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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Dienstag, 28.05.2019

Zweite Lesung Rutschky

Zu sehen sind drei Männer in einer seltsamen Gesprächssituation, die von der reinen Stühle-Konstellation irgendwie an ein Verhör oder eine Prüfung erinnert (das Video ist ganz unten der Hauptlink). Auf der einen Seite sitzen Ekkehard Knörer und Christian Demand, die beiden Merkur-Herausgeber, auf der anderen der Autor Michael Rutschky, wenige Wochen (oder Monate) vor seinem Tod im letzten Frühjahr. Sie reden über einen Text von Hans Magnus Enzensberger über Massentourismus, der Ende der 50er Jahre im Merkur erschienen ist, und das ganze verdankt sich der Gesprächsreihe "Zweite Lesung", die sich der Merkur - das "Magazin für europäisches Denken" - ausgedacht hat, um sein 70-jähriges Bestehen zu feiern: Autoren, Intellektuelle, Journalisten sollen hier mit den beiden Herausgebern über einen Aufsatz aus dem Merkur reden, der ihnen aus irgendeinem Grund besonders in Erinnerung geblieben ist (sehr schön auch Dirk Knipphals über einen Text des frühen Rainald Goetz).

Da ich mich in den letzten Wochen ziemlich in Michael Rutschky reingesteigert habe (Anlass war das Erscheinen von "Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996 – 2009", über das ich eine neue Folge der Kolumne Bad Reading geschrieben habe, die gerade im Freitag, dem "Meinungsmedium" erschienen ist), ihn aber persönlich nur als Namen kannte, war es für mich gleichermaßen tröstlich und interessant, dieses Video gucken zu können.

Zunächst faszinierten mich die beiden Merkur-Herausgeber: Christian Demand mit seiner perfekten Imitatio in Stimme und Sprechweise von Peter Sloterdijk, Ekkehard Knörer weniger mit seinen Wortbeiträgen als seiner Beobachtung des Gesprächs (es wirkt so, als würde er aus den Augenwinkeln nicht nur Kamera, Christian Demand und Michael Rutschky, sondern auch sich selbst distanziert zuschauen). Und dann natürlich Michael Rutschky, mit seiner etwas heiseren, sanft berlinerisch eingefärbten Stimme, runder Brille und dem (von der Chemotherapie?) bereits etwas aufgedunsenen Gesicht, nichtsdestotrotz in jedem Moment hellwacher und souveräner Erzähler seiner Enzensberger-Lektüre, der sich von dem eingangs erwähnten Interview-Tableau nicht eine Sekunde lang irritieren lässt.

Es geht um den ultrasmarten, adornogeschulten Enzensberger als jungen Shooting-Star der bundesrepublikanischen Intelligentsija, der den in den 50ern gerade modern werdenden Massentourismus als Sehnsuchtsversprechen (das zerstört, was es anpreist) sofort durchschaut, sich für dessen konkrete Erfahrung (oder individuelle Praxis) aber nicht weiter interessiert. Negative Dialektik und Nachrichten aus der Hölle – nach dem Motto des depressiven "Kenn ich alles schon" – reizen den jungen Enzensberger wesentlich mehr. Es sind für ihn methodische Werkzeuge, um als gerade mal 25-Jähriger bereits wie ein abgeklärter 50-jähriger Professor zu klingen. Ein Sound, den damals, wie Rutschky versichert, alle Gymnasiasten "oberaffengeil" fanden.

Der Witz daran ist, dass Jahrzehnte später ebendieser Enzensberger den jungen Rutschky zur Zeitschrift Transatlantik holen würde, die so etwas wie ein New Yorker für die BRD werden sollte. Und dass Rutschky zu dem Zeitpunkt, Anfang der 80er, mit seinem Essay "Erfahrungshunger" ein ähnlicher rising star war wie Enzensberger zuvor. In "Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen" (Band 1 seiner bei Berenberg erschienenen Tagebuch-Trilogie) beschreibt Rutschky, wie diese Zusammenarbeit scheiterte. Das Hauptproblem mit Enzensberger wäre gewesen, dass man mit ihm nie normal hätte reden können. Er, Rutschky, habe sich ihm, Enzensberger, gegenüber immer wie Interviewer gefühlt, der dem anderen ein Mikrofon unter die Nase halte. – Wie im besten Sinne anders (also normal) dagegen Rutschky im Gespräch mit den beiden Merkur-Herausgebern (... wenn man sich denn einmal durch die etwas umständliche Einführung von Rutschkys altem Lehrer "Herrn Hoffmann" zu Beginn des Videos gekämpft hat...)!

Ein Trost war das Video für mich aber auch, weil einen "Gegen Ende" als bewusst schonungslos angelegtes Tagebuch ziemlich runterziehen kann. Neben sehr schönen Alltagsbeobachtungen (die sich auf ironische Art nie zum großen Roman fügen wollen) gibt es jede Menge Gossip und Namedropping, die alle Beteiligten (Frau, Freunde und ihn selbst) oft im schlechtesten Licht dastehen lassen. Ab und zu wirkt es so, als würde er sich eine gekränkte Eitelkeit attestieren, die einen nach dem Eindruck des Videos zu urteilen übertrieben erscheint, die er aber als eine Art perversen Schreibantrieb braucht, um so mit der Hybris des Schreibens (oder der Literatur) gnadenlos abrechnen zu können.

Und weil ich nach diesem Video mit Rutschky noch lange nicht fertig war, hab ich mir anschließend noch zwei Bücher aus dem Antiquariat besorgt: das tolle Kinobegeisterungs-Buch "Ich und John Wayne" (Edition Tiamat) seines Freundes Kurt Scheel (der, von Rutschky zum Herausgeber der Tagebücher bestimmt, sich kurz nach dessen Tod umbrachte). Und "Berlin – Die Stadt als Roman" (Ullstein), einen Bildband mit kurzen Texten zu Fotos von schwarzweißen Cityscapes, der jungen Kathrin Passig oder dem sehr jungen David Wagner, der locker als innovativer Roman über die Neunziger und Nuller Jahre dieser Stadt durchgeht.

Zweite Lesung Rutschky
8,8
6 Stimmen
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