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Technologie und Gesellschaft

Michael Seemann
Kulturwissenschaftler, Autor, Internettheoretiker
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piqer: Michael Seemann
Mittwoch, 02.01.2019

Das Ende der Digitalisierung

Zum Jahresanfang ist bei Edge ein Text erschienen, der sowohl mit der Steilheit seiner These, als auch mit der Rätselhaftigkeit seiner Beschreibungen das Zeug hat, eine neue Epoche einzuläuten. Nämlich das Ende der Digitalisierung, bzw. die Rückkehr zu analogen Kontrollmechanismen. Allerdings läuft das anders als man denkt. 

Der Wissenschaftshistoriker George Dyson nimmt die ganz hohe Vogelperspektive ein und malt mit breitem Strich die digitale Revolution nach. Nachdem die ersten Computer zunächst mit analogen Bestandteilen wie Vakuum-Röhren gebaut wurden, bevor sie richtig digital wurden, hat sich heute die Digitalität zu Tode gesiegt. Doch die digitale Infrastruktur aus Milliarden Computern, die in einem unübersehbaren Netzwerk selbsttätig Code tauschen, übt jetzt schon keine Kontrolle mehr aus, sondern wird ihrerseits längst gesteuert. Von der Welt. Das Modell der Welt hat die Welt zu sich eingeladen und nun sind Modell und Welt eins.

The search engine is no longer a model of human knowledge, it is human knowledge. What began as a mapping of human meaning now defines human meaning, and has begun to control, rather than simply catalog or index, human thought. No one is at the controls. If enough drivers subscribe to a real-time map, traffic is controlled, with no central model except the traffic itself. The successful social network is no longer a model of the social graph, it is the social graph.

Das führt zu dem Paradox, dass nicht mehr das Digitale die Steuerungsfunktion für die Welt übernimmt, sondern die Welt sich über digitale Infrastruktur selbst steuert. Das Analoge steuert das Digitale, das das Analoge steuert.

Prost Neujahr!

Das Ende der Digitalisierung
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Kommentare 4
  1. Caspar C. Mierau
    Caspar C. Mierau · Erstellt vor 3 Monaten ·

    Schön, wie er passend zum Thema den Beitrag mit digitalisierten analogen Unterschrift beendet.

  2. Fritz Iversen
    Fritz Iversen · Erstellt vor 3 Monaten · Bearbeitet vor 3 Monaten

    Sicherlich interessante Gedanken. Aber: Stimmt das denn? Bin mir nicht sicher. Zum Beispiel: "The search engine is no longer a model of human knowledge, it is human knowledge." Abgesehen von den Bereichen des sogenannten "Tacit Knowledege", des Erfahrungswissens und des Paid Contents (gerade heute morgen gesehen: Quartalsanalyse zum Uran-Markt kostet 5.000 $ ;) ), hat sich das menschliche Denken, Wissen und Unwissen seit Erfindung der Schrift immer weiter aufgetrennt in das nicht einmal 1%, das wir im eigenen Kopf haben, und die 99,9%, das wir uns von woanders herholen. Die Bibliotheken waren dafür die Inbilder (sind es interessanterweise weiterhin), und ihre digitale Öffnung für alle ist weiterhin hart umstritten. Suchmaschinen sind daher weiterhin nur Tools, welche die Nutzer klug oder eingeschränkt gebrauchen, d.h. in vieler Hinsicht akteursabhängig. Wer mehr weiß, zieht aus Suchmaschinen mehr Nutzen, ganz abgesehen von dem deutlich gestiegenen Bedarf an eigenem Beurteilungsvermögen, das nötig ist, um sich im Wust des unkontrollierten Gesamtspeichers des menschlichen Geistes einschließlich aller Formen von manipulierten Texten, Gläubigkeiten, Verkürzungen etc. zurechtzufinden. Es ist ja nicht alles Wikipedia-geprüft, was man im Netz liest.
    Noch wackeliger ist die These "the successful social network is no longer a model of the social graph, it is the social graph." Das stimmt einfach nicht, es sei denn in dem Sinne, dass allein Telefon und E-Mail weiterhin die einzigen "erfolgreichen" Netzwerke sind (was auch eine interessante These wäre).
    Einwände hin oder her, danke für das Fundstück, denn der Artikel ist in meinen Augen tatsächlich bemerkenswert, und zwar dafür, dass er die Widersprüchlichkeit aufschließt bzw. sichtbar macht, die in interaktiven Multi-Akteurssystemen logischerweise waltet. Ansonsten liest man ja viel zu viel beinahe komische Linearisierungen und Ent-Dialektisierungen (selbst bei Harari), wenn über das Schicksal des Humanen und der menschlichen Eigensteuerung diskutiert wird.

    1. Michael Seemann
      Michael Seemann · Erstellt vor 3 Monaten · Bearbeitet vor 3 Monaten

      Gute Einwände. Ich bin auch nicht sicher, wie weit ich bei der These mitgehen würde. Aber es ist halt ein interessanter Perspektivwechsel. Ich frage mich auch, wie vollständig die digitale Erfassung der Welt (Social Graph, Wissen, Verkehr, etc.) sein muss, bis die im Artikel slizzierten Effekte eintreten. Ich würde sagen, dass wir damit schon leben. Beispiel Facebook. Zuckerberg steht jetzt überall am Pranger, als hätte er das ganze Schlamassel eigenhändig verursacht. Dabei hat sich eher der Akteuer Welt (im sinne von vielen unverbundenen Akteuren und Interessensgruppen) Facebook bemächtigt und es quasi fremdgesteuert. In meinem Buch von 2014 schrieb ich über die Möglichkeit von Massenmanipulation per Facebookfeed und leitete damit eine große Macht der Facebook betreiber ab. Dass es am Ende Russische Agenten und Rechte Datenanlysenfirmen würden, die diese Mechnismen - quasi von außen - nutzen, das hatte ich auch nicht auf dem Schirm. Ich denke, wir haben es heute schon bei der ganzen Digitalisierung mit einem Zauberlehrlings-Plot zu tun.

    2. Fritz Iversen
      Fritz Iversen · Erstellt vor 3 Monaten ·

      @Michael Seemann Ach ja, Facebook ist ein schönes Beispiel, dass sich Algos von den Nutzern auch gegen ihre eincodierten Absichten wenden lassen. Man nennt es "Missbrauch". Richtig wasserdicht werden die Systeme erst durch die AGB ;). Da wogt eben viel Dialektik, viel Ziehen, Zerren, Beeinflussen durch unterschiedlichste Akteure. Wenn es Facebook nicht gelingt, das Produkt so geradezuziehen, dass die Welt damit leben kann, wird FB wieder untergehen (ob die Menschen, die Politik oder Konkurrenten dafür sorgen).
      Hier eine gepickte Ergänzung zur Rückwirkung der Wohnraum- und Lebensdigitalisierung auf das Leben selbst: "The Coming Commodification of Life at Home" (https://www.theatlanti...).