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Lützerath soll weichen – aufgrund von fragwürdigen Schätzungen

Alexandra Endres
Journalistin
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Alexandra EndresSamstag, 07.01.2023

Lützerath soll abgerissen werden, damit die Braunkohle unter dem Ort abgebaggert werden kann. Man brauche den Brennstoff, um den erhöhten Bedarf der kommenden Jahre zu decken, rechtfertigt RWE, der Betreiber des angrenzenden Tagebaus, die geplante Zerstörung. 

Doch der erhöhte Kohlebedarf führt gerade dazu, dass Deutschland seine Klimaziele reißt, wie aktuelle Berechnungen von Agora Energiewende zeigen. Und schon im Juni 2021 hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Initiative "Alle Dörfer bleiben" ausgerechnet: Will Deutschland seinen fairen Beitrag dazu leisten, dass die Erdtemperatur sich nicht um mehr erhöht als 1,5 Grad, dann muss die Braunkohle unter Lützerath im Boden bleiben.

Der Ort ist zum Symbol und Kristallisationspunkt für neue Proteste der Klimaschutzbewegung geworden. Klimaschützer*innen halten das Dorf besetzt. Ab kommenden Dienstag soll geräumt werden, doch seit ein paar Tagen versammeln sich dort immer mehr Menschen, um Lützerath zu verteidigen.

Für Spiegel Online hat Susanne Götze jetzt ein paar Zahlen zusammengetragen, die noch einmal klarer machen, wie fragwürdig die Argumente sind, auf denen der Beschluss zur Zerstörung des Dorfes gründet.

Lützerath ist der Preis dafür, dass RWE eingewilligt hat, im Jahr 2030 aus dem Braunkohleabbau auszusteigen. Das ist acht Jahre früher als ursprünglich politisch vereinbart. Doch "Experten rechnen ohnehin damit, dass die Kohle Anfang der 2030er-Jahre unwirtschaftlich werden könnte", schreibt Götze.

Sie kritisiert zudem die Intransparenz um den Deal zwischen der grünen NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubauer, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und RWE, in dem das Schicksal Lützeraths besiegelt wurde. Es gibt laut Bundeswirtschaftsministerium keine Protokolle der vorausgegangenen Gespräche.

Mehrere Studien stellen infrage, dass die Zerstörung Lützeraths tatsächlich nötig sei, um den gestiegenen Braunkohlebedarf für die Stromversorgung Deutschlands zu decken, so Götze. Und damit kommen wir zu den Zahlen:

Im Tagebau Garzweiler, in dessen Bereich das Dorf liegt, müssten nach den Berechnungen von Aurora noch maximal 124 Millionen Tonnen weggebaggert werden – selbst unter dem Szenario eines steigenden Stromverbrauchs. Damit wäre das Dorf gerettet, wenn da nicht noch der Bedarf für die Braunkohleveredelung wäre, die wird vom Wirtschaftsministerium in NRW auf 55 Millionen Tonnen geschätzt. Wären dann 179 Millionen Tonnen.

Doch erst ab einem Bedarf von 170 Millionen Tonnen wird die Kohle unter Lützerath überhaupt gebraucht – das wiederum steht auch in dem Gutachten, auf das sich Habeck und die NRW-Landesregierung stützen. Diese Zahlen sind Grundlage des Gesetzes zum vorgezogenen Kohleausstieg vom vergangenen Jahr.

Entscheidend sind also die 55 Millionen Tonnen, die laut NRW-Ministerium für die Braunkohleveredelung benötigt werden, beispielsweise für die Produktion von Briketts.

Das Problem: Diese 55 Millionen Tonnen sind eben eine Schätzung – bisher konnten Gutachter sie weder bestätigen noch bestreiten. Doch an dieser Unschärfe hängt das Schicksal von Lützerath, eine für den Steuerzahler verdammt teure Räumung und eine vermeidbare politische Eskalation.

RWE hat in einer Stellungnahme vom vergangenen August eingeräumt, überhaupt kein Interesse an einer Beilegung des Konflikts durch Gespräche mit den Besetzer*innen zu haben. "Eine Kriegserklärung", schreibt Götze. "Die Eskalation in Lützerath ist deshalb vorprogrammiert."

Lützerath soll weichen – aufgrund von fragwürdigen Schätzungen

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Kommentare 3
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 25 Tagen · bearbeitet vor 25 Tagen

    hinzu kommt dass selbst bei tatsächlichem bedarf in den nächsten Jahren wir diesen längst nicht mehr durch Kohle befriedigen dürfen. Eigentlich gibt es da keine Wahl. Außer andere Energien zu nutzen oder eben zu verzichten.

  2. Heiner Geiß
    Heiner Geiß · vor 25 Tagen

    Man könnte meinen, dass es in Deutschland Experten zum Thema Energie/Klima auschließlich beim DIW und Agora und natürlich Greenpeace liegt. Dabei gibt es in Deutschland Dutzende von Instituten an den Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die sich sowohl mit der Technik der Stromerzeugung als auch der Speicherung und Verteilung von Strom sowie den sozioökonomischen Problemen auskennen.
    Man könnte sich zum Beispiel mal mit der "Heidelberger Erklärung" von Physikprofessoren vom Juli 2021 befassen ( https://www.google.com... ).

    Oder, schon 2019, die Stellungnahme von Fachleuten aus Instituten mit Spitzenforschung.
    "...Dieses Positionspapier ist das Resultat intensiver Diskussionen einer Gruppe
    von mehr als fünfzig international renommierter Forscherinnen und Forschern,
    die sich wissenschaftlich mit chemisch reaktiven Strömungen und
    Energieverfahrenstechnik befassen. Eingeflossen sind zudem die Ergebnisse
    national und international akzeptierter Fachstudien. Hervorgehoben
    seien hier vor allem neuere Arbeiten wie die dena-Studie [De18] und
    die ACATECH-Studie [Ac17], aber auch weitere Analysen [Ge18, Ac15, Ac18,
    Ac19, De19, Ac20]. ..."
    https://www.google.com...

    Oder einfach mal mit solchen Fachleuten reden, statt uralte Spiegelartikel zu zitieren.

    1. Alexandra Endres
      Alexandra Endres · vor 25 Tagen

      Hallo Herr Geiß,

      danke für die Hinweise! Was genau ist Ihre Kritik?

      Abgesehen davon, dass der Spiegel-Artikel neu ist: Es ist doch interessant, dass offenbar weder das Wirtschaftsministerium in NRW noch das Bundeswirtschaftsministerium den darin enthaltenen Berechnungen etwas (also eigene, besser begründete Zahlen) entgegensetzen können, oder?

      Beste Grüße,

      Alexandra Endres

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