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Technologie und Gesellschaft

Frederik Fischer
Sub-, Pop- und Netzkulturkorrespondent
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piqer: Frederik Fischer
Montag, 28.03.2016

Morozov: Google und Facebook sind schuld an Terrorismus und Verelendung.

Evgeny Morozov ist ein Politikwissenschaftler, dessen Geschäftsmodell darin besteht, die vernetzte Welt als Dystopie zu beschreiben. Er ist ein Freund steiler Thesen und sehr schiefer Vergleiche. Man muss ihm aber zugestehen, dass er mit seinen Überspitzungen hochrelevante und notwendige Debatten auslöst. 

Auch sein neues Stück im Guardian ist trotz argumentativer Hexenschüsse die sieben Leseminuten wert. 

Die These: 

Westliche Demokratien sinken immer tiefer in eine Legitimitätsskrise und treten weiter Gestaltungsspielraum an Technologieunternehmen ab. Warum sie das tun? Um Zeit zu gewinnen. Nach Morozov (und vielen anderen Kapitalismuskritikern) ist das westliche Wirtschaftsmodell eigentlich schon lange tot. Neoliberale Taschenspielertricks gauckeln den Wählern lediglich vor, dass ein besseres Morgen noch möglich ist. Faktisch sinke jedoch der Lebensstandard durch den Machtverlust der Gewerkschaften einerseits und den massiven Konsumschulden andererseits. Der neueste Trick ist nun die sogenannte Gig-Economy. Die Selbstausbeutung der eigenen vier Wände und Räder durch Firmen wie AirBnB und Uber sei für viele Menschen der einzige Weg, um Schulden zu bezahlen und überhaupt noch Arbeit zu finden in einer zunehmend automatisierten Welt. Für Morozov ist das nur der Anfang vom Ende. Im letzten Akt der kapitalistischen Tragödie, der nun gerade beginnen soll, werden wir erleben, wie Technologiefirmen unter dem Schutz von Rauchbomben-Begriffen wie "Big Data" und "Smart Cities" immer mehr (teil-)öffentliche Aufgabenbereiche (z.B. Verkehr, Stromversorgung) übernehmen. Nachrichtendienste und Außenpolitik sind nach Morozov ohnehin längst abhängig von Apple, Google und Facebook. Diese Machtverschiebung führt zu effizienteren Prozessen, aber auch einer weiteren Verelendung großer Teile der (Welt-)Bevölkerung und damit zu erstarkendem Widerstand. Was dann nach dem prognostizierten Zusammenbruch der "kapitalistischen Demokratie" kommen soll, lässt Morozov natürlich im Dunkeln. 

Morozov: Google und Facebook sind schuld an Terrorismus und Verelendung.
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Kommentare 5
  1. Rico Grimm
    Rico Grimm · vor mehr als einem Jahr

    Ich muss ehrlich sagen, dass dieser Artikel die sieben Leseminuten nicht wert ist. Wer Morozov kennt, weiß, dass er seit Jahren die Tech-Unternehmen und ihre Philosophie (gekonnt) aufspießt. Er macht da sehr wertvolle Arbeit. Aber dieser Text nimmt den Mund sehr voll, um dann keine überzeugende Argumentation (wenn man genau hinschaut: gar keine Argumentation) zu liefern.

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor mehr als einem Jahr

      Richtig, die Argumente sind äußert dürftig (darauf wies ich auch hin). Der Wert von solchen Texten (s. auch Huntington-piq) sehe ich weniger in einer schlüssigen Argumentation, sondern in der narrativen Zuspitzung. Zumindest bei mir bewirken diese Texte, dass ich innerlich widerspreche und nach Gegenargumenten suche. So entsteht eine Art innerer Dialog, der mich aktiviert und an dessen Ende immer etwas hängen bleibt. Zu vorsichtige und abwägende Texte schaffen das leider nicht. Aber wir sind uns völlig einig, dass ein wirklich guter Kommentar natürlich beides leisten muss: Eine originelle These formulieren und diese nachvollziehbar belegen. Der Morozov-Text ist für mich insofern kein guter, aber ein dennoch lohnender Text.

    2. Hakan Tanriverdi
      Hakan Tanriverdi · vor mehr als einem Jahr

      @Frederik Fischer Morozov und seine Texte leiden leider daran, dass er sich nicht äußern kann, ohne über alle Maßen hinweg zuzuspitzen. Finde ich persönlich sehr schade. Gute Tech-Kritik lese ich mittlerweile nicht mehr bei diesem Menschen. Wer weiß, kann sich aber wieder ändern.

  2. Georg Wallwitz
    Georg Wallwitz · vor mehr als einem Jahr

    Das meiste dieser Kritik findet sich schon bei Marx. Und doch haben sowohl Demokratie als auch Kapitalismus überlebt.
    Trotzdem guter Artikel.

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor mehr als einem Jahr

      Völlig richtig. Morozov, der in Weißrussland geboren und groß geworden ist, gibt selbst an, von Marx geprägt worden zu sein. "The programme I ended up on focused on three thinkers: Freud, Marx and Foucault, in succession."
      newleftreview.org/II/91/evg...