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Literatenfunk

„Ich glaube, ich habe kein Heimatgefühl.“ Hilbigs Essays

„Ich glaube, ich habe kein Heimatgefühl.“ Hilbigs Essays

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtMittwoch, 18.08.2021

In einem Gespräch mit Günther Gaus in dessen Gesprächsreihe „Zur Person“ sagt Wolfgang Hilbig im Jahre 2003:

„Ich glaube, ich habe kein Heimatgefühl. Ich glaube ich merke es nicht. Ich bin in einer Kleinstadt groß geworden, die eine Industriestadt war. Da konnte man solche Gefühle gar nicht entwickeln. Das war ein Drecksnest, das nur aus Industrie bestand.“

Dieses Gespräch übrigens kann man durchaus als Einführung zu diesem Buch und darüber hinaus in Hilbigs Werk lesen. Wenn man denn einen Opener braucht, und nicht unmittelbar von Hilbigs Sprache in dessen Texte geführt wird. Ich jedenfalls habe ihnen einige meiner intensivsten lierarischen Erfahrungen zu verdanken.

Als abschließender Band der Wolfgang Hilbig Werkausgabe ist im Frühjahr der Band 7 erschienen, und dieser versammelt Essays, Reden und Interviews. Der Begriff des Essays ist dabei weit gefasst, wie es der Arbeit Hilbigs entspricht. Es ist eine Folge von Texten an der Biografie des in Meuselwitz geborenen entlang, von ersten Schreibversuchen und Überlegungen zu einem Gedicht Fürnbergs innerhalb eines Zirkels Schreibender Arbeiter bis hin zu den Frankfurter Poetikvorlesungen von 1995.

Nachdem Hilbig in den Achtzigern die DDR verlassen und die Möglichkeit hatte zu Reisen, gewinnen die Essays mehr und mehr erzählenden Charakter, immer aber sind sie durchzogen von den Irritationen und der Skepsis, die auch Hilbigs Erzählungen und Romane grundieren. Und letztlich führen die Erfahrungen der sehr überschaubaren DDR dazu, dass der Autor Italien in einem Essay als eine Miniaturlandschaft Imaginiert, die er in einem Traum der Administration Ostdeutschland zu implantieren nahelegt.

Klar dass jemanden wie mir, der im Industriedampf aufgewachsen ist, also zwischen kleinem Erzgebirge und offenen Kohleflözen, bei der Lektüre die Imaginations- und Auslegungsmaschine sofort anspringt.

1995 war ich Student in Frankfurt am Main und besuchte diese Poetikvorlesungen, denn ich war (bin) ein Fan der Literatur des Autors. Kurz vorher hatte ich seinen Roman „Ich“ gelesen, in dem ich alles das Klaustrophobe wiederfand, das mein Aufwachsen und mein Studium in der DDR geprägt hatte, dieses Changieren zwischen Anpassung und Widerstand, dass im Fall von Hilbigs Helden letztlich zu Kolloberation und zu einer Ichdissoziation geführt hattte. Und wenn man auf bestimmte Kollaborationsenthüllungen von Schriftstellerkollegen blickte, dann erschien diese Auflösung als naheliegend, gewissermaßen als der Normalfall künstlerischer Existenzen in der untergegangenen DDR.

Aber, und das scheint mir wichtig zu betonen, auch im Westen haben Unterwerfungstendenzen geherrscht, die erst nach dem Zusammenbruch der Hemisphären im Neoliberalen Zeitalter der Neunziger und am Anfang des dritten Jahrtausends sich offen äußerten. Selbstvermarktung und Selbstdiffamierung emanzipierten sich von staatlichen Institutionen.

Das klingt in Hilbigs Poetikvorlesungen bereits an. Und wenn er eingangs das Wort Bewusstseinsindustrie zerlegt und deutet, erinnere ich mich bei der Lektüre wieder an die Verstörung einige meiner Kommilitonen die einzig mit einer Abrechnung mit der DDR gerechnet hatten, und nicht mit einem Angriff auf die gesamtdeutsche Lebensweise. In diesem Punkt aber und angesichts der Entwicklung am Anfang des neuen Jahrtausends erweist sich der Text der Vorlesungen als visionär.

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