Kanäle
Jetzt personalisiertes
Audiomagazin abonnieren
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Flucht und Einwanderung

„Manche bevölkern den Globus, andere sind an einen Ort gekettet“

Achim Engelberg
Dr. phil.
Zum piqer-Profil
Achim EngelbergMittwoch, 18.08.2021

Das Zitat stammt von dem großen Zygmunt Bauman (1925–2017), den man in diesem älteren Stück im Original lesen kann. Es ist auch der letzte Satz eines guten Beitrages des in Berlin lehrenden Soziologen Steffen Mau.

Er beschäftigt sich mit Grenzanlagen und wann sie verschwinden. Freilich, die vor 60 Jahren erbaute Berliner Mauer sollte verhindern, dass DDR-Bürger in den Westen gingen; andere solcher Grenzen soll(t)en eine Einreise für Fremde abwehren.

Beide unterschiedlichen Grenzen sind bei näherer Betrachtung doch nicht so verschieden. Nicht allein die Berliner Mauer verschwand, sondern auch anders geartete Anlagen:

Nach der historischen Zäsur von 1989 ff. waren weltweit nur noch knapp ein Dutzend fortifizierte Grenzen – also dauerhaft errichtete, in der Regel armierte, von Soldaten gesicherte und aus Beton gegossene Bauwerke – übriggeblieben, was so manchen glauben ließ, das Zeitalter der Abschottung durch Mauerbauten sei endgültig vorbei.

Bereits am Anfang des 21. Jahrhundert stieg deren Zahl wieder stark an. Oft haben aber auch die Mauern, die angeblich Fremde abwehren sollen, eine starke innenpolitische Komponente:

Es spricht Bände, dass die großformatigen Plakate unweit der Grenze, die den Geflüchteten nahelegen, wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren, auf Ungarisch verfasst wurden, nicht auf Arabisch, Kurdisch oder Dari. Vor allem Orbáns Wählerinnen und Wähler sollten sie lesen können.

In der Nähe der neuen Mauern, die Steffen Mau wie in seinem aktuellen Buch Sortiermaschinen nennt, entstehen Flüchtlingslager. Nach Schätzungen leben in solchen weltweit mehr als 10 Millionen Menschen:

burmesische Flüchtlinge in Thailand und Bangladesch, Menschen aus Venezuela in Kolumbien, Syrer in der Türkei, Somalis in Kenia, Afrikaner in Ceuta. Die politische und humanitäre Katastrophe des Flüchtlingscamps Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat einer lange wegschauenden europäischen Öffentlichkeit vor Augen geführt, was an den Rändern der EU zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen geworden ist: das verzweifelte und kräftezehrende Ausharren „in limbo“, der Kampf ums Ankommen und Überleben.

Neben diesen alten-neuen Mauern entstehen immer mehr High-Tech-Grenzen:

In nicht allzu ferner Zukunft werden wir den papiernen Pass nicht mehr brauchen, unser Gesicht wird, sofern positiv klassifiziert, die Grenzschleusen öffnen. Zugleich wird die Grenzkontrolle in Herkunfts- und Transiträume verlagert, so dass es unerwünschten Reisenden immer schwerer fällt, überhaupt aufzubrechen. Die Grenze verlässt den territorialen Saum und wandert auf die mobilen Personen zu, ist also eine ortsveränderliche Grenze.

Das harte Fazit:

Die Grenze als Sortiermaschine sorgt dafür, dass Mobilität und Immobilität zugleich entstehen. Wie hat der Soziologe Zygmunt Bauman einmal treffend mit Blick auf die Globalisierung formuliert: „Some inhabit the globe, others are chained to place.“ – „Manche bevölkern den Globus, andere sind an einen Ort gekettet.“

Aber wie die Berliner Mauer irgendwann mal geöffnet werden musste, wird das gegenwärtige System auch untergehen.

So wie es ist, bleibt es nicht.

Das wusste schon der Flüchtling und Dichter Bertolt Brecht.

„Manche bevölkern den Globus, andere sind an einen Ort gekettet“

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Kommentare 4
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 26 Tagen

    was vermutlich auch zt erklärt wieso auch die oft genannten Globalisierungsgegner (etwa die 'Abgehängten', die angeblich alle AFD wählen etc.) ja im Grunde die globalisierte Welt gern nutzen, zb was Konsum betrifft. Die eben klaro gern global verreisen - und hier ist dann der Knackpunkt:
    die Abgehängten im Westen können an sich nahezu überall hin (sind nicht angekettet), sie können es sich nur oft nicht leisten.
    Ihnen wird vermittelt dass alle es können - wenn sie denn den richtigen Job gewählt hätten, die richtige Ausbildung die sie begehrt macht weltweit, nicht so dumm wären um genug Geld dafür zu haben; und so werden alle anderen weltweit zum Konkurrenten zum Profiteur.

    Dass sie selbst / "wir" grundsätzlich Teil dieser privilegierten Welt sind - wird übersehen.
    und nur der Pass zeigt es dann mal...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 25 Tagen

      Ja, das stimmt.

      Durch mein Aufwachsen in der DDR machte ich beide Erfahrungen: die der geschlossenen und die der offenen Grenzen.

  2. Silvio Andrae
    Silvio Andrae · vor 30 Tagen · bearbeitet vor 29 Tagen

    Vielen Dank für den piq! Ich möchte die "Sortiermaschine" gern in Beziehung setzen zur "Externalisierungsgesellschaft" - ein Begriff, den Stephan Lessenich in seinem Buch "Neben uns die Sinnflut" (2016) verwendet. Danach wären die Mauern als Sortiermaschinen das Ergebnis der Externalisierungsgesellschaft des globalen Nordens. "Wir leben gut, weil wir von anderen leben - von dem, was andere leisten und erleiden, tun und erdulden, tragen und ertragen müssen." (S. 25)

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 30 Tagen

      Danke für den Hinweis.

      Wahrscheinlich ist es kein Zufall, denn Steffen Mau und Stephan Lessenich sind Kollegen in der Humboldt-Universität.

Bleib immer informiert! Hier gibt's den Kanal Flucht und Einwanderung als Newsletter.

Abonnieren

Deine Hörempfehlungen
direkt aufs Handy!

Einfach die Hörempfehlungen unserer KuratorInnen als Feed in deinem Podcatcher abonnieren. Fertig ist das Ohrenglück!

Öffne deinen Podcast Feed in AntennaPod:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Downcast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Instacast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Podgrasp:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Bitte kopiere die URL und füge sie in deine
Podcast- oder RSS-APP ein.

Wenn du fertig bist,
kannst du das Fenster schließen.

Link wurde in die Zwischenablage kopiert.

Öffne deinen Podcast Feed in gpodder.net:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Pocket Casts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.