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Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Samstag, 06.01.2018

Was geschah 1968, was heute so erregt?

Es ist nicht nur Herr D., der das Jahr 1968 als Chiffre seines Unbehagens benutzt. Auch andere Konservative und Reaktionäre (was nicht das Gleiche ist) erschauern vor dem, was damals geschah. Wie sind aber die Ereignisse und Umbrüche der späten 1960er Jahre im Kontext des extremen vergangenen Jahrhunderts zu begreifen? Gibt es eine Beziehung zu 1917? Bini Adamczak, die sich selbst als "unstetes Bündel aus dekonstruktivem Feminismus und orthodoxer Wertkritik" charakterisierte, antwortet:

Das 20. Jahrhundert wurde von diesen zwei globalen Revolutionswellen geprägt. Dazwischen befindet sich das Zentrum des Jahrhunderts, der Nationalsozialismus, aber auch der Stalinismus. 1968 war eine Wiederholung von 1917, die anknüpft an verschüttete Traditionen, die durch den Nationalsozialismus zerstört und durch den Stalinismus in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Gleichzeitig grenzt sich 1968 auch von 1917 ab. Die zentrale Orientierung auf Gleichheit wird ersetzt. An deren Stelle tritt die Orientierung auf Freiheit. Ich glaube, dass 1968, also die Neue Linke, zum Prisma geworden ist, durch das wir auf 1917 schauen.

Zwar kam der Begriff der Revolution nicht mit der Französischen Revolution auf, aber diese ist tatsächlich die Blaupause für eine Revolution von unten geworden - in der Geschichtsschreibung, in der Philosophie, in den Künsten. Die Revolution von oben, die heute eine Option ist, kann jetzt nicht erläutert werden.

Die Französische Revolution ist mit Freiheit, Gleichheit, Solidarität in die Welt gekommen.

Hieß das nicht Brüderlichkeit?

Ja, aber das zensiere ich mit einem feministischen Augenzwinkern und nenne es Solidarität. 1917 geht es um Gleichheit, die konterrevolutionäre Rückseite davon ist Homogenisierung und Totalisierung, ist Stalinismus. 1968 fokussiert auf Freiheit, auf Differenz. Das lässt sich bis in die Theoriebildung hinein verfolgen. Die Rückseite davon ist Individualisierung, Fragmentierung von Gesellschaft. Margaret Thatchers Parole „Ich kenne keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch Individuen und Familien“ wurde quasi realisiert. In beiden Revolutionswellen war aber auch immer Solidarität anwesend, vor allem in Songtexten, in kulturellen Produktionen, was die Leute auf die Straße brachte, was affektiv anziehend war, einander beizustehen, aus der Einsamkeit herauskommen und gemeinsam kämpfen.

Beide Revolutionen erreichten viel, führten aber auch in Sackgassen im Labyrinth der Geschichte: eine zu den großen Führern, die wie Stalin kleine Männer mit Minderwertigkeitskomplexen waren, die andere in eine vermeintliche Individualisierung, die sich als Entsolidarisierung entpuppte. Deshalb gibt es auch eine berechtigte Kritik an 68 und den Folgen. Zum Beispiel im Frühwerk von Michel Houellebecq.

Interessanterweise präsentieren Herr D. und andere Reaktionäre ein ausgesprochenes Programm der internationalen Entsolidarisierung und Bini Adamczak stellt die Beziehung und die Solidarität in den Mittelpunkt ihrer Analyse.

Und das ist gut so - beides. Wenn die CSU so weiter macht und es nicht nur eine Klosterrevolte war, kann sie sich um Deutschland und Europa verdient machen. Dann verhindert sie eine lahme "Große Koalition" in einem Bundestag, in dem die AfD die Oppositionsführung übernimmt.

Wer mehr wissen will über Freiheit, Gleichheit und Solidarität, der findet hier eine Leseprobe aus dem neuen Buch von Bini Adamczak:

http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html

Was geschah 1968, was heute so erregt?
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Kommentare 3
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 12 Monaten

    Ich verstehe deinen vorletzten Absatz nicht...womit genau kann sich die CSU verdient machen um Deutschland und Europa?
    Und: interessanter Weise beklagen D. und andere „neue Rechte“ ja genau den angeblichen Verlust dieser „68-Individualisierung“ und unterstellen jeder Art von politischer Solidarität den Kollektivismus.

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 12 Monaten

      Von der internationalen Entsolidarisierung schreibe ich ja, aber wenn die CSU eine Fortsetzung der alten Regierung (GroKo wagt man ja kaum noch zu sagen) torpediert, wäre das gut.

      Es brodelt ja: Eine Studie der Adenauer-Stiftung ermittelte, dass eine Mehrheit der CDU-Mitglieder sich rechts von ihrer Partei sieht; die SPD-Basis erzwang einen Sonderparteitag nicht nach den Koalitionsverhandlungen, sondern erstmals vor solchen, wenn sie denn zustande kämen; die Jungen in beiden Parteien schielen nach Rechts oder nach Links; weitere Beispiele ließen sich leicht nennen.

      Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fortsetzung der alten Koalition Gutes bringt. Und wenn die CSU, auch aus unschönen Motiven, eine Scheidung erzwingt, wäre das mir recht, da ich nicht erkennen kann, wie die Risse zu kitten sind.

      Ähnlich sehen es - zumindest für den ersten Teil meiner Einschätzung - einige Kommentatoren. Hier ein Beispiel:
      www.tagesspiegel.de/politik/l...

      Einverstanden bin ich damit - bis auf den Schluss. Nach 12 Jahren Kanzleramt gibt es keine "bestechende Vision für die Zukunft", die ja Merkels Stärke nie war.

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 12 Monaten

      @Achim Engelberg Danke. Sehr interessant und sehr schlüssig.