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Technologie und Gesellschaft

NFTs und die Kommerzialisierung von Vertrauen

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
Zum piqer-Profil
Christian HubertsMontag, 24.01.2022

Man macht sich ja – nicht ganz zu Unrecht – schnell angreifbar, wenn man neue Technologien ablehnt. Zu viele historische Anekdoten zeugen von der im Nachhinein peinlichen Kurzsichtigkeit der Gegner des Fortschritts. Automobil? Wir haben doch Pferdekutschen! Internet? Flüchtiger Trend! Usw. Auf der anderen Seite ist es mit diesen Anekdoten allzu leicht, dem Survivorship Bias zu verfallen. Denn selbstverständlich gibt es unzählige Fälle des gescheiterten Fortschritts. Ideen, die einfach nicht funktioniert haben, schnell aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden sind und deswegen beim Nachdenken über die Erfolgschancen neuer Technologien oft nicht berücksichtigt werden. Ein Diskursfeld, auf dem sich dieser Aushandlungsprozess aktuell besonders intensiv abspielt, betrifft so genannte Blockchains, darüber verwaltete Cryptowährungen und Non-Fungible Tokens (kurz: NFTs) sowie die Utopie eines dezentralen Web3.

Dass der vorangegangene Satz viele Menschen mit großen Fragezeichen hinterlässt, ist bereits ein großer Teil des Problems, die Auswirkungen des umfassenden Einsatzes dieser Technologie auf gesellschaftlicher Ebene zu diskutieren. Es wimmelt in der Blockchain-Bubble nur so von Buzzwords, Slang und – pun intended – kryptischen Umschreibungen. Auf den ersten Blick können so viele der vorgeschlagenen Einsatzfelder recht interessant und harmlos klingen. Dezentrale Finanzgeschäfte ohne »Bankster« in der Mitte? Count me in! Herstellung von Konsens in großen Gruppen mit »smarten« Verträgen, ohne auf Wohlwollen »vertrauen« zu müssen? Klingt smart. Aber selbst wenn das alles in der Theorie funktionieren könnte, die gelebte Praxis und die Realität der zur Verfügung stehenden Ressourcen zeichnen ein anderes Bild. Ein Bild, das der YouTuber Dan Olson auf seinem Kanal Folding Ideas in einem mehr als zweistündigen Video-Essay auseinanderpflückt. Man muss für diesen piq also ein bisschen Zeit mitbringen, aber es lohnt sich!

Olson verfolgt die Anfänge der Blockchain-Technologie zurück zur Finanzkrise im Jahr 2008. Als Antwort auf einen räuberischen Finanzmarkt und versagende staatliche Institutionen sollten robuste und gleichberechtigte Systeme entstehen, die ohne Vertrauen auf zentrale Instanzen auskommen, sondern sich selbst verwalten und kontrollieren können. Die entstandenen Lösungen laufen – sehr verkürzt – darauf hinaus, Daten dezentral zu speichern und zu verifizieren. Wie Olson darlegt, erzeugt diese dezentrale Speicherung auf einer Blockchain immense Redundanz (Signal-Gründer Moxie Marlinspike zweifelt an, dass sich überhaupt ausreichend Menschen einen eigenen Server zulegen wollen) und die Verfahren zur Verifikation der breit gestreuten Daten erzeugen mit den derzeitigen Methoden neben einer erheblichen Umweltbelastung vor allem erneut ein Ungleichgewicht unter den Teilnehmenden. Wer schon früh dabei war, am meisten »Arbeit« oder »Wetteinsatz« vorweisen kann, bestimmt potenziell die Realität der Blockchain oder kann sie zumindest erheblich stören – ein Umstand, der nach den Erfahrungen von 2008 ja eigentlich beseitigt werden sollte.

Noch sichtbarer wird die strukturelle Schieflage der Technologie, wenn es um so genannte NFTs geht. Ebenfalls nur angerissen: Statt Transfers von unveränderlichen »Währungen«, werden hier veränderliche Daten – etwa Links oder simple Programme – auf einer Blockchain abgelegt. Das erweitert ihr Einsatzspektrum immens, läuft aktuell aber vor allem auf den großflächigen sowie von Betrügereien, anti-demokratischen Ressentiments und – no pun intended – Kryptofaschismus durchsetzten Versuch hinaus, unendlich kopierbare digitale Inhalte künstlich zu verknappen und so zum Gegenstand spekulativer Geschäfte zu machen. Manchmal wird auch noch eine Südseeinsel oben draufgelegt. Würde es bei diesen Schenkkreisen für IT-Dudes bleiben, wäre das ja alles noch halbwegs amüsant, aber manche Projekte wollen ja nicht nur randomisierte Bilder von Affen höchstbietend verkaufen, sondern am liebsten »Tokens« auf der Blockchain zur Alternative für demokratisch verbürgte Rechte machen, sensible Krankendaten ablegen oder »Menschlichkeit« verifizieren. Auch in den aktuellen Koalitionsvertrag hat es die Blockchain geschafft. Kurz: Auch zwei Stunden Video-Essay reichen für dieses Thema nicht aus. Daher ebenfalls noch ein Hinweis auf einen sehr lesenswerten Text des Tech-Bloggers tante zum Web3, dem ich auch das vorläufige Fazit überlasse:

Nobody is an island but the Web3 crowd wants to further individualize us, turn everything about our digital and ideally analog selves into objects for speculation with semi-automated trading of assets replacing politics. The full financialization and depoliticization of life with no regard for the ecological consequences.This is not a utopian vision.
This is a declaration of war against a lot of the political and social progress of the last decades.
NFTs und die Kommerzialisierung von Vertrauen

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