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Reportagen und Interviews

Fehl am Platz – Im Casino von Estoril

Quelle: FotoHiero / pixelio.de

Toni Nürnberg
Journalist
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piqer: Toni Nürnberg

Fehl am Platz – Im Casino von Estoril

Wo Ian Fleming James Bond erfand, suche ich nach dem Glanz der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Doch ich finde nur Rentner im Automatengewitter und muss erkennen, dass ich nicht zum Glücksritter tauge.

Einst war Estoril ein Rückzugsort für den Adel. Ein mondänes Seebad, in das sich die Lissaboner Oberschicht für die Sommerfrische zurückzog. Das Casino Estoril verspricht seit 1931 Amusement. Während des zweiten Weltkriegs war es ein beliebter Treffpunkt für Spione und Exilanten. Ian Fleming hat sich zwischen den Spieltischen zu seinen James-Bond-Romanen inspirieren lassen und Ende der Sechziger spielte hier George Lazenby den galanten Agenten „Im Geheimdienst ihrer Majestät“. Bis 1996, als der Formel-1-Zirkus letztmalig den Großen Preis von Portugal auf der Rennstrecke von Estoril ausfuhr, waren die Rennsportler und ihr Anhang jährlich gern gesehene Gäste im Casino.

An diesem warmen Dezembernachmittag ist davon nicht mehr viel zu sehen. Zahlreiche in die Jahre gekommene Damen und Herren haben sich vor den verschlossenen Türen versammelt. Wer noch gut zu Fuß ist, ist aus einem der beiden Seniorenheime im Umkreis herspaziert. Viele haben sich mit dem Taxi bringen lassen. Zu den Senioren gesellen sich einige – Adelige kann man sie sicher nicht nennen, vielleicht aber Glücksritter. Gemeinsam sind ihnen die schlecht sitzenden Anzüge, die Augenringe, der erhöhte Nikotinbedarf. Es wird geraucht, geplaudert, man kennt sich. Je näher die Öffnungszeit rückt, desto dichter wird die kleine Menschentraube vor den verspiegelten Türen. Um Punkt 15 Uhr ist es soweit, die Türen öffnen sich. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung.

Als der erste und eigentlich auch einzige Andrang vorbei ist, trete ich ein. Tatsächlich nimmt man den Atem der Geschichte wahr – und er riecht. In dem düsteren Saal hängt der Geruch unzähliger Zigaretten, es ist warm und stickig. Bunte Neonröhren illuminieren das Erdgeschoss. Ihr Licht bricht sich in dem schwarzen Marmorboden auf eine Weise, die bei längerem Hinsehen Kopfschmerzen verursacht. Ich habe zwanzig Euro in der Tasche.

Wo man fein zurechtgemachte Croupiers an Spieltischen erwarten würde, reihen sich hunderte Automaten aneinander, die blinkend, klingelnd und schreiend zum Spielen animieren sollen, in der Nähe wartet ein All-You-Can-Eat-Restaurant. Die kleine Menschenmenge hat sich zwischen den Spielgeräten verteilt. Mit der Geselligkeit ist es jetzt vorbei. Nun werden Knöpfe gedrückt und Zigaretten gequalmt. An einem Automaten sitzt eine ältere Dame, deren Gesicht vom Schein des Geräts erleuchtet wird. Sie lächelt entrückt. Als sähe sie einem Enkelkind beim Spielen zu, denke ich. Der Anblick macht mich traurig.

Im ersten Stock setze ich meine Casinoexkursion fort. Hinter einem Flur, der es wagt, sich eine Kunstgalerie zu nennen, stehen zwei Roulettetische und weitere Automaten. An einem der Tische spielt ein alter Mann. Sein spärliches Resthaar hat er quer über den Kopf gekämmt, er trägt eine dicke Brille und einen abgewetzten Trenchcoat. Seine Hand zittert, als er die Jetons auf der Spielfläche verteilt. Ob es ein Alterstremor oder die Aufregung ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Ich tippe auf Letzteres. Schließlich verteilt der Mann in dieser Runde grob geschätzt einen Einsatz von 200 Euro. Dies entspricht in etwa der Hälfte einer portugiesischen Durchschnittsrente. So ein Spiel kann schnell einen existenziellen Charakter annehmen. Ich traue ich mich nicht einzusteigen. Draußen ist es unwirklich hell. Meine Hand in der Hosentasche umklammert den Geldschein.

Bild: FotoHiero / pixelio.de

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