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Klima und Wandel

Zuschauen, wie die Welt verbrennt

Daniela Becker
Autorin

"Wie kann die Klimakrise gelöst werden?" ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt. Ich bin Mitglied von RiffReporter, einem Autorenkollektiv und einer Genossenschaft für freien Journalismus.

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Daniela BeckerSamstag, 17.09.2022
Es ist lange her, dass ich einen Text so sehr fühlte wie diesen hier. Der Journalist Marlowe Hood beschreibt (bebildert mit sehr gut ausgewählten Fotos), wie es sich anfühlt, über die fortschreitende Klimakrise zu berichten und dabei die Hoffnung zu verlieren. Ich vermute, dieses Gefühl kennen nicht nur Journalist:innen, die lange Jahre über Biodiversität- und Klimathemen recherchieren, sondern auch viele Menschen, die in den letzten Jahren durch zum Beispiel Fridays for Future ihren Erweckungsmoment hatten. Denn mit mehr Wissen kommt automatisch auch Verzweiflung ob des schieren Ausmaßes des Problems. Wir verloren bereits so viel. Ich persönlich durchlief recht ähnliche emotionale Stadien wie der Autor: Lernen, Schock, Abschirmen, Depri, aktiv werden. Und von vorne.

Now the firewall is crumbling, and I don’t know how to rebuild it.

Es gibt zwei Punkte, mit denen ich am meisten kämpfe: Zum einen die absolute Einsamkeit, die ich von Zeit zu Zeit verspüre, wenn mir wieder klar wird, dass bei Familie, Freunden und Bekannten die Bedrohung der Klimakrise nicht permanent das wichtigste Thema ist. Natürlich verstehe ich das, weil Alltag, persönliche Sorgen, Energiekosten und Inflation allein ausreichend sind, um Menschen niederzudrücken. Ich will die Nachrichten auch nicht mehr lesen, ich will auch vergessen, dass die Menschheit jeden Tag mehr Treibhausgase in die Atmosphäre bläst. Und ich beobachte selbst täglich an mir, wie mir selbst bei kleinsten Entscheidungen durch das System, in dem wir leben, die klimafreundlichste Variante erschwert oder verwehrt wird und ich mich vor Debatten wegdrücke, weil ich schlicht keine Energie dafür habe. Aber … uns rennt die Zeit weg.

Allowing ourselves to be emotionally overwhelmed by the threat of climate change is clearly an indulgence we can’t afford. There’s too much at stake, too little time to act. Which is why folks doing strategic communication on global warming – the UN, green groups, scientists and arguably, the media – tread a very fine line.
They want to scare people enough to take the problem seriously but not so much as to make them feel hopeless. At the same time, they want to reassure people that a climate-secure future is possible but only enough to avoid complacency. I found myself straddling this dilemma when I started teaching a course on climate change. I immediately felt the weight of the students’ expectations. They were like anxious patients fearful of a diagnosis, and I was the doctor telling them to brace for bad news. I half-jokingly issued a trigger warning at the beginning of each semester.

Diesen Druck kenne ich auch. Ich weiß, dass es aus psychologischen Gründen viel wirksamer ist, wenn man Menschen Hoffnung gibt. Ich weiß auch, dass die Lösungen da sind. Es ist kein einfacher Weg, aber sie sind da. Ich habe selbst viele Male über all die Möglichkeiten geschrieben. Manchmal soll ich in Workshops und Univorlesungen darüber reden, was ich viele Male abgelehnt habe. Denn Enthusiasmus, den ich versprühen soll: Das kann ich einfach nicht. Ich würde mich wie eine Lügnerin fühlen. Wie kann ich anderen Hoffnung geben, wenn ich selbst keine habe? Ich würde hier selbstverständlich gerne eine Lösung hinschreiben, aber die Wahrheit ist, ich habe für mich keinen Weg gefunden, der sich richtig anfühlt.

At a human level, I desperately want to deliver a sanguine vision to my students and people who read my stories, evidence that we can – and will – avoid the worst. But it is not my job – or the job of any journalist – to manufacture hope. To do so would not only be manipulative, but intellectually dishonest.
It may also be self-defeating. Given the urgency I feel about the climate crisis, I yearn to explicitly denounce what I know to be harmful or wrong, and to champion what I think is the right course of action. But acting on this urge, even if it were possible within the strictures of AFP, would be a mistake.

