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Reportagen und Interviews

Ewa erkämpft sich bessere Arbeitsbedingungen als Pflegekraft

charly kowalczyk
journalist

Im badischen Singen am Hohentwiel geboren und in Potsdam lebend. Schreibe Radiofeature für den Deutschlandfunk bzw. für DLF Kultur und für die Sender der ARD. Mitgründer des Bremer Hörkinos. Seit 17 Jahren stellen wir in Bremen ein Radiofeature der Öffentlichkeit vor.
www.bremer-hoerkino.de

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charly kowalczykMontag, 31.05.2021

Es ist ein schönes Radio-Format: „Plus eins“. Immer Sonntags im Deutschlandfunk Kultur zu hören. Ein wenig Interview, ein bisschen Reportage, und wenn es gut erzählt wird, kommen einem Menschen sehr nahe. So ging es mir bei der Geschichte von Ewa, einer 50jährigen Polin, deren Mann an Krebs gestorben ist. Die Autorin Sophie Rebmann hat Ewa in Überlingen am Bodensee getroffen:

„Bis jetzt habe ich Schwierigkeiten, wenn ich darüber spreche. Für mich ist das so schwierig, ich kann nicht beschreiben, wie das wehgetan hat."

Ewa ist erst 50 Jahre alt, als ihr Mann stirbt. Sie pflegt ihn bis zu seinem Tod. Ewa hat russische Philologie studiert, hat aber in ihrem Beruf keine Arbeit gefunden. Deshalb hat sie im Supermarkt gearbeitet. Durch die Pflege ihres Mannes hat sie diesen Job verloren. Ihre Ersparnisse sind irgendwann aufgebracht, der Schuldenberg wächst. Sie hat alles versucht, wieder irgendeine Arbeit in Polen zu finden. Aussichtslos. Sie musste immer wieder hören, dass sie zu alt sei.

"Ich suche in Polen nichts mehr, ich suche etwas im Ausland. Zum Beispiel dachte ich werde ich als Saisonarbeiterin in Deutschland arbeiten. Es war Frühling und ich denke, Spargel, danach Erdbeeren und dann hab ich meine Schwester gefragt, weil sie oft in Deutschland als Saisonarbeiterin gearbeitet hat, ob sie mir Kontakt zu diesem Bauernhof geben kann. Und die hat gesagt, Ewa, das ist sehr schwere Arbeit. Du brauchst etwas für längere Zeit.

Ewa bewirbt sich bei einer Agentur in Krakau als Pflegekraft und wird in einen Haushalt nach Deutschland vermittelt. Sie soll einen 74-jährigen Professor, der an Demenz erkrankt ist, pflegen. Und begleiten. Es ist Ewas erste Reise ins Ausland.

"Diese Frau von meinem Patienten hat schon auf mich gewartet. Ich bin sehr herzlich begrüßt worden. Mit Lächeln und so, er hat mich so herzlich gedrückt. Er hat sich gefreut und mir gleich mein Schlafzimmer gezeigt und ja, wo ist Badezimmer und ich könnte schon schlafen gehen."

Ewa und die Autorin erzählen, wie man als Mensch in einem fremden Land, ohne Sprache, ohne Ausbildung, das Beste versucht zu machen. Aber es ist natürlich ein furchtbarer Stress für Ewa. Denn die polnische Agentur vermittelte sie zu einer deutschen Agentur, die der Frau des Patienten vertraglich zusichert, dass sie eine ausgebildete Pflegekraft mit guten Deutschkenntnissen bekäme. Den Frust der Frau bekommt in der ersten Zeit Ewa ab, nicht die Agentur. Im Vertrag steht außerdem, was Ewa nicht weiß, dass sie eine 24-Stunden-Pflegekraft ist. Immer, wenn der demente Mann Hilfe braucht, muss sie für ihn da sein. Dazu den Haushalt in Ordnung bringen. Aber Ewa hat erst einmal nur Angst, dass sie die Stelle wieder verliert:

"Angst, dass die Frau sagt, leider Ewa schaffst Du das nicht, Du musst wieder nach Polen fahren. (...) Ich dachte, ich bin zu langsam. Ich verstehe das nicht, und das nicht. Und die Familie fühlt sich nicht gut mit solch einer Pflegerin. Und für mich war es am Wichtigsten: Ich muss Geld verdienen. Nichts war wichtiger." 

In bis zu 300.000 deutschen Haushalten arbeiten Pflegekräfte aus Osteuropa. Fast alle werden über Agenturen vermittelt. 300.000, vor allem Frauen. So viel wie Münster Einwohner/innen hat. Wie Ewa geht es vielen Frauen. Den Vertrag, den sie mit der polnischen Agentur abgeschlossen hat, hat sie nie in Frage gestellt. Bis sie eines Tages durch Zufall einen Überweisungsträger auf dem Küchentisch entdeckt.

"Ich sage och, meine Güte, 2.500 Euro. (...) Wir dürfen über unser Gehalt nicht reden. Das ist Geheimnis." Wie viel, sagt die Frau, verdienst Du? 1.000 Euro. Es ist unmöglich! Die hat gleich die deutsche Agentur kontaktiert. Das geht nicht, die Frau leistet so viel Arbeit, warum verdient sie so wenig? Und ich hab zu dem Gehalt extra Bonus gekriegt."

Sie bekommt 50 Euro mehr, also 1.050 Euro im Monat. Für mindestens 16 Stunden Arbeit. Die Arbeitsbedingungen sind weder mit dem deutschen- noch mit dem polnischen Arbeitsrecht vereinbar.

Dennoch ist es eine schöne Geschichte. Weil Ewa kämpft. Ermuntert und unterstützt von der Frau des dementen Mannes. Was auch selten genug ist.

Ewa kämpft für sich und später auch für andere um bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Sie ist kein Opfer, keine Heldin, einfach eine Frau, die sich nicht mehr alles gefallen lässt. Und das tut gut zu hören.

Ewa erkämpft sich bessere Arbeitsbedingungen als Pflegekraft

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