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Literatenfunk

Bücherbox - Die Glasschwestern

Quelle: Lebus, Kirchhof. Bücherbox.

Bücherbox - Die Glasschwestern

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnSamstag, 10.04.2021

Ihre Schwester fängt sofort an zu reden und erzählt mit ungewohnt hoher Stimme, Gilbhart sei am Morgen vom Hometrainer gekippt und gestorben. Er habe mit dem Gesicht auf dem Teppich gelegen, wie umgehauen. Schlaganfall...

"Winne ist auch tot." ... Dunja sieht sich in ihrem Flur um. Irgendetwas muss diese beiden Tode veranlasst haben, denkt sie. Sie würde gerne fragen, was es sich verdammt nochmal dabei gedacht hat, ihren Ex-Mann und den Mann ihrer Schwester am selben Tag sterben zu lassen. Das Schicksal hat ihnen gleichzeitig denselben Schlag erteilt und gesagt: Seht zu, wie ihr damit klarkommt, wenn ihr einander nicht helfen könnt.

Neulich im Oderbruch. Zurzeit zwecks Recherche auf dem Land sein zu dürfen, wirkt verzaubernd. Wie angemalt ergrünen Hügel und Wiesen, auf einem der sandigen Oderhänge recken sich Adonisröschen ins Licht, neongelbe Blütenblätter vor blauem Odergrund – ein Wunder. In der kleinen Stadt putzen die Störche ihr Gefieder, lädt eine weitgeöffnete Tür in den Kirchhof. Dort steht ein Regal mit Büchern "zum mitnehmen". Neben Dan Brown, Stephen King und Der Urzeit des Biedermeier entdecke ich Die Glasschwestern von Franziska Hauser.

Die meisten Zufälle haben keine Bedeutung. Sie lassen sich nicht verarbeiten oder verwenden. Man kann mit ihnen nichts anfangen, staunt nur, wie über Unfälle oder Naturereignisse, erzählt jemandem davon und vergisst sie wieder.

Vor ein paar Jahren haben wir im Lesezirkel den Debüt-Roman Sommerdreieck von Franziska Hauser diskutiert, und ich erinnere mich, dass wir uns über die vermutete Erzählabsicht und Autofiktionalität des Buches nicht einig wurden. Mein Exemplar des nunmehr dritten (2020 erschienenen) Romans der Berliner Fotografin und Autorin verschlinge ich. Knapp 430 Seiten, im Oderbruch begonnen, lese ich in einer Berliner Nacht aus.

Die Geschichte der Zwillingsschwestern Saphie und Dunja, welche in ihrem vierzigsten Lebensjahr Ehemann und Ex-Mann an einem Tag verlieren, ist sorgfältig konstruiert. Dreh- und Angelpunkt ist das Hotel Saphies in einem Dorf an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Die DDR bildet nur eine blasse Schablone in diesem Plot, wichtiger sind die Menschen, die Beziehungen der Dorfbewohner untereinander und die der Familie Lenzing. Vater Lenzing war Glasbläser, sein transparentes Vermächtnis schwebt durch das Buch, erhält zunehmend Gewicht. Auch das Hotel, anfangs beinah als Verbannung-Arbeitssort für Schwester Saphie geschildert, gewinnt Farbe und Wärme. Berlin, die Stadt, in die Dunja sich einst aufmachte, verdunstet im Roman. Dunjas Kinder folgen ihr aufs Dorf. Und doch ist es keine Großstädter nehmen Brandenburg ins Visier-Geschichte, sondern eine verallgemeinerte und damit zeitlosere, ursprünglichere Suche.

Mit großer Zuneigung und Humor entwickelt Franziska Hauser ihre Figuren, lässt die ungleichen Schwestern wie zwei Seiten einer Medaille sein, und sich allmählich wandeln. Hauptthema bleibt die Trauer, daraus erwächst das Gehen oder Bleiben, Abschiednehmen und Wiederkommen. Situationskomik entsteht mit den schrulligen Kindern Dunjas, dem Rezeptionisten (und seinem eigenwilligen Deutsch), der selbstverliebten jüngeren Schwester des Zwillingspaars... Ich bin diesmal ganz bei der Autorin, sie hat mit Hinwendung und Akribie einen eigenen Kosmos geschaffen, der heilt, unterhält und staunen lässt. Die Frage nach der biografischen Schablone scheint obsolet. Wie gern wäre ich zu Gast in diesem Hotel, nur einen Tag!

Die wenigen Kritiken, die ich fand, polarisieren das Lesererlebnis, während eine Rezensentin begeistert ist, gehen andere gar nicht mit. Jetzt muss ich mir Die Gewitterschwimmerin besorgen, den zweiten Roman der Autorin, in welchem sie nach Selbstauskunft ihre Familiengeschichte aufarbeitete. Vielleicht läuft er mir zufällig über den Weg? Mit Dunja/Saphie lassen sich bis dahin wunderbar Gedankenausflüge in die Natur unternehmen.

Als sie aus dem Buchenwäldchen in den großen Fichtenwald geht, fällt ihr zum ersten Mal auf, dass der Wind mit den Nadelbäumen sanfter umgeht. Das Rauschen der trockenen Herbstblätter klingt wie das Meer. Aber durch die Nadeln geht der Wind mit einem weichen Sausen. Es riecht schwer nach Harz, Erde, feuchtem Moos und Fichtenöl.

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Kommentare 3
  1. Tanja Hauser
    Tanja Hauser · vor 8 Monaten

    "Die Gewitterschwimmerin" solltest Du unbedingt lesen <3

  2. Monica Weispfennig Buchfeld
    Monica Weispfennig Buchfeld · vor 8 Monaten

    Danke. Der gute Hinweis verursacht Neugier und Lust zum Näherkennenlernen.
    Beste Grüße mw

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor 8 Monaten

      danke, das freut mich!

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