Der zweite Punkt: Ich beobachte, wie sich meine Persönlichkeit verändert und ich mag es nicht. Ich will nicht bitter, zynisch, deprimiert, wütend und pessimistisch sein – weil all das mir selbstverständlich nicht guttut und auch die Lage null verbessert. Ich weiß, dass es viele wirklich bemühte und aktive Menschen gibt, sowohl in der Zivilgesellschaft, in der Politik als auch in Unternehmen. Nur, wir bewegen uns kollektiv in die falsche Richtung. Selbst jetzt, nach einem offensichtlichen weiteren Dürresommer und einem Krieg, der die Problematik der Abhängigkeit von fossilen Energien überdeutlich macht.
But pessimism doesn’t necessarily mean retreating to the Alps and pulling up the drawbridge. I am still energised by anger – at the lies, the half-lies, the greed, and especially the additional suffering they will bring in an increasingly unequal and unjust world. “Hope is an active verb,” said Hogan. “We continue to hurtle toward climate collapse. That’s what the science says. But you have to be willing to hold both truths, to hold hope and despair in the same breath. They are not polar ends of a spectrum, they’re very much one and the same.”
More importantly, where does all this leave you? You may not have thought about it much, and you may not want to. But like it or not, the reality of climate change is going to encroach on our lives, body and soul. Brace yourselves.
Zuschauen, wie die Welt verbrennt

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Kommentare 7
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 2 Monaten

    Vielleicht ein kleiner Beitrag gegen die Angst:

    https://blog.wiwo.de/m...

    1. Daniela Becker
      Daniela Becker · vor 2 Monaten

      Genau wegen solcher Beiträge habe ich Sorge um die Zukunft.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 2 Monaten · bearbeitet vor 2 Monaten

      @Daniela Becker Mit diesen Sorgen müssen Sie dann wohl leben …..
      Sorgen haben wir natürlich alle. Keiner kann sicher sein, dass sein begrenzter Blick auf die Welt, seine Empfindungen und Taten die richtigen sind. Aber wir können ziemlich sicher sein, dass ein großer Teil der Menschheit kreative Lösungen sucht, findet und überlebt. Und wie der Artikel zeigt, die Lösungen und die Welt werden anders aussehen, als wir sie heute extrapolieren.

  2. Silke Jäger
    Silke Jäger · vor 2 Monaten · bearbeitet vor 2 Monaten

    Danke Daniela, dein piq ist sehr bewegend. Ich kämpfe auch damit, nicht zynisch zu werden. Dabei weiß ich vielleicht nur die Hälfte dessen, was du weißt – über die Klimakatastrophe und die Wege, die wir als Menschheit gehen könnten, aber nicht gehen.
    Ich habe keine Hoffnung mehr, dass wir es schaffen, die Erwärmung auf ein Maß zu begrenzen, in dem wir unseren Lebensstil erhalten und die Menschen in ärmeren Ländern vor der Zerstörung ihres Lebensraums schützen können. Mir würde es auch nicht helfen, weiter auf ein Einhorn zu hoffen. Paradoxerweise ist das aber die Voraussetzung dafür, dass ich weiter hoffen kann.
    Ich hoffe darauf, dass wir global irgendwann das umsetzen, was zurzeit nur eine Minderheit der Menschen bereit sind umzusetzen. Dass Politiker nicht mehr lange damit durchkommen. Das die (Finanz-)Wirtschaft auf wertorientierten Handel umstellt. Und der größte Wert der Erhalt der natürlichen Kreisläufe ist. Dass wir eine Euphorie entwickeln, auf diese Art des Wirtschaftens umzustellen.
    Was wir derzeit tun ist zu wenig zu spät, um die Erhitzung zu begrenzen. Die Zeit reicht nicht mehr. Die Hoffnung, die ich habe, hat wenig mit dem Erhalt von Lebensräumen zu tun oder darauf, dass wir doch noch irgendwie die Kurve kriegen. Ich hoffe nur noch darauf, dass Menschen die Hoffnung auch in der dunkelsten Stunde nicht verlieren. Ohne zu wissen, ob ich selbst zu diesen Menschen gehöre. Ich hoffe darauf, dass die Erde uns überlebt. Ich hoffe darauf, dass einige Menschen überleben werden. Ich hoffe darauf, dass der schwarze Schwan auftaucht.
    Ich hoffe auf Dinge, die sich vielleicht zynisch anhören. Wie, wenn man einem Raucher sagt, der 50 Jahre an der Kippe hing, einen Herzinfarkt überlebte und jetzt COPD hat: Es lohnt sich immer noch für dich aufzuhören. Deine Lunge profitiert auf jeden Fall. Deine Lebensqualität lässt sich in dieser Situation wirklich ein bisschen verbessern, auch wenn du dein Leben schon um 10 Jahre verkürzt hast mit deinem Verhalten und du keine 100 Meter mehr gehen kannst.
    Diese Hoffnung bezieht sich auf etwas, das ich noch für realistisch halte. Und außerdem hoffe ich, dass ich mich irre und alle Wissenschaftler:innen ebenfalls und sich das Schlimmste Szenario doch noch aufhalten lässt. Das unterscheidet sich äußerlich kaum vom noch zu weit verbreiteten Leugnen. Aber innerlich ist es ein Unterschied. Weil ich mit dem, was da ist, schaffe umzugehen. Und die paar Dinge, die ich machen kann, die paar Dinge, die ich erreiche, wertzuschätzen. Ohne das könnte ich meine Kraft nicht erhalten. Und das würde wirklich nichts besser machen.
    Diese Kraft bleibt aber nur, wenn ich mir zwischendurch auch mal erlaube, hoffnungslos zu sein und zu trauern.

