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Technologie und Gesellschaft

Haidt antwortet seinen Kritikern: Ja, soziale Medien sind schädlich

René Walter
Grafik-Designer, Blogger, Memetiker | goodinternet.space

Irgendwas mit Medien seit 1996, Typograph, Grafiker, Blogger. Ask me anything.

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René WalterFreitag, 29.07.2022

Jonathan Haidt, dessen Arbeit ich unter anderem hier auf Piqd seit längerer Zeit beobachte (etwa hier, hier und hier), hatte vor einigen Monaten in einem langen Artikel dargelegt, warum die Sharing Mechanismen der sozialen Medien seines Erachtens nach weltweit Vertrauen in Institutionen erodieren lassen, unsere tribalistischen Impulse befeuern und damit die Grundprinzipien unserer Demokratie angreifen. Hier mein piq zu diesem Artikel, der von der Piqd-Redaktion auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Nun legt Haidt nach und antwortet in einem neuen Text ausführlich auf die (in meinen Augen nur oberflächlich argumentierenden) Kritiker seiner Argumentation, vor allem auf die Gegendarstellungen von Pratiti Raychoudhury, Vizepräsidentin und Head of Research von Meta/Facebook. Raychoudhry und Meta ziehen sich auf den Standpunkt zurück, dass die Ergebnisse der Forschung zur Auswirkung von sozialen Medien auf den demokratischen Diskurs umstritten sei und man zu diesem Zeitpunkt nicht sicher sagen könne, wie toxisch die Wirkung sozialer Medien im Diskurs tatsächlich ausfällt.

Raychoudhry erwähnt an dieser Stelle nicht, dass das Unternehmen der Wissenschaft oft nur unzureichende Daten zur Verfügung stellt und der Forschung den Zugang zu Datensätzen entzieht, was eine wirklich detaillierte und zeitnahe Forschung zu einem Thema wie Viralität praktisch verunmöglicht. Forderungen nach Datentransparenz kommt das Unternehmen nur schleppend nach und erst die Veröffentlichungen der Facebook Papers durch die Whistleblowerin Francis Hagen konnte ein genaueres Licht auf die Konsequenzen der Praktiken des Unternehmens werfen. Über Datentransparenz für Wissenschaftler verliert Metas Vize in ihrer Antwort auf die berechtigten Sorgen eines der bekanntesten Sozialpsychologen der Welt kein Wort. 

Ich verfolge die Auswirkungen sozialer Medien auf die menschliche Psyche seit circa 2012, als ich beobachtete, wie der damals aufkommende Clickbait-Journalismus es sozialen Medien ermöglichte, die Psychologie des Menschen in nie gekanntem Ausmaß auszubeuten und mit einfachen Tricks die Wahrnehmung der Menschen zu manipulieren. Ich gebe Jonathain Haidt nicht nur Recht, ich befürchte sogar, dass die Situation weitaus dramatischer ist, als es der Psychologe in seinen Artikeln darstellt.

Während die Apologeten der digitalen sozialen Medien nicht müde werden zu betonen, dass Studien die Existenz von Filterbubbles verneinen würden und Echo Chambers durchlässig seien, zeigt sich im Gesamtbild, dass genau diese Faktoren die Viralität von Aggression und Tribalismus steigert. Ja, soziale Medien sorgen dafür, dass wir mehr Inhalte des politischen Gegners sehen, aber wir benutzen diese Inhalte nicht etwa dafür, um unsere Haltung zu überdenken und differenzierte Schlüsse zu ziehen, sondern wir benutzen die Inhalte der anderen Seite dazu, um sie zu diffamieren, uns über die Idiotie der Anderen lustig zu machen und damit Karma Points in Form von Likes und Shares zu sammeln. Dieses Spiel aus politischem Gossip wird vor allem von politischen Akteuren in industriellem Umfang betrieben, die öffentliche Meinung wird zum Spielball digital manipulierbarer Kräfte.

Und als wäre dies noch nicht schlimm genug: Virale Häme, Aggression und Spott in sozialen Medien sorgen dafür, dass wir uns dabei wohl fühlen. Als weiteres Puzzle-Piece verlinke ich an dieser Stelle noch eine Studie, die belegt, dass die sogenannten Dark Triad Traits der menschlichen Psyche mit autoritären politischen Haltungen auf beiden Seiten korreliert.

