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Daniel Schreiber
Autor und Journalist
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piqer: Daniel Schreiber
Montag, 27.11.2017

Die Nazi-Kontroverse der New York Times: Der schmale Grat zwischen Journalismus und Sympathie

Es ist schon lange her, dass ein Artikel in der New York Times eine derartige Kontroverse ausgelöst hat. Viele meiner amerikanischen Freunde sind gestern auf Twitter und Facebook auf die Barrikaden gegangen, nachdem sie diese Reportage über den Rechtsradikalen Tony Hovater aus Ohio gelesen haben, der sich in den vergangenen Jahren vom linken Rockmusiker zu einem bekennenden Faschisten entwickelt hat, der gerne "Hail Victory", also "Sieg heil" ruft. Richard Fausset, der Autor des Textes, ist kein Nazi-Sympathisant, aber er gibt der Ideologie dieser wachsenden politischen Bewegung in Trumps Amerika ein Forum. Der Clou der Reportage besteht darin, Hovater als einen "ganz normalen Mann von nebenan" darzustellen, der Pasta kocht und seine Hochzeit vorbereitet, während er seine rassistischen Ansichten propagiert, die Shoah leugnet und darüber fabuliert, was für ein toller Mann Hitler gewesen sei. Und das ist nur der Beginn der Abscheulichkeiten, die er in diesem Text mehr oder weniger umkommentiert von sich geben darf. Dieser Nazi, so der Subtext der Reportage, ist ein Amerikaner wie jeder andere auch, "einer von uns" gewissermaßen. Für mich ist es einer der erschreckendsten Texte, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und ich musste lange überlegen, warum. Ich glaube, es liegt daran, dass hier der neue Faschismus als "normale" politische Kraft mit den typischen Mitteln des amerikanischen Journalismus porträtiert wird - Neutralität, Abwägung und Distanz. Und es wird einem schmerzlich bewusst, wie sehr diese Mittel angesichts dieser Aufgabe scheitern - und wie stark sich der Eindruck einer Zeitenwende aufdrängt: Diese Stimmen scheinen nun zum "normalen" Teil des politischen Diskurses zu gehören und Rechtsradikalismus zur Mitte der Gesellschaft.             

Die Nazi-Kontroverse der New York Times: Der schmale Grat zwischen Journalismus und Sympathie
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Kommentare 3
  1. Moritz Orendt
    Moritz Orendt · vor etwa 2 Monaten

    Danke für die Empfehlung. Wäre ich alleine nie darauf gestoßen.

    Bei mir hat sich ein Erschrecken jedoch nicht eingestellt. Der Typ kommt für mich gerade durch die distanzierte Art des Beitrags als ein weltfremder Vollpfosten rüber. Dass Hovater auch Eigenschaften hat, die viele sympathisch werden, kann doch auch dargestellt werden, oder? Für mich relativiert das nicht, dass er Sieg heil schreit.

    Für mich atmet der Beitrag genau das Interesse, das der Autor auch als Motiv angibt: Was ist das für ein Typ? Warum wird der zum Rechtsextremisten? Wie kommt das, dass Hovater abdreht? Ich finde diese Fragen sollten gestellt werden.

    Der Autor gibt auch selbst zu, dass er diese Fragen nicht beantworten kann: "I beat myself up about all of this for a while, until I decided that the unfilled hole would have to serve as both feature and defect. What I had were quotidian details, though to be honest, I’m not even sure what these add up to." www.nytimes.com/2017/11/2...

    Auch interessant die Antwort von der New York Times auf die Kritik: www.nytimes.com/2017/11/2...

    1. Daniel Schreiber
      Daniel Schreiber · vor etwa 2 Monaten

      Lieber Moritz, ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine Frage der Empfindung ist. Nicht zuletzt, weil die Fragen, von denen du denkst, dass sie gestellt werden müssten, in diesem Text eben nicht gestellt werden. Man erfährt zum Beispiel nicht, warum der Typ zum Rechtsextremisten geworden ist - im Gegenteil, man bleibt noch ratloser zurück. Ist es normal, zum White Supremacist zu werden, wenn man in einer linken Rockband spielt? Ich habe bei dem Text den Eindruck, man würde einen leicht erstaunten Bericht über den Alltag eines exotischen Zootiers lesen - während der Präsident des Landes umkommentiert rechtsradikale Fake-Videos auf Twitter postet, die dann auch noch von der Pressesprecherin verteidigt werden, weil es ihrer Meinung nach egal sei, ob diese Fake seien oder nicht. Da gibt es eine große Kluft, was die Realitätswahrnehmung betrifft. Ich glaube, dass dieser Text weitgehend unfreiwillig genau die Normalisierung von rechtsextremen Haltungen markiert, vor der wir uns bei der Trump-Wahl alle gefürchtet haben.

    2. Moritz Orendt
      Moritz Orendt · vor etwa 2 Monaten

      @Daniel Schreiber Lieber Daniel,

      danke für deine Antwort.

      Der Autor gibt in seinem eigenen Kommentar zu diesem Artikel an, dass diese Fragen sein Motiv für die Recherche waren - und eben, dass er daran gescheitert ist. Wir versuchen etwas und scheitern (leider) daran. Ich nehme ihm komplett ab, dass er keinen Grund gefunden hat und finde dies an sich interessant. Aber ich merke, da drehen wir uns im Kreis.

      Let's agree to disagree. Freue mich auf die nächste Meinungsverschiedenheit.

      LG
      Moritz