    1. Daniela Becker
      Daniela Becker · vor 2 Monaten

      Ich habe jetzt zwei Stunden nach einem Zitat zu Hoffnung in der Klimakrise gesucht, das ich mir mal gebookmarked hatte, weil es so treffend war - aber ich kann es in meiner Zettelwirtschaft nicht finden... Falls ich wieder darauf stoße, schreib ich es hier drunter. Danke auf jeden Fall für Deinen persönlichen Kommentar.

  3. Wolfgang Neumann
    Wolfgang Neumann · vor 2 Monaten

    Als "alter weisser Mann" kann ich nur zerknirscht und selbstkritisch lesen, was Sie da schreiben. Schon vor über 50 Jahren habe ich erkannt, was wir Menschen mit dieser unserer Lebenswelt treiben und dass es völlig falsch ist, was wir tun. Ich habe Menschen kennengelernt, die Ihr Leben vollkommen auf ein ökologisches Dasein umgestellt haben, aber ich konnte nicht mit Ihnen gehen , zu gross waren die Verlockungen des Konsums, der Bequemlichkeit und des Bedürfnisses karrieregeil wie alle anderen zu sein. Und so habe ich wie die meisten anderen meine Kinder grossgezogen, Karriere gemacht und materielle Träume verwirklicht. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder, aber ich sehe auch, dass sie das Problem in seiner Tragweite überhaupt nicht sehen wollen und vor allem ebenso den gleichen Verlockungen erliegen, wie ich selbst. Die Regenbogenflagge war einst Symbol für Artenvielfalt und die Rettung der Biosphäre, für die Liebe zur Wildnis und die vielen Lebewesen, die in mit uns in dieser dünnen Hülle , die den Planeten umgibt, leben. Nun steht diese Regenbogen- Flagge für ein ganz anderes, kleineres Problem, das sicher auch wichtig sein mag, aber das Bewusstsein für die Erhaltung des Lebensraumes Biosphäre auch wieder in den Hintergrund gestellt hat.
    Ich spreche bei Klimaproblemen übrigens nicht nicht vom "Planeten". Der Planet Erde ist eine riesige Kugel aus totem Gestein. Nein, unser Lebensraum, der Lebensraum aller Wesen auf der Erde ist sehr viel kleiner. 20 Kilometer Gase nach oben , oder 14 Kilometer (meist Wasser), nach unten und dann ist Schluss. Wir haben als Menschheit gar keine Vorstellung davon wie dünn, klein und verletzlich unser Lebensraum ( Biosphäre) ist und wie völlig unsinnig es ist, so viel streiten und sich ständig gegenseitig zu bekriegen. Der Mensch ist bescheuert und ich bin leider auch nur bedingt klüger. Ab und zu.

  4. Ria Hinken
    Ria Hinken · vor 2 Monaten

    Da kann ich nur zustimmen. Genauso fühle ich mich inzwischen mehr und mehr. Seit knapp 45 Jahren nerve ich andere Menschen mit dem Thema Umweltschutz. Neulich bei einer Veranstaltung der Freiburger FWTM, die auch für den Münstermarkt zuständig ist. Ich fragte, weshalb man nicht endlich die Verwendung von Plastiktüten verbietet. Die Antwort war ernüchternd. Man könne das den Marktbeschickern nicht vorschreiben. Und so lange es solche Antworten für NICHTSTUN gibt, fehlt auch mir langsam aber sicher jegliche Hoffnung.

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