "stressreduzierung, reizreduzierung, ausspannen, entschleunigung, zurückhaltung, sinnsuche oder perspektivwechsel " spricht, sondern er spricht dann natürlich von all diesen Dingen im Kontext mit "digital". Und von der Möglichkeit da zu wirken, in dem man "digital" reduziert.

      Aber ob jetzt einer detox sagt oder nicht - mein Eindruck ist eben, dass auf jede Kritik so ein Text mit "reaktionär", "alter Mann", "technikfeindlich" kommt. Was zuverlässig nicht kommt ist eine szeneeigene Kritik oder Überlegung zu den angesprochenen (vielleicht übertriebenen) Problemen.

    3. Felix Schwenzel
      Felix Schwenzel · Erstellt vor 17 Tagen · Bearbeitet vor 17 Tagen

      @Marcus von Jordan ich glaube dass man jürgen geuter nicht vorwerfen kann, nichts zu den problemen der digitalisierung zu sagen. er ist da einer der sensibelsten und differenziertesten gesellschafts-kritiker (mit fokus auf den digitalen kontext) die ich kenne und arbeitet genau die probleme von denen sich manche mit digital-distanz lösen möchte, brilliant, manchmal sogar nen ticken zu radikal aus (das wäre ein einstiegspunkt: https://tante.cc/2015/...). nur war das eben nicht das thema des textes, sondern eine antwort auf die vermeintliche aussage digital = toxic, die ja offenbar niemand ernsthaft vertritt, also wahrscheinlich nichts als ein missverständnis ist.

      ich bleibe dabei: wenn ich es nicht schaffe meine probleme, das was ich tue, differenziert und einigermassen treffend zu bennenen/beschreiben, muss ich mich nicht über kritik wundern, die das kritisiert was ich gar nicht tue, tat oder meinte.

      p.s.: detox im humanbiologischen sinne ist übrigens auch meisten völliger humbug. wir haben zum entgiften diverse organe, die bei einer ausgewogenen ernährung ziemlich gut funktionieren. als ersatz für „detox fasten“ bietet sich eine ausgewogene, massvolle ernährung an, siehe auch https://www.spektrum.d...

    4. Michael Seemann
      Michael Seemann · Erstellt vor 17 Tagen ·

      @Felix Schwenzel hier noch mal ein spannender text: der zielt nicht 100% auf "digital detox", aber doch auf irgendwie dieselbe "Ideologie" dahinter, nämlich auf dieses tristan harris gerede von digitalem humanismus. https://reallifemag.co...

    5. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · Erstellt vor 17 Tagen ·

      @Felix Schwenzel ja...ich gebe dir Recht bezüglich Geuter. Halt nicht bei diesem Text. Wegen hohem Niveau der Betrachtung im Allgemeinen, bin ich halt "enttäuscht", wenn dann so vergleichsweise opportune und einfach wenig sagende Gegenkritik kommt. Ging mir ja eben mit deinem Kommentar neulich auch so und mit Dirk Gehlen hab ich das schon 5x durchgekämpft...alles Leute also, denen ich ziemlich genau folge und auch weiß warum.
      Wundere mich tatsächlich, wie wenig ich mit dieser Kritik der Gegenkritik landen kann und bin ja demütig genug, um den Denkfehler bei mir zu suchen.
      Aber findest du denn diesen Text gut? Also im Sinne von weiterführend?

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