Um ein wirkliches Bild der Situation bekommen, sollte man sich an dieser Stelle zusätzlich ins Gedächtnis rufen, dass eine der gängigsten digitalen Kulturtechniken sozialer Medien bislang nicht oder nur unzureichend Einzug in die wissenschaftlichen Untersuchungen von Viralität findet: Wir teilen die Inhalte der anderen oft als Screenshot in Form einer Bilddatei, die nicht durch textuelle Analyse erfasst wird.

Dies sind nur eine Handvoll von Details, die bereits ein haarsträubendes Bild von der Auswirkung sozialer Medien auf die dunkleren Seiten der menschlichen Psyche werfen, weiterhin wären die mutmaßlichen Effekte von Viralität auf sozial wirksame Ausschüttungen des Hormons Oxytocin zu nennen und die damit verbundene wirtschaftliche Ausbeutung menschlicher Empörungs- und Erregungspotenziale oder etwa die Gamifizierung des politischen Diskurses, dessen neue Spiel-Mechaniken nun auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Realität zeigt, oder die dramatischen psychologischen Folgen der Content-Moderation auf Angestellte, deren Arbeit darüber hinaus massiv unterbewertet ist, oder die verzerrte Körperwahrnehmung durch soziale Vergleichsmöglichkeiten auf Instagram und die damit einhergehende digitale Dysmorphie, oder die emotionale Ansteckung mit nicht-funktionalen Ticks. Von den bekanntesten Phänomenen wie dem allseits beliebten und vor allem in der sogenannten "Netzcommunity" schöngeredeten "Trolling", also der vernetzter Schwarm-Psychopathie oder stochastischen Terrorismus durch virale Paranoia habe ich hier noch gar nicht angefangen.

Ich bin daher in persönlichen Betrachtungen dazu übergegangen, soziale Medien mit psychoaktiven Drogen zu vergleichen, die unsere Psychologie aufgrund vernetzter Sozialität mit Hormonausschüttungen manipuliert, genau wie etwa XTC Serotonin und Dopamin ausschüttet. Der Vergleich mag extrem wirken, aber in meinen Augen erfordern die mannigfaltigen und stellenweise extremen Effekte sozialer Medien ein passendes Bild. Psychoaktive Drogen als Metapher für hypersoziale Medien erscheinen mir dafür mehr als geeignet.

Wie schädlich sind soziale Medien also wirklich? In meinen Augen: Sehr.

Haidt antwortet seinen Kritikern: Ja, soziale Medien sind schädlich

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Kommentare 8
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 18 Tagen

    Sind es nicht eher die schlecht funktionierenden Institutionen selbst, die unser Vertrauen in sie erodieren lassen? Und ist Protest dagegen nicht die Grundlage der Demokratie? Es mag ja die Politiker und sonstige verantwortliche Akteure beruhigen, dass nicht sie Schuld sind und sonst alles halbwegs in Ordnung ist. Wenn es denn nicht diese bösen Plattformen gäbe.

    1. René Walter
      René Walter · vor 18 Tagen

      Das ist ja das Dilemma. Selbstverständlich müssen dysfunktionale institutionelle Probleme protestiert werden, gleichzeitig sorgt die Demokratisierung der Massenkommunikation für eine memetische Verstärkung der Empörung, die sich in Extrema steigert und surreale Auswüchse hervorbringt, die wiederum von Massenmedien für Clicks aufgegriffen werden. Hat übrigens Martin Gurri in "The revolt of the public" 2014 so festgestellt (https://press.stripe.c...).

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 17 Tagen · bearbeitet vor 17 Tagen

      @René Walter Nur das diese memetische Verstärkung von Empörung historisch nichts neues ist. Ich finde diese Betrachtung der Wirkung von sozialen Medien teilweise unhistorisch verengt und ziemlich einseitig. Und in den Medien oft memetisch verstärkt 😏

    3. René Walter
      René Walter · vor 17 Tagen

      @Thomas Wahl Die Demokratisierung der Massenmedien ist allerdings historisch (sehr) neu und die memetischen Empörungskaskaden wären ohne diese Demokratisierung in dieser Form gar nicht möglich. Es mag sein, dass diese Form der Kritik die zweifelsohne existierenden Vorteile für die Gesellschaft ausblendet, wie etwa die Sichtbarmachung von Stimmen, die vorher keine oder nur selten Raum einnehmen konnten, und daher ein wenig einseitig ist, deshalb müsste etwa eine Buch über das Thema diese andere Seite derselben Mediendemokratisierungsgeschichte natürlich mit behandeln, aber dafür fehlt hier in einem kurzen Posting schlichtweg der Platz. Das ist das eine.

