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Literatenfunk

Kinderbücher 21: Bella Belchaud

Kinderbücher 21: Bella Belchaud

Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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Jochen SchmidtDonnerstag, 23.04.2020

In "Schule als Spiel", einem Buch des Pädagogen Franz Kaufmann von 2013, las ich einen Abschnitt zum Thema Ausfallzeiten in der Schule:

"Es genügt, die Beurlaubten auf ihre Eigenverantwortung für den Lernstoff zu verweisen. Die bürokratische Angst vor dem Präzedenzfall ist lächerlich: Bei einer Epidemie werden plötzlich ganze Schulen wochenlang geschlossen. Studentenstreiks lähmen eine Woche den Unterricht. Und am Ende der zwei Weltkriege haben zwei Generationen junger Männer als Gymnasiasten und Studenten eine verkürzte Studienzeit mit teilweise erleichterten Diplomen absolviert, und keine Volkswirtschaft hat bemerkenswerte Effizienzverluste registriert."

Ob Schule, oder gar "Homeschooling", wenigstens für eine gewisse Zeit, verzichtbar wäre, kann man also diskutieren, unverzichtbar scheinen mir gute Kinderbücher, vor allem, wenn sie zu keinem Thema passen, das die Eltern für wichtig halten, denn diese Freiheit sollte man den Kindern lassen. "Bella Belchaud und ihre Papageien", um das es hier gehen soll, stammt von der hier schon mehrmals besprochenen Elizabeth Shaw.

Daß ich als Junge eigentlich Lokomotivführer werden wollen sollte, wußte ich als Kind nur noch aus alten Kinderbüchern oder Kinderfilmen, mir war das ganz unverständlich. Feuerwehrmann oder Polizist reizte mich auch nicht. Ich hatte viele andere Berufswünsche, wobei es bestimmte Voraussetzungen gab, von denen ich bereits wußte, daß ich sie nie erfüllen würde. Indianerhäuptling hatte ich mir abgeschminkt, nachdem ich einmal einen Indianerfilm gesehen hatte, der zum Teil im Winter spielte, ein verstörendes Bild, bis dahin war ich unbewußt wohl davon ausgegangen, daß es in Amerika immer warm war, die Sonne schien und Indianer sozusagen ein Leben lang Sommerferien hatten. Schnee, das paßte nicht zu Indianern. Kosmonaut konnte ich nicht werden, da mir schon im Auto und im Bus schlecht wurde, und ich mir den Test in einer Zentrifuge nicht zutraute. Und wie sähe das denn aus, wenn man sich in der Schwerelosigkeit übergab und der Mageninhalt durch die Raumstation schwebte, auch wenn es nur unverdaute Tubennahrung war? Für Erfinder waren es schlechte Zeiten, da es schon alles gab und man gar nichts mehr erfinden konnte, Edison war mit den meisten Dingen einfach schneller gewesen. Für Leuchtturmwärter gab es nur sehr wenige Stellen. Lehrer konnte ich wegen meiner Stimmlippenknötchen nicht werden. Als Pfarrer mußte man jede Woche eine Predigt schreiben, man war also bis zur Rente mit Hausaufgaben geplagt, und zu was für Themen! Noch schlimmer war es als Schauspieler, weil man dann seine Texte auswendig lernen mußte, und nicht nur kurze, wie "Ich ging im Walde so für mich hin", oder "Eine Pappel steht am Karlsplatz", sondern ganze Theaterstücke, in denen es manchmal sogar Monologe gab, die man ganz alleine sprechen mußte. Eigentlich schien mir das sogar die hauptsächliche Leistung eines Schauspielers zu sein, einen langen Text auswendig aufsagen zu können, wie wir es vor der Klasse tun mußten, dafür bekam der Schauspieler sein Geld. Wie er dabei aussah, und welche Bewegungen er machte, das ergab sich doch von selbst.

Wie es einer Schauspielerin ergeht, die sich im Alter ihren Text nicht mehr merken kann, davon erzählt Elizabeth Shaw in "Bella Belchaud und ihre Papageien", einem Buch, das in meinem Geburtsjahr im Kinderbuchverlag Berin erschienen ist, das also schon fast 50 Jahre alt ist. Solch ein Alter tut den wenigsten Kinderbüchern gut, diesem konnte es aber erstaunlicherweise nichts anhaben. Bella Belchaud war in ihrer Jugend eine berühmte Schauspielerin gewesen, hatte den Beruf aber aufgeben müssen, weil ihr Gedächtnis etwas nachgelassen hatte und sie oft einige Sätze vergaß. Jetzt wohnt sie zusammen mit ihren Papageien Peter, Lorita und Polly, denen sie das Sprechen beibringen will. Sie liest ihnen dafür Verse aus ihrem Lieblingsstück "Romeo und Julia" vor, in dem sie früher als Julia brilliert hat. "Legte Bella ihren Finger sanft auf die Brust eines Vogels, so wußte dieser, daß er nun sprechen mußte". Und so kann sie mit ihren Vögeln im Wohnzimmer Theater spielen, wobei sie natürlich die Rolle der Julia übernimmt. Peter erweist sich als ausgezeichneter Schauspieler, Lorita eignet sich wegen ihrer quietschenden Stimme immerhin für komische Rollen, nur Polly ist so hoffnungslos unbegabt, daß sie lediglich einen Satz behalten kann: "Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, Zuckerschnäuzchen?" Aber immer, wenn Bella in Trübsinn zu versinken droht, weil sie sich danach sehnt, wieder in einem richtigen Theater zu spielen, erweist sich dieser Satz als genau der richtige, denn sobald Polly "Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, Zuckerschnäuzchen?" sagt, bessert sich Bellas Laune etwas.

