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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Sonntag, 31.03.2019

Delirious New York

Oder: die wundersamen Wege, wie Bücher zu uns kommen.

Oder: Könnte man sich vorstellen, dass eines Tages Virgil Abloh auch mal Held eines Romans wie Gabriele Tergits „Effingers“ sein wird, über den Jens Bisky gestern in der SZ schrieb:

Ihre Protagonisten, so erfolgreich sie sein mögen, sind nicht Herren ihres Schicksals. Unkontrollierbar, kaum vorherzusehen, vollziehen sich wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Der Handel belebt sich oder stockt, Preise fallen und steigen, Sitten verändern sich…

Virgil Abloh, dem das fast schon ärgerlich lange Porträt unten im New Yorker gewidmet ist (zu lang auf jeden Fall für den Bildschirm, ich hab’s mir extra ausgedruckt), ist – nach dem Abgang von Raf Simons bei Calvin Klein (weil die Amerikaner dessen Sweater mit Andy Warhols Car-Crash-Bildern vorne drauf nie so richtig mochten oder kapiert haben, ein einziges Missverständnis) – jedenfalls right now der einflussreichste Mann in der Mode, macht allerdings auch gerade schwierige Zeiten durch, weil seine aktuelle Kollektion Michael Jackson gewidmet war, dem pädophilen King of Pop.

Ablohs Story bleibt dennoch atemberaubend und das Porträt ein magazinjournalistisches Highlight dieses Frühjahrs. Ursprünglich Hip-Hop-DJ, Architekt und Kanye Wests Jugendfreund, wurde er zunächst zu dessen wichtigstem Berater (super die Story, wie Kanye West im Flugzeug immer zum Reden aus der Ersten zu ihm in die Holzklasse kam und die Leute durchdrehen: „Was that Kanye West in Coach?!“) und gründete dann sein eigenes Highend-Streetwear-Label Off-White (hood-style Hoodies in grau, auf den vorne NEBRASKA steht und die 500 Euro kosten – getting away with it!), um dann zum Chefdesigner von Louis Vuitton Men zu werden – was eigentlich Kanye, dem selbsterklärten „Louis Vuitton Don“, immer vorgeschwebt hatte.

Neben großartigen Einblicken in Virgils 53-creative-decisions-per-day-Arbeitsweise (die Wichtigkeit, ein naiver, begeisterungsfähiger Amateur zu bleiben, weil du das sonst psychisch nicht durchhältst) oder seine von Duchamps Readymades inspirierte „3-%-Philosophie“ (du musst ein Original nur um 3 Prozent verändert kopieren, um es zu deinem eigenen zu machen…) wird in dem New-Yorker-Artikel aber vor allem ein Buch erwähnt, das ich mir sofort bestellen musste:

After graduating, in 2003, Abloh enrolled in the architecture program at the Illinois Institute of Technology, where, he told me, he was “profoundly inspired” by the work of Rem Koolhaas, who wrote the book “Delirious New York” and has, in addition to designing buildings, worked on runway collections for Prada. (The two are now friends.) Koolhaas provided Abloh with a new model of what an architect could be. “I was, like, ‘Now I can be even more excited about architecture, because I don’t have to just do architecture,’ ” Abloh said. “Studying architecture, to some people, is, like, ‘Oh, you build buildings.’ But to me it’s a way of thinking. It’s a way of problem-solving with a rationale. And you can apply that rationale to building a building but also to scrambling eggs.”

… oder eben zum Schreiben von Literaturkolumnen über Rem Koolhaas‘ Delirious New York, was 1979 eine Art „retroaktives Manifest“ des „Manhattanism“ sein wollte und sofort zum Kultbuch in der Szene avancierte. Eine psycho-architektonische Drehbuchskizze zu einem Film über unsere von der Metropole träumende, an der Metropole scheiternde Moderne (der spätere Architektur-Star Rem Koolhaas begann seine Karriere ja auch als Drehbuchautor und Journalist).

So geht es in seinem Durchbruch-Werk Delirious New York immer gleich um alles und nichts: Dalis paranoid-kritische Methode, die Philosophie des Staus (oder der Verstopfung), die kapitalistische Überwindung der natürlichen und sozialen Limitierungen in Form des Skyscrapers (ohne glücklicherweise jemals zu psychoanalytisch zu werden und nur noch aus dem Schoß der Fantasie irgendwelcher Gemälde von Hugh Ferriss, „The Lure of the City“, geborene Riesenpenisse zu sehen) und die Erfindung der Sicherheitsfangvorrichtung für Fahrstühle durch Elish Otis 1853. Koolhaas:

Like the elevator, each technological invention is pregnant with a double image: contained in its success is the specter of its possible failure. The means of averting that phantom disaster are almost as important as the original invention itself. Otis has introduced a theme that will be a leitmotiv of the island’s future development: Manhattan is an accumulation of possible disasters that never happen.

Und Rem Koolhaas versteht sich als so etwas wie Manhattans Ghostwriter:

Movie stars who have led adventure packed lives are often too egocentric to discover patterns, too inarticulate to express intentions, too restless to record or remember events. Ghostwriters do it for them. In the same way I was Manhattan’s ghostwriter. (With the added complication that my source and subject passed into premature senility before ist „life“ was completed. That is why I had to provide my own ending).

Als wir gestern Abend seit Ewigkeiten mal wieder mit unseren Architekten-Freunden aus waren und ich ihnen begeistert von meinem Fund erzählte (im Internet als englische Wiederauflage bei Monacelli Press für 20 Euro gezogen), winkten die nur müde ab. Rem Koolhaas, der arrogante Fucker, und Delirious New York, kalter Kaffee: Kannten sie alles längst. Außerdem haben sie zu Hause die deutsche Ausgabe rumstehen, 1999 bei arch+ erschienen und von ihnen selbst gestaltet. – Wahnsinn, ich hätte halt nur fragen müssen.

Wir saßen im Barton Fink, einer komischen Kino-Bar an der Potsdamer. An der Wand das Poster des Schreibblockade-Klassikers der Coen-Brüder mit John Turturro. Hinterm Tresen der schwarze Barkeeper, der uns so nett reingewunken hatte („Welcome to Barton Fink, you’ve come to the right place!“): als ein Song von Michael Jackson kommt, drückt er nach den ersten Tönen von „Beat it“ sofort auf Forward in seiner Playlist.

Delirious New York
8,6
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Kommentare 1
  1. Jochen Schmidt
    Jochen Schmidt · Erstellt vor 6 Monaten ·

    Hättste mich auch fragen können, deutsche Ausgabe liegt vor. Aber wir reden ja nie über Bücher. Super das Foto mit den Architektenfrauen, die als Hochhäuser ihrer Männer verkleidet sind. Oder das Schlußbild mit den im nach Europa (?) schwimmenden Schwimmbecken schwimmenden Schwimmern. Tolles Material, aber mir fiel es schwer, mich durch die unerträglich verschwurbelte Wichtigtuer-Sprache zu kämpfen. Vielleicht ist auch die Übersetzung schuld.

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