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Wie ein Neonazi-Führer für Stasi und KGB arbeitete

Lars Hauch
Researcher. Schwerpunkte: Mittlerer Osten, insbesondere Syrien.
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Lars HauchDonnerstag, 07.07.2022

Rainer Sonntag war einer der mächtigsten Neonazis der 80er-Jahre — und laut Recherchen von Atavist außerdem Stasi-Spion mit Verbindungen zum russischen KGB, rekrutiert unter Wladimir Putin. Deshalb klickt sich die Story wahrscheinlich gerade besonders gut. Doch sie dreht sich um viel mehr als Putins diskutable Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Kampfes gegen Faschismus. Es geht um das absurde Spitzelsystem der DDR, die Genese der Neonaziszene und darum, wie Geheimdienste politische Bewegungen instrumentalisieren.

Die Recherche ist zwar absolut lesenswert, aber auch so lang, dass viele sie nicht lesen werden. Deshalb gibt’s hier die Essenz in 800 Wörtern.

Rainer Sonntag wurde in der DDR geboren und galt früh als Unruhestifter. Schlechte Noten, aufbrausendes Temperament, keine Disziplin. So beschrieben ihn zumindest seine Lehrer. Wegen Schlägereien hatte er mehrfach mit der Polizei zu tun, geriet dann wegen ideologischer ‚Fehltritte‘ in den Fokus der Behörden. Sonntag hatte während eines Fußballspiels ein Lied angestimmt, das die Sowjetunion verhöhnt.

1973 feierte er seinen 18. Geburtstag. Gemeinsam mit drei Freunden schmiedete Sonntag in einer Gaststätte einen Fluchtplan. Raus aus der DDR, ab in den Westen. Der Plan scheiterte. Sonntag und sein Kumpel wurden an der Grenze zur Tschechoslowakei eingesackt und zur Dresdner Stasi gebracht. Ein Freund der beiden hatte sie gemeldet. Sonntag wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gefängnis schien seinen Drang zur Rebellion allerdings bloß zu verstärken. Ständig geriet er in Schwierigkeiten.

Im Gefängnis kam Sonntag intensiv mit nationalsozialistischer Ideologie in Kontakt. Die Zellen waren voll mit Nazis, die dort leichtes Spiel hatten, Häftlinge zu indoktrinieren:

Some prisoners viewed Nazism as the purest form of opposition to communism, the ideology whose agents had put them behind bars. Indeed, embracing far-right beliefs was, ironically, a demonstration of anti-authoritarianism. 

Nach seiner Entlassung dauerte es nicht lang, bis Sonntag wieder mit den Behörden aneinander geriet. Die Stasi stellte ihn vor die Wahl: Entweder würde er als Informant arbeiten, oder wieder ins Gefängnis wandern. Sonntag willigte ein, plante aber heimlich akribisch einen neuen Fluchtversuch in Richtung Westen. Wieder scheiterte der Plan, weil die Mutter einer beteiligten jungen Frau ihn der Stasi meldete. So landete Sonntag 1975 wieder im Gefängnis. Informant blieb er jedoch auch hinter Gittern. Nach sechs Jahren Haft, Sonntag war mittlerweile Mitte 20, waren seine Zukunftsaussichten trüber denn je. Nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen gen Westen startete er also einen dritten Versuch, diesmal aber auf offiziellem Weg. Sonntag hoffte darauf, von der Bundesrepublik freigekauft zu werden, so wie viele andere zu jener Zeit.

Wladimir Putin war zur gleichen Zeit als KGB-Agent nach Dresden gekommen. Er stieg schnell auf und wurde Stasi-Verbindungsmann. Putins rechte Hand, Georg Johannes Schneider, arbeitete mit einem Stasi-Offizier namens Klaus Zuchold daran, KGB-Agenten in Dresden zu rekrutieren. Und es war Schneiders Idee, Rainer Sonntags Plan, als Häftling freigekauft zu werden, zu unterstützen, um den mittlerweile bekannten Neonazi als Informant in Westdeutschland zu installieren.

Sonntags Gesuch wurde stattgegeben, 1986 erreichte er Frankfurt. Er jobbte als Türsteher in einem Bordell und es dauerte nicht lang, bis er sich einen Namen in der Unterwelt machte. Währenddessen stand er in Kontakt mit Zuchold und seinem Vorgesetzten, Putin. Zufällig ließ sich Michael Kühnen, Führungsfigur der westdeutschen Neonaziszene, nahe Frankfurt nieder. In der Kleinstadt Langen wollte er so etwas wie eine Nazi-Utopie wahr werden lassen. Will heißen: Neonazis verprügelten PoC und machten sich in der Zivilgesellschaft breit.

Wie genau, ist unklar, aber Sonntag stieg schnell zu Kühnens Sicherheitschef auf. Als Kühnens Gesundheitszustand sich wegen seiner HIV-Erkankung verschlechterte, übernahm Sonntag zunehmend die Geschäfte. Die Stasi und der KGB hatten somit einen Informanten an der Spitze der westdeutschen Neonaziszene.

Als die Mauer fiel, witterte die Kühnen-Crew in Langen die Chance, im Chaos der Wiedervereinigung eine rechte Revolution in Ostdeutschland anzuzetteln. Sonntag war wegen seiner Vergangenheit die naheliegende Wahl, das „Unternehmen Ost“ anzugehen. Zurück in Dresden meldete Sonntag sich umgehend bei seinen Kontaktmännern. Putin hatte das Land verlassen, Schneider war bei der Dresdner Polizei gelandet, Zuchold saß wegen seiner Arbeit für den KGB nun selbst im Gefängnis. Trotz Zusammenbruch der DDR/Stasi bestand die Beziehung zwischen Sonntag und Schneider weiter fort. Laut Schneider nutzte er Sonntag und seine Neonazis, um die linke Szene in Schach zu halten.

Sonntag organisierte die Neonaziszene in Ostdeutschland mit großem Erfolg. Ein Dorn im Auge war ihm dabei das Rotlichtmillieu. Ob es an Moralvorstellungen lag, oder an der Tatsache, dass Bordellbetreiber sich weigerten, ihm Schutzgeld zu zahlen, ist unklar.

In der Nacht des 31. Mais versammelte sich Sonntag mit einigen Männern vor dem Sexshop eines griechischen Zuhälters namens Nicolas Simeonidis. Simeonidis zückte eine Schrotflinte und forderte die Neonazis auf, zu verschwinden. Sonntag lief mit geöffneten Armen auf ihn zu. „Na komm, schieß! Du hast nicht die Eier dazu!“, soll er dabei gerufen haben. Als Simeonidis in sein Auto stieg um zu flüchten, riss Sonntag die Tür auf. Simeonidis drückte ab.

Sonntag wurde zu einem Märtyrer der Neonaziszene. Mehr als 2000 Anhänger begleiteten seine Beerdigung. In der Folgezeit terrorisierten die Neonazis Dresden in ungeahntem Ausmaß. Ein bekanntes und trauriges Ereignis ist Teil dieser Episode: 1991 flogen Molotowcocktails auf Geflüchtetenwohnheime im nahegelegenen Hoyerswerda. 

Wie ein Neonazi-Führer für Stasi und KGB arbeitete

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