Als Bella beim Kaffeetrinken in den "Theaternachrichten" liest, daß im Ortstheater eine Schauspielerin für die Rolle der Amme in "Romeo und Julia" gesucht wird, bewirbt sie sich. Sie will sich Lorita in die Tasche stecken, die, wenn sie im Text hängenbleiben sollte, heimlich für sie weitersprechen kann. Es klappt auch gut, die Vorstellung ist ein Erfolg, mit viel Essen und Sekt wird bis in die Morgenstunden gefeiert. Aber am nächsten Tag verschläft Bella und verwechselt in der Eile die Papageien. Sie steckt aus Versehen Polly ein, die, als Bella in einer Szene den Text vergißt und mit dem Finger ihre Brust drückt, sagt: "Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, Zuckerschnäuzchen?" Die empörten Zuschauer werfen mit faulen Tomaten. (Ob es das jemals gegeben hat, daß Zuschauer faule Tomaten ins Theater mitgenommen haben?) Bella wird vom wütenden Regisseur (natürlich mit Zigarre im Mund) entlassen. Aber als die Darstellerin der Julia Halsschmerzen bekommt, erinnert man sich an Bella und engagiert Peter, um Julias Verse zu sprechen. Als die Julia in der Pause dann sogar ohnmächtig wird, übernimmt Peter ganz ihre Rolle. Wegen des Erfolgs wird die Inszenierung ganz auf Bella und ihre Papageien umgearbeitet. Auch Polly findet ihre Bestimmung, weil sie in der Pause am Buffet sitzt und ununterbrochen ihren Satz wiederholt: "Bald gab es einen Rekord im Kaffeeverkauf".

Wenn ich das Buch heute lese, fällt mir auf, daß es vielleicht doch zu einem Thema unserer Zeit paßt, es geht ja, ohne daß das ausgesprochen würde, um Altersdemenz. Eine in die Jahre gekommene, einsame Schauspielerin mit Doppelkinn (eines der Details, die mich als Kind besonders fasziniert haben), die in Gesellschaft von drei Papageien lebt, findet auf märchenhafte Weise wieder einen Platz in der Gesellschaft, genau wie ihre Papageien alle ihre passende Rolle finden, selbst wenn ihre Begabung, wie bei Polly, sehr limitiert ist. Bellas gemütliche Oma-Wohnung, mit einem Sessel mit Spitzendeckchen als Kopfschutz, Familienporträts an den Wänden, einem Würfelzuckerschälchen, Kaffeetassen mit Untertassen, Troddelsessel. Ein gewisser, unauffällig untergejubelter Bildungsinhalt, denn plötzlich kannte ich den Namen "William Shakespeare", ich wußte, was ein "Bühneneingang" war und was "ohnmächtig" ist (damals noch "unmächtig" gesprochen). Der Slapstick mit dem falschen Vogel auf der Bühne, wie Elizabeth Shaw zeichnerisch Action umsetzt, wenn der Regisseur "in gefährlichem Tempo" zu Bella fährt und sie, als er zur Tür hineinstürzt, an ihrer Perlenkette heranreißt (meine Kinder lieben dieses Bild). Die Gemütlichkeit und Entschleunigung, zu der Polly immer wieder einlädt, indem sie mit ihrem fast mechanisch wiederholten Satz an eine Tasse Kaffee erinnert. Überhaupt ist dieser Satz ein Beispiel für eine seltene Qualität an Kinderbüchern, wenn der Autor so gut schreibt, daß ihm sogar Wendungen gelingen, die man in seinen Familienwortschatz übernehmen kann. Das "Weil Besteck noch nicht bekannt, futterte man aus der Hand" aus "Die fröhlichen Steinzeitkinder", "Der Doktor war ein kluger Mann, man sah's im an der Brille an", aus "Der Riese Timpetu", "Hat jeder seine Stulle?" aus "Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt", "Und es war noch warm" aus "Wo die wilden Kerle wohnen", "Aber etwas muß man doch fürs Herze tun" aus "Die Weihnachtsgans Auguste", "Kinder, die immer noch irgendwas wollen, machen mich wahnsinnig", aus "Willi Wibergoder "Brachte nur, wie schade, statt Butter Marmelade" aus "Häschen geht einkaufengehören für mich dazu. Es kann aber auch einfach ein Wort sein, wie "schlaumeln" aus "Schlaumel-Mi und ihre Ma". Und so ein Satz für die Ewigkeit ist für mich auch Elizabeth Shaw in "Bella Belachaud" gelungen, denn "Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, Zuckerschnäuzchen?" kann man ja gar nicht oft genug sagen, gerade in der Corona-Krise.

Während man an "Bettina bummelt", wenn man streng ist, bemängeln könnte, daß dem bummelnden Mädchen ein schlechtes Gewissen gemacht wird, und in "Als Putzi den Pokal gewann" die kleine Maus in der Familie der Außenseiter ist, nur weil sie als einzige nicht sportlich ist und ihr immer die Nase läuft, und mir bei "Der kleine Angsthase" das "sei einfach nicht mehr ängstlich" immer etwas leicht gesagt vorkam, scheint es bei "Bella Belchaud" keine pädagogische Botschaft zu geben, mit denen man Kinder ja, selbst, wenn man es gut meint, in ihren Büchern sowieso nicht behelligen sollte. Es ist einfach ein perfekt konstruiertes, sparsam, aber in jedem Detail charakteristisch gezeichnetes, für Kinder komisches, für Erwachsene vielleicht auch ein bißchen trauriges Buch.

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