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Literatur

Vernichten

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelMontag, 31.01.2022

Dies ist mein letzter piq für den Literatenfunk. Knapp fünf Jahre durfte ich hier über Literatur schreiben und betreibe nun seit einer Woche Selbstarchivierung aller Beiträge, die ich hier zum Teil live reinverfasst habe. Ich komme auf ca. 188 und es hat mir großen Spaß gemacht – herzlichen Dank an der Stelle an alle Ko-Literatenfunkerinnen (namentlich Anne Hahn und Jochen Schmidt, die mich hierhergeholt haben), Leserinnen und Kommentatorinnen, Marcus von Jordan und das ganze piqd-Team.

Die letzte Folge handelt von Michel Houellebecqs gerade erschienenem (möglicherweise auch letztem) Roman Vernichten (aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, Dumont). Vernichten ist ein 600 Seiten langes, gut abgehangenes Alterswerk, das nicht wirklich über einen Plot verfügt, dem man aber trotzdem gern ohne große Dringlichkeit bis zum Ende folgt.

Der Roman handelt im Wesentlichen von den Gedanken von Paul Raison, einem hochrangigen Mitarbeiter des französischen Wirtschaftsministeriums, der recht ziellos, aber angenehm erschöpft und abgeklärt durch sein Leben im Frankreich des Jahres 2027 driftet. Entfremdet von seiner Frau Prudence (benannt von ihrem Beatles-Fan von Vater nach einem ihrer schlechteren Songs) reist Paul an Weihnachten zum im Koma liegenden Vater. Dort begegnet er seiner religiösen, rechtsnational wählenden Schwester Cécile samt Ehemann, die natürlich auch ganz sympathisch rüberkommen. Pauls Chef, der Wirtschaftsminister, der demnächst Übergangspräsident werden soll, damit anschließend der alte (Macron?) noch mal aufgestellt werden kann (parlez Putin!), wird parallel zum Opfer mysteriöser Terrordrohungen im Netz. Weiter bin ich noch nicht (Stand Seite 135).

Houellebecq schreibt rührend detailliert und Recherche-interessiert (er soll sich immer wieder mit hohen Politikern zum Mittagessen getroffen haben) über Politik und eigenes Älterwerden. Es gibt auch Erinnerungen an Popkultur im alten Kinderzimmer des Heimkehrers (Paul war Nirvana- und Matrix-Fan, die zwei Jahre jüngere Cécile eher Radiohead- und Herr-der-Ringe-Fan), die digitale Moderne am Beispiel der Interieurs von TGV-Bordrestaurants ("war er für diese Welt mitverantwortlich?") und, klar: Sex.

An den Akt selbst erinnerte er sich, das vergisst man nicht, das ist wie Fahrradfahren, dachte er mit einem gewissen Mangel an Originalität ...; es waren die anzuwendenden Verfahren, um dorthin zu gelangen, die ihm extrem weit entfernt und fantastisch erschienen, sie hätten Teil einer mythologischen Erzählung oder eines früheren Lebens sein können.

Der unten verlinkte Artikel von Sieglinde Geisel widmet sich dem speziellen Stil Houellebecqs (und der Schwierigkeit, ihn ins Deutsche zu übertragen) mit einer speziellen Analyse der Seite 99. Diese Art von Test geht auf ein Zitat von Ford Maddox Ford zurück:

Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.

So gut ich die Idee finde, möchte ich ihr entgegenhalten, dass ich die erste Romanseite aussagekräftiger finde (inspiriert von Herrndorf, dem selbsterklärten "König der ersten Seite", hatte ich mal eine Literaturkolumne in dem Ostberliner Magazin Das Magazin, in der ich ausschließlich die erste Seite von Romanen besprach). Und im Fall von Vernichten ist die erste Seite (Seite 9) jedenfalls super. Der dritte Absatz geht so:

Seit seiner Jugend interessierte er sich für die Graffiti der Pariser Metro. Er fotografierte sie oft mit seinem veralteten iPhone – inzwischen war man wohl bei der 23. Generation angelangt, er war immer noch bei der elften. Er sortierte die Fotos nach Haltestellen und Linien, auf seinem Computer waren ihnen zahlreiche Ordner gewidmet. Es war sein Hobby, wenn man so will, aber er bevorzugte die prinzipiell ansprechendere, eigentlich aber brutalere Bezeichnung Zeitvertreib.

Für meinen letzten Literatenfunk-Beitrag ließ ich mich außerdem letzten Freitag von zwei netten älteren Damen im Weinbergspark fotografieren. Sie fanden das Wolken-Cover hübsch und wollten wissen, ob ich das Buch geschrieben hätte. Dann checkten sie es ("ah, Höllebeck") und wollten wissen, wie es war. Ich sagte, gut, aber lesen Sie es um Himmels Willen nicht zum Zeitvertreib!

Vernichten

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Kommentare 3
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 6 Monaten

    "recht ziellos, aber angenehm erschöpft und abgeklärt" - ist das nicht ein Grundgefühl in allen westlichen Wohlstandsgesellschaften? Neben Angst, Wut und Lust am Untergang? Ein eigenartige Mischung aus Erschlaffung und Streitsucht? Aber letztlich ein apathischer Alterungsprozess. Die Welt bewegen andere ….

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 6 Monaten

    Danke.

    Wahrscheinlich riet Ford Madox Ford zur 99 Seite aus einer Mischung aus Zahlenmagie und das alle an der ersten Seite feilen.

    Immer wieder wird Fontane zitiert:

    "Volle acht Tage habe ich gebraucht, um das in Abschrift vor mir liegende erste Kapitel in Ordnung zu bringen. Und ein paar Stellen genügen mir auch jetzt noch nicht und müssen, nach erneuter Abschrift, wieder unter die Feile.

    Nun müssen Sie aber nicht fürchten, daß das so weitergeht. Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. Die kleinen Pensionsmädchen haben gar so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: »Wenn ich nur erst den Anfang hätte.« Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Daher diese Sorge, diese Pusselei."

    Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles am 18. August 1880

  3. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor 7 Monaten

    Vielen Dank für 188 Literatenfunk-Beiträge, von denen ich viele erst noch lesen muss. Das werde ich gelegentlich nachholen. Mit Sicherheit ein sehr angenehmer Zeitvertreib 😊

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