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Reportagen und Interviews

Hristio Boytchev
Journalist

Freier Journalist mit Fokus Wissenschaft, Medizin, Investigativ- und Datenjournalismus. Diplombiologe. Auszeichnungen: Carl-Sagan-Preis der GWUP 2017, 3. Preis Wissenschaftsjournalist des Jahres 2016 "Medium Magazin", Arthur F. Burns Fellow 2012 bei der "Washington Post". Hinweise immer willkommen.

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piqer: Hristio Boytchev
Freitag, 11.01.2019

Wie es sich mit 210 Kilo lebt

In Deutschland ist etwa jeder fünfte Erwachsene adipös. In den USA jeder dritte. Das Thema ist von Tabus umringt. Wie es sich als schwer Übergewichtiger lebt, beschreibt der Journalist Tommy Tomlinson aus der Ich-Perspektive ehrlich und eindringlich.

"Ich wiege 460 Pfund. Das sind die härtesten Worte, die ich je schreiben musste. […] Der durchschnittliche amerikanische Mann wiegt etwa 195 Pfund; ich bin zwei dieser Typen und ein 10-jähriges Kind dazu."

In seiner Kindheit wird Tomlinson bereits diskriminiert und schikaniert. Trotzdem schafft er es, sich ein erfolgreiches Leben aufzubauen. Er ist glücklich. Wenn da nicht sein Übergewicht wäre. Und alle kleinen und großen Schwierigkeiten, die damit einhergehen.

"Ich bin in der U-Bahn in New York, stehe im Gang und klammere mich an die Stange. [...] Ich bete, dass die Bahn nicht um eine Ecke rutscht oder zum Stillstand kommt, weil ich Angst habe, zu fallen. [...] Was mir aber wirklich Angst macht, ist die Chance, dass ich auf jemandem landen kann. [...] Eine alte Frau sitzt drei Fuß entfernt. Ein Ausrutscher und ich würde sie zerquetschen."

Tomlinson beschreibt seinen ewigen Kampf gegen das Übergewicht. Wie essen Trost spendet und ihn gleichzeitig fertig macht. Und ihn vielleicht, wie seine Schwester, umbringen wird. Dadurch unterscheidet es sich nicht von einer Sucht.

"Ich bin fast nie hungrig im physischen Sinne. Aber ich sehne mich immer nach einem emotionalen Hoch, in der Art, wie es ist, Liebe zu machen, auf einem großartigen Konzert zu sein oder die Sonne über dem Meer aufgehen zu sehen."

Tomlinson will erklären, wie schwer dieser Kampf ist.

"Mehr als alles andere, will ich, dass Sie verstehen, dass einer übergewichtigen Person zu sagen 'Iss weniger und treib Sport', es so ist, wie einem Boxer zu sagen 'Lass dich nicht treffen'. Sie tun so, als gäbe es keinen Gegner. Abnehmen ist ein verdammter Kampf. Die Feinde kommen von allen Seiten: Die Marketingflut […]. Die Kultur, die das Essen zu einem der letzten akzeptablen Laster gemacht hat. Unsere Familien und Freunde, die wollen, dass wir ihr Vergnügen teilen. Unsere eigene Körperchemie, die uns aus Angst vor dem Verhungern zurück an den Tisch zieht."

Tomlinson hat den Kampf nicht aufgegeben. Er will seinen Körper überlisten, ganz allmählich abnehmen. Und träumt davon, in der Zukunft wie andere über Mittelsitze in Flugzeugen jammern zu können.

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