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Bücherbox – posthum veröffentlicht: Das unsterbliche Luderleben

Bücherbox – posthum veröffentlicht: Das unsterbliche Luderleben

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnDonnerstag, 18.02.2021

Wir, die wir ohne Herd, Haus, Weib, Freude, – die wir ohne Geld, Brot und andere Annehmlichkeiten sind, krepieren meist im Chausseegraben oder in einem x-beliebigen Strohdiemen, manchmal, wenn man Glück hat, auch im Spital. Wir sterben nicht, wir krepieren.

Gustav Leberecht Scheege, genannt Gurke, stellt sich vor. In diesem 300 Seiten umfassenden Roman von Oskar Schönberg nehmen wir von Oktober 1929 bis Mai 1932 am Luderleben des Ich-Erzählers teil. Der aus dem Nachlass des Autors herausgegebene, im Mitteldeutschen Verlag jüngst erschienene und aufwendig wissenschaftlich betreute Roman wäre wohl in der Versenkung verschwunden geblieben, hätte Oskar Schönberg vor 100 Jahren in Berlin oder München gelebt. Aber er lebte, arbeitete und litt (nach einer Inhaftierung durch die Nazis war er jahrelang bettlägerig) in Magdeburg (einer Provinzstadt, deren kulturelle Wertigkeit nach zwei kompletten Zerstörungen stets fragil blieb) und hinterließ seine unveröffentlichten Romane und Gedichte dem Literaturhaus der Stadt, wo sie durch einen Professor für Germanistische Kulturwissenschaft der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität gehoben und in Auswahl für gut befunden wurden. Thorsten Unger fügt der frühen Fassung des in den Dreißigerjahren verfassten Romans ein 60-seitiges Nachwort bei, welches sich spannender liest als das Buch selbst.

Und wir singen, fressen, saufen! Lachen uns an, sagen uns Grobheiten, wenn einer zuviel säuft, vertragen uns wieder. Sind ein Herz und eine Seele, haben das Gestern vergessen, pfeifen auf das, was kommt. Vergessen haben wir Hunger, Elend, Durst und Polizei... Vergessen haben wir, dass wir Lumpen sind, die ein Luderleben führen.

Die Handlung des Buches erstreckt sich auf die Wanderung des arbeitslosen Leberecht Schneeges rund um Magdeburg, er trifft Kumpane, lässt sie zurück, klaut, singt, friert, hungert, verliebt sich in eine schöne Magdeburgerin, gewinnt deren Herz, heiratet sie und lebt ein paar Monate ärmlich mit ihr zusammen, arbeitet und wird wieder arbeitslos und entrinnt dem kleinbürgerlichen Leben (eine Schlafzimmereinrichtung muss abgestottert werden) gen Landstraße, bis ihn die Liebe wieder nach Magdeburg zieht...

In der späten Weimarer Republik, ist im Nachwort zu lesen, stiegen die Erwerbslosenzahlen insbesondere nach der Weltwirtschaftskrise von 3,2 Millionen (Winter 1929/30) auf über 6 Millionen (1932/33). Bis 1932 erschienen mehr als 50 "Arbeitslosenromane" auf dem deutschen Buchmarkt, von denen vor allem Hans Falladas Kleiner Mann, was nun und Erich Kästners Fabian Berühmtheit erlangten und immer wieder aufgelegt werden. Schönberg beendete seine erste Fassung des Romans um 1934, bis zur Machtübernahme war er Angestellter des Arbeitsamtes Magdeburg, verlor diese Stellung, wurde mehrfach verhaftet, seine Wohnung durchsucht und er 1936 wegen Hochverrats zu einer Zuchthausstrafe verurteilt (Schönberg war SPD-Mitglied und nahm am aktiven Widerstand gegen die Nazis teil). Eine in der Untersuchungshaft erlittene Wirbelsäulenverletzung führte zu seiner Entlassung und knapp siebenjähriger Bettlägerigkeit. In der DDR veröffentlichte er einige Lieder und Gedichte, seine fünf Romane blieben ungedruckt.

Mir fehlt in diesem Luderleben (das Nachwort geht auch auf die etymologische Bedeutung des Wortes luodern ein) das im Titel angedeutete bewusst Verweigernde. Die gleichzeitig zur Romanhandlung stattgefundene Vagabundenbewegung mit ihrer klaren politischen Haltung spiegelt sich im vorliegenden Buch (neben einer abgrenzenden Bemerkung in Nachwort) allenfalls als Coverillustration wieder, dafür wurde eine Zeichnung des prominenten Vagabundenmalers Hans Tombrock gewählt (weiterführend empfehle ich den aufwendig gestalteten Dokumentenband Künstler, Kunden, VagabundenTexte, Bilder und Dokumente einer Alternativkultur der zwanziger Jahre). Es bleibt, die mitunter geschilderte Lust am Luderleben, welche in einer späteren Fassung des Romans revidiert wurde, in ihren Ansätzen zu würdigen, den Schalk der Tippelbrüder und ihre aufblitzende Boshaftigkeit. Von dieser Widersprüchlichkeit des Verluderns hätte ich gern mehr erfahren.

Die Liebesgeschichte mit der beinah heilig wunderbaren Anna – geschenkt.

Mollig drücken wir uns in die Haustürnische. Ganz fest liegt Annas Körper an dem meinen. Wir küssen uns, selig vergessend und erschaudernd. Annas Hände liegen heiß und schwer auf meinen Schultern. Wehrlos lässt sie geschehen, was geschehen muss.

Gespannt war ich auf die Topografie Magdeburgs, die Beschreibung vom Krieg getilgter Viertel und Straßen (das Knattergebirge zum Beispiel). Sie bleibt vage und dürftig. Vom Breiten Weg (einst schönste Barockstraße Deutschlands) heißt es bei Schönberg: "Der Breite Weg ist Magdeburgs Schönheit, ist Magdeburgs Leben. Ist ein Stück von einem selbst. Ohne ihn wäre Magdeburg nicht zu denken."

Im Nachwort ist dokumentiert, dass sich im Archiv des Verlages Volk und Welt ein dreiseitiges Lektoratsgutachten aus den Fünfzigerjahren befindet. Zu den ersten sieben Kapiteln des Romans Ich bin einer von vielen (welcher den vorliegenden eingearbeitet enthält) schreibt der Lektor unter anderem:

... In stilistischer Hinsicht sind die vor mir liegenden 7 Kapitel ebenso schlecht. Schönherrs [!] Sprache ist so, wie es der Zusatz "Schriftsteller" in seinem Namensstempel erwarten läßt: schwülstig, überladen, unkonkret, faselnd, das ganze All in sich fassen wollend - genau wie sich Tante Lieschen "Literatur" vorstellt.

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