      Das andere ist, dass mein persönlicher Hintergrund (Blogger seit 2005, habe die ganze Entwicklung der sozialen Netze inklusive der Netzbewegung recht nah mitverfolgt) dafür sorgt, dass ich dem ehemaligen Techno-Utopismus eher abgeneigt bin und den Tunnelblick meiner Kollegen, die sich seit 15 Jahren ununterbrochen beinahe ausschließlich mit Überwachungsphänomenen und Tracking beschäftigen, angesichts der massiven psychologischen Auswirkungen von vernetzten Sozialen Medien, sehr befremdlich finde. Mir geht die Standard-Kritik an Sozialen Medien schlichtweg nicht weit genug, ich halte sie tatsächlich für psychoaktiv und denke, man sollte das so benennen. Eine solche konkrete Kritik wird nur selten so explizit formuliert, ganz sicher nicht von der Netzbewegung und auch nicht vom vorsichtig abwägenden Journalismus.

      Ich mag angesichts der Situation kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, auch wenn ich die Vorteile der Sozialen Medien dabei unter den Tisch fallen lasse. ;)

    4. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 17 Tagen

      @René Walter um das mal zu sagen: ich feier das, wie du deine Kritik formulierst und bin sehr deiner Meinung.

    5. René Walter
      René Walter · vor 17 Tagen

      @Marcus von Jordan Dankeschön! ;)

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 17 Tagen · bearbeitet vor 17 Tagen

      @René Walter Da kommen wir uns schon näher. Ich denke nur, alle Medien sind psychoaktiv (gewesen). Das ist eine wesentliche Eigenschaft derselben. Man müßte das mal historisch vergleichen. Auch der Buchdruck war seinerzeit sicher ein massiver Demokratisierungsschub. Radio, Fernsehen und Zeitung - alle wurden demokratisch genutzt und autoritär mißbraucht. Mit allen Medien wurden Erregungswellen erzeugt, Wissen verbreitet und Desinformationen sowie Verschwörungstheorien. Sie wurden immer genutzt um Bewegungen zu formieren, Psychen zu manipulieren und in die Spur zu bringen. Auch diese Selbstorganisation von Bewegungen hat es gegeben. Vielleicht nicht so dynamisch schnell, nicht gleich im globalen Maßstab. Das mag sein. Wir werden das wirklich Neue der Gegenwart nicht verstehen ohne die Unterschiede und die Parallelen zur Vergangenheit zu kennen.

    7. René Walter
      René Walter · vor 17 Tagen

      @Thomas Wahl Ja, alle revolutionären neuen Medien(technologien) wie der Roman, oder Schrift, oder Druck, gingen einher mit neuen Erfahrungsmöglichkeiten für unsere sozial denkende Spezies. Und eben um die Unterschiede zur Vergangenheit geht es mir, das Internet verändert unsere Art und Weise, zu denken und ich fürchte, zumindest während einer Übergangszeit, die halt so und so lange dauern wird, nicht zum Besseren.

      So fürchte (nicht nur) ich beispielsweise, dass Phänomene wie das endless scrolling, so harmlos es scheinen mag, gepaart mit dem ungruppierten, zufälligen Nebeneinander von News, Stories, Bildchen, Videos im Feed, zu einer Veränderung in der medialen Gliederung der Zeit verursacht: Es gibt schlichtweg keinen Anfang mehr, kein Ende, und alles verliert seine narrativen Form in einem medialen Noise. Ich vermute, das hier eine der Ursachen für unsere Flucht in einen jetzt bereits 20 Jahre lang andauernden Retrowahn zu suchen ist.

      Das ist nur ein winziges Detail aus einer Myriarde neuartiger Medienmechanismen und wie sie sich auf die Psychologie des Menschen auswirkt. Und eben genau die dynamische Schnelligkeit im globalen Maßstab ist es, die all diesen neuartigen sozialkognitiven Werkzeugen einen enormen, zusätzlichen Drall verpassen.

      Ich gebe Dir Recht, dass viele der Antworten in der historischen Perspektive liegen, und möglicherweise viele der Sorgen übertrieben sein mögen, weil Menschen grundsätzlich sehr anpassungsfähige Wesen sind. Aber ich kann auch prima damit leben, hier ein Kulturpessimist zu sein, denn Techno-Utopisten gibt es bereits genug ;)

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