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Reportagen und Interviews

Christian Gesellmann
Autor und Reporter

Geboren 1984 in Zwickau, Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Jena und Perugia. Volontariat bei der Tageszeitung Freie Presse, anschließend zweieinhalb Jahre als Redakteur in Zwickau. Lebt als freier Autor in Berlin und Bukarest. Quoten-Ossi bei Krautreporter.

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piqer: Christian Gesellmann
Dienstag, 24.09.2019

Historiker: Westdeutschland hat den Osten bis heute nicht verstanden

Ich arbeite nebenbei an einer Bar in Leipzig, eine kleine feine Bar, in der das Personal so viel Flammkuchen essen darf, „bis ihr es von alleine satt kriegt”, wie der Chef sagt. Zur Bar gehört auch ein Hostel, und als ich vor Kurzem zum ersten Mal jemanden einchecken musste, war es ein junger Typ aus Köln, zwei Nächte im 10-Bettzimmer.

Einchecken heißt, ich berechne die sinnlose City-Tax, druck die Rechnung aus, und zeige den Gästen auf dem Stadtplan wo wir sind, wo die nächste Straßenbahnhaltestelle ist, und wo sie sich sonst noch so am besten amüsieren könnten in the real L.E. Ich zeige dem jungen Mann aus Köln also auf dem Stadtplan, wo er feiern gehen oder sich Kunst angucken könnte, umkringel das mit dem Kuli als wär noch 2000, da unterbricht er mich und sagt:

„Naja, eigentlich interessiert mich das gar nicht. Ich bin vor allem hier, weil ich was über Geschichte lernen will.”

„Was denn für Geschichte?”

„Na Wendezeit und DDR und so. Ich studier Lehramt, aber das spielt bei uns kaum eine Rolle, da wollte ich mir das selbst mal anschauen.”

Mit meinem Krautreporter-Kollege Josa Mania-Schlegel habe ich ein Buch geschrieben, es heißt Ostdeutschland verstehen. Und damit sind wir seit drei Wochen auf Lesetour in alten und neuen Bundesländern. „Tour der Völkerfreundschaft” nennen wir das. Weil ich das Gefühl habe, das wir uns grad erst wirklich kennenlernen.

Wir haben uns nie mit dem Osten beschäftigt, sagen die Wessis immer, in der Schule ist das auch nicht dran gewesen. Wir haben uns immer nur angepasst, Frust oder Einkaufswagen geschoben, sagen die Ossis dann immer. Und dann wird diskutiert bis in die Nacht. Und ich finde, aus dieser Diskussion können wir nur lernen, in meiner „Karriere” als Journalist habe ich jedenfalls nie so fruchtbare Gespräche gehört nach Veranstaltungen.

Ilko-Sascha Kowalczuk hat sich als Wissenschaftler und Autor ausführlich mit der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung befasst. Sein Buch Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde ist diesen Monat erschienen und klettert fleißig in den Bestsellerlisten. Dieses ausführliche Interview mit ihm bei MDR Kultur ist ein guter Einstieg in die Chancen einer Neubewertung der deutsch-deutschen Beziehung: 

Wir befinden uns alle gerade in Europa und überall auf der Welt in einem großen Umbruchsprozess. Und von diesem Umbruchsprozess in Ostdeutschland kann man eben, glaube ich, auch viel lernen.

Als wir später noch an der Bar über Schulformen reden, erzählt mir der angehende Lehrer aus Köln, wie toll er dieses neue Konzept der Oberschulen findet, wo man von „Das ist doch furchtbar, dass sich Lebenswege nach der 4. Klasse entscheiden!”, sagt er.

Die Oberschule, sag ich, das gab es in der DDR schon. Wurde nach der Wende abgeschafft. Jetzt wird sie von immer mehr Städten wieder eingeführt.

Der in Chemnitz geborene Schriftsteller Stefan Heym hat bei seiner Eröffnungsrede als Alterspräsident des Bundestages 1994 gefragt: „Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR, die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte? Der gesicherte Arbeitsplatz vielleicht? Die gesicherte berufliche Laufbahn? Das gesicherte Dach über dem Kopf?”

Heym ist geschmäht worden für diese Worte, Kanzler Helmut Kohl verweigerte demonstrativ den Applaus. 

Historiker: Westdeutschland hat den Osten bis heute nicht verstanden
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Kommentare 1
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · Erstellt vor 22 Tagen · Bearbeitet vor 22 Tagen

    Ich bin gerade über Jana Hensels Habeck-Text https://www.zeit.de/po... auf den FAS Faktencheck zu Ost&West gestoßen https://www.faz.net/ak... und darüber wiederum auf die "Deutschlandbilanz" vom ZDF https://www.zdf.de/nac..., die auf einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen basiert. Ein zentrales Ergebnis: 21% der "Westdeutschen" waren noch nie in "Ostdeutschland", andersherum sind es nur 5%.
    Fazit im FAS-Text: "Ignoranz ist gemeinhin der beste Nährboden für Vorurteile, die schnell in gut gemeinte, aber schlecht gemachte Ratschläge münden: Fast die Hälfte der Ostdeutschen hält die Wessis noch immer für „besserwesserisch“, wie eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF ergeben hat."

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