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Reportagen und Interviews

Christian Gesellmann
Autor und Reporter
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piqer: Christian Gesellmann
Freitag, 22.04.2016

Vier Mütter berichten, wie sie ihre Söhne an den Islamischen Staat verloren

Die Terrorgruppe ISIS hat – selbst nach konservativen Schätzungen – bisher rund 20.000 Mitglieder aus dem Ausland für den Kampf in Syrien und im Irak rekrutiert, mehr als 3000 davon stammen aus westeuropäischen Ländern.

Julia Ioffe erzählt die Geschichte von vier Müttern aus Kanada, Dänemark, Norwegen und Belgien, deren Söhne sich dem IS angeschlossen haben und getötet wurden. Oft hielten sie über Facebook noch lange Kontakt mit ihren Müttern. Einige fanden dort Fotos von den Leichnamen ihrer Söhne. Die Radikalisierung der jungen Männer hat sich in atemberaubenden Tempo vollzogen, drei von ihnen waren zuvor nicht mal Muslime.

Der Artikel rekonstruiert die Lebenswege der vier jungen Männer und die verzweifelten Versuche der Mütter, ihre Söhne zu retten. Er beschreibt aber auch, wie ähnlich sich die Phasen der Radikalisierung bei religiösen Sekten und Neonazis sind, wie der Berliner Extremismusforscher Daniel Köhler beschreibt, der den Müttern half, ein Netzwerk aufzubauen:

„First, the recruit is euphoric because he has finally found a way to make sense of the world. He tries to convert those around him – and, in the case of radicalized Muslims in recent years, to make them care about the suffering of Syrians. The second, more frustrating stage comes when the convert realizes that his loved ones aren’t receptive to his message. This is when the family conflicts begin: arguments over clothing, alcohol, music. At this point, the convert begins to consider advice from his cohorts that perhaps the only way to be true to his beliefs is to leave home for a Muslim country. In the final stage, the person sells his possessions and often pursues physical fitness or some kind of martial training. As his frustration mounts, his desire to act becomes overwhelming, until he starts to see violence as the only solution.’’

Übereinstimmend beschreiben die Mütter, wie sich die Konversion ihrer Söhne zum Islam für sie zunächst wie ein kleines Wunder ausnahm, das sie zu ausgeglicheneren, empathischeren Menschen machte. Zunächst wirkte es, als hätten sie einen Halt im Leben gefunden.

Die Mütter müssen nun nicht nur mit dem schrecklichen Verlust leben – sie werden auch selbst zu Angeklagten, die Gesellschaft gibt ihnen eine Mitschuld am Tod ihrer Söhne, Nachbarn, Kollegen, Verwandte und sogar Psychologen brandmarken sie als Rabenmütter.

Die Frauen beginnen sich daraufhin zu vernetzen und ihre Erfahrungen auszutauschen und weiterzugeben: Wie kann man die Anzeichen der Radikalisierung frühzeitig erkennen, wie kann man darauf reagieren, wen sollte man informieren etc. In diesem Zusammenhang macht der Artikel auch deutlich, wie schwach die Zivilgesellschaft gerüstet ist, um auf die Gefahr zu reagieren, dass junge Männer für ISIS in den Kampf ziehen wollen. Behörden reagieren zu langsam, Verfassungsschützer geht der Schutz der potenziellen Täter nichts an und ehrenamtliche Helfer sind überlastet. 

Vier Mütter berichten, wie sie ihre Söhne an den Islamischen Staat verloren
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