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Technologie und Gesellschaft

Krieg und Terror

Terror durch den IS und Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte durch Neonazis. Terrororganisationen und Staaten, die das Internet für ihre Zwecke nutzen. Krieg und Terror national, international und im Netz.

Weitere Informationen zum Thema Krieg und Terror

In der heutigen Zeit ist die Grenze zwischen Krieg und Terror fließender denn je und nicht selten ist die Beurteilung, ob etwas Krieg oder Terrorismus ist, einzig davon abhängig, auf welcher Seite eines Konflikts man steht. Die meisten von uns verbinden Terrorismus mit Anschlägen extremistischer Organisationen, die mit Gewalt eine Gesellschaft erzwingen wollen, die sich ihrer politischen oder religiösen Ideologie unterwirft. Man wäre geneigt zu sagen, dass die Gewalt, die vom Staat ausgeht, Krieg ist und Terror die, die von Gegnern des Staates ausgeübt wird und aus dem Untergrund kommt.

Die ursprüngliche Definition von Terror (lat.: „Schrecken“) sieht aber gerade das nicht vor und bezeichnet mit Terror eine vom Staat ausgehende Schreckensherrschaft gegen das eigene Volk. Während Thomas Hobbes den „terror of legal punishment“ („Schrecken gesetzlicher Bestrafung“) noch als notwendiges Übel einstufte, sahen die Aufklärer in der absolutistischen Herrschaft der französischen Monarchie eine par la terreur („Herrschaft des Terrors/Schreckens“) und Voltaire (eigentlich:François-Marie Arouet; 1694-1778) sprach von einem „appareil de terreur“ („Terrorapparat“). Ironischerweise waren es aber ausgerechnet die französischen Revolutionäre unter der Führung Maximilien Marie Isidore de Robespierres (1758-1794) die den Terreur ganz offiziell als Mittel zur Bekämpfung der Konterrevolutionäre einsetzten – eine Periode, die noch heute als la Grande Terreur („Der Große Schrecken“) bekannt ist.

Einen weitaus zeitgemäßeren Versuch, Krieg und Terror voneinander zu unterscheiden, machte Sir Peter Ustinov (1921-2004): „Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen.“ Ähnlich argumentierte auch Dr. Eugen Drewermann: „Terror ist kein Gegner, sondern eine Methode der Kriegsführung im Status der Unterlegenheit.“ Sind Krieg und Terror also im Grunde gar nicht mehr voneinander zu trennen, weil die Kämpfe längst nicht mehr zwischen Nationen, sondern zwischen Ideologien und Gesellschaftsschichten, zwischen Arm und Reich ablaufen?

Diese Definition von Krieg und Terror funktioniert in der heutigen Zeit sowohl auf nationaler Ebene innerhalb einzelner Staaten als auch auf internationaler Ebene, um den Kampf zwischen westlichem und arabischen Kulturraum, der oft mit dem von der Administration des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush geprägten Schlagwort „Krieg gegen den Terror“ umschrieben wird, zu erfassen. Nach den Angriffen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde vielfach von einer Kriegserklärung gegen die USA gesprochen, obgleich der Aggressor kein Land, sondern eine Terrororganisation war. Gleichzeitig muss der Westen den Menschen in Afghanistan längst wie die eigentliche Terrorvereinigung vorkommen - „Wir jagen nicht die Terroristen. Wir sind selber Terroristen in Afghanistan!“ (Drewermann). Menschen, die sich aus Verzweiflung über das Elend, was die Erste Welt seit Jahrhunderten in der Dritten Welt verursacht, einem bewaffneten Kampf gegen USA und Europa anschließen, schlicht als Terroristen zu bezeichnen, könnte man demnach als eine bequeme Möglichkeit betrachten, sich nicht näher mit den Beweggründen dieser Menschen auseinandersetzen zu müssen. Dass die Drohnen, die über den Heimatländern dieser Menschen kreisen und nicht selten Bomben abwerfen, weit mehr unschuldige Zivilisten als Al-Qaida und Islamischer Staat zusammen auf dem Gewissen haben, verdrängen wir gerne, denn wir führen Krieg und die Terror. Beim einen sind Kollateralschäden eine unerfreuliche, aber unumgängliche Begleiterscheinung und beim anderen ja das eigentliche Ziel. Schließlich sagte Osama Bin Laden(1957-2011) selbst: „In den Kriegen von heute gibt es keine Moral mehr. [...] Wir haben nicht zu unterscheiden zwischen Militärs und Zivilisten. So weit es uns betrifft, sind sie alle Ziele.“ Also betrachtete auch der Al-Qaida-Führer seine Handlungen als Krieg und nicht als Terror. Es scheint also ganz so, als wäre die Unterscheidung zwischen Krieg und Terror längst eine rein rhetorische. Es sind zwei Begriffe, die längst Synonym für das planmäßige, massenhafte Töten von Menschen stehen und sich lediglich durch ihre Konnotationen unterscheiden. Der Terror innerhalb eines Landes, wie er etwa von der NSU ausging, läuft am Ende ebenfalls darauf hinaus. Die Täter aus den Reihen des Nationalsozialistischen Untergrundes taten nichts anderes, als die Mehrheit der IS- oder Al-Qaida-Anhänger: Sie suchten einen vermeintlichen Schuldigen für ihre missliche Lage und sahen es als ihre Pflicht gegen selbigen in den Krieg zu ziehen. Nun ist der Hass der Menschen in arabischen Ländern auf die Menschen in den Industrienationen nach all den Kriegen, mit denen wir sie überzogen haben, sogar noch nachvollziehbar, aber die aus dem daraus erwachsenden Fanatismus entstehende Gewalttaten treffen ebenso Unschuldige und verschlimmern die Situation wie die Gewalttaten Rechtsextremer, die ihren Hass auf Ausländer wiederum mit der Furcht vor dem islamistischen Terrorismus begründen. Dabei übersehen beide Seiten die eigentlichen Urheber, die sich selbst nie in Gefahr begeben und davon profitieren, dass verzweifelte Menschen sich gegenseitig umbringen.