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Andreas Malm: Ist Gewalt okay, um die Menschheit zu retten?

Oskar Piegsa
Redakteur DIE ZEIT
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Oskar PiegsaDonnerstag, 01.07.2021

Ist der Einsatz von Gewalt zulässig, um die Klimakatastrophe zu bremsen? Ja, sagt Andreas Malm, Human-Ökologe an der Uni Lund in Schweden und Autor (z.B. Wie man eine Pipeline in die Luft jagt, 2020). Und, mehr noch: Gewalt sei nicht nur zulässig, sondern aus taktischen Gründen geboten. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erläutert er seine Position, das Interview habe ich hier gepiqd.

Malm argumentiert, dass längst Gewalt eingesetzt werde, sinngemäß »strukturelle«, »systemische«, »institutionelle« Gewalt, der er individuelle Gewaltakte entgegensetzen will (»ausschließlich Gewalt gegen Sachen«, betont er). 

Die Argumentation erinnerte mich an ältere Debatten, zum Beispiel in der afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kwame Ture und Charles V. Hamilton machten in den späten 1960er-Jahren den Begriff des »institutional racism« bekannt. Sie  schrieben in ihrem Buch Black Power. The Politics of Liberation:

When white terrorists bomb a black church and kill five black children, that is an act of individual racism, widely deplored by most segments of society. But when in that same city – Birmingham, Alabama – five hundred black babies die each year because of the lack of proper food, shelter and medical facilities, and thousands more are destroyed and maimed physically, emotionally and intellectually because of conditions of poverty and discrimination in the black community, that is a function of institutional racism.

Ähnlich argumentiert nun Malm, der sagt, »SUVs, Jachten, Vielfliegerei, mehrere Wohnsitze: Diese Arten von Konsum sind Gewaltakte.« Er führt das so aus:

Ich weiß, dass wir üblicherweise anders denken. Die Tötung von George Floyd etwa: Da hat man einen Polizisten, der direkte zwischenmenschliche Gewalt anwendet. Das Problem der Gewalt der Klimakrise ist: Sie geschieht nicht von Angesicht zu Angesicht. Wir werden nie einen achtminütigen Videoclip sehen, wo der Chef einer Ölfirma einen mosambikanischen Bauern erwürgt. Wir haben eine über die Atmosphäre vermittelte Gewalt, und wir sind nach wie vor in dem Denken befangen, dass sich die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen in Luft auflöst, folgenlos bleibt, solange wir die Folgen nicht sehen. Und die spielen sich am stärksten fern von den Verursachern ab, im globalen Süden.

Von dieser Analyse muss man nicht zwangsläufig zur Legitimierung von »Gegengewalt« kommen (Ture und Hamilton etwa schlugen in Black Power gewaltfreie Ansätze der Gegenwehr vor). Als ich irgendwann vor der Pandemie einen Vertreter des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion bei einer Diskussionsveranstaltung erlebte, sprach dieser sich entschieden gegen Anschläge und Sabotageaktionen aus, weil er meinte, dass diese moralisch falsch und zudem taktisch unklug seien – wenn Massenmobilisierung das Ziel sei, könne man nicht auf Gewalt setzen, die viele Leute abschrecke.

Andreas Malm sieht das anders, er glaubt, dass Gewalt (den Disclaimer muss man wohl immer mitdenken: »gegen Sachen«) eine mobilisierende Wirkung habe, etwa in der Black Lives Matter-Bewegung, aber nicht nur dort:

Bewegungen, die tief verankerte Strukturen verändern wollten, haben in der Geschichte immer eine Komponente der Sachgewalt gehabt: von der Abschaffung der Sklaverei über die Suffragetten bis zu den Kämpfen der Arbeiterklasse im frühen 20. Jahrhundert. Ohne drohende Revolte gibt es selten Reformen.

Ich bin nicht sicher, ob er da Recht hat – und ob die Beispiele nicht etwas willkürlich gewählt sind. Könnte man nicht genauso auf die RAF und ähnliche militante linke Gruppen der 1970er-Jahre hinweisen, die den Staat weniger zum Einsturz gebracht haben, sondern den Anlass lieferten, seinen Repressionsapparat auszubauen? Waren militante Feministinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreich, als sie Pornoläden in Brand setzten, militante Tierschützer*innen, die Kühe aus dem Stall trieben, militante Separatist*innen, die in etlichen Ländern Europas ihre nationale Souveränität nicht herbeibomben konnten? Die anekdotische Evidenz des Andreas Malm scheint mir eher shaky zu sein.

Womöglich ist Malms Plädoyer auch Ausdruck einer linken Sehnsucht nach politischer Gewalt, die gerade an verschiedenen Stellen in der populären Kultur aufblitzt, am eindrucksvollsten (dort aber ironisch gebrochen und sich ihrer eigenen Unmöglichkeit wohl bewusst) im Solo-Album von Danger Dan.

(Das mal auf das Risiko hin, dass ich Malm und/oder der Lage der Menschheit damit nicht gerecht werde oder mich als hoffnungslos apolitischer Ästhet oute.)

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Kommentare 1
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 4 Monaten · bearbeitet vor 4 Monaten

    hm. Gewalt gegen Sachen kann ja auch schnell Gewalt gegen Personen sein (wenn etwa eine Wasserleitung zerstört wird und Menschen kein Wasser haben oder bei einer zerstörten Pipeline nicht heizen können).

    Ich denke dass zumindest momentan geplante Gewalt gegen Sachen im größeren Stil auf jeden Fall taktisch unklug ist.
    (Jetzt mal abgesehen von extremen Fällen wie die Zerstörung einer wasweisich ChemieAnlage die Gift in die Umwelt leitet. Allerdings hätte es bei so einem Fall auch juristische mittel gegeben.*).

    Aber je näher die Folgen der Klimakrise kommen und desto gefährlicher etwaige Verweigerungen von zb Industriebossen werden, nun dann wird vermutlich der Wunsch und auch der Sinn nach Gewalt gegen Sachen einleuchtender erscheinen.

    Dass der Gewaltbegriff ausgeweitet wird, hat jetzt schon Berechtigungen.
    Aber wenn alles Gewalt sein kann, dann muss man umso ...vorsichtiger sein mit der Gewalt, die man konkret und akut ausübt.

    * wenn diese Mittel nicht funktionieren weil etwa die Justiz vor Ort korrupt ist, dann sieht das schon anders aus. erinnert an das Widerstandsrecht des Artikel 20 GG.

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