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Reportagen und Interviews

Elisabeth Dietz
Redakteurin, Community Manager
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piqer: Elisabeth Dietz
Freitag, 20.05.2016

Einfach machen lassen als pädagogisches Konzept – eine Erfolgsgeschichte

„Eines Tages fiel ein Esel in einen Brunnen. Der Esel war schon alt und der Brunnen trocken, also beschloss sein Besitzer, ihn nicht zu retten, sondern zu begraben. Er begann, den Brunnen mit Erde zuzuschaufeln. Der Esel schrie, aber der Mann schaufelte weiter. Als der Esel verstummte, dachte der Mann, er sei tot und beeilte sich, den Brunnen aufzufüllen. Er war überrascht, als der Esel aus dem Brunnen sprang. Der Esel hatte die Erde abgeschüttelt und war auf den stetig wachsenden Haufen geklettert, bis er aus dem Brunnen heraus klettern konnte. Der Esel, das sind wir.“ 

Diese Geschichte erzählt Juárez Correa seinen Schülern vor dem landesweiten Mathematik-Test. Die José Urbina López-Grundschule, an der er unterrichtet, steht neben einer Müllkippe in einem der ärmsten Viertel von Matamoros, einem der Brennpunkte im mexikanischen Drogenkrieg. Viele ihrer Schüler kommen am Monatsende hungrig zur Schule, ein Einbrecher hat die Stromkabel aus den Wänden gerissen, um das Kupfer zu verkaufen und der Informatik-Unterricht besteht darin, dass jemand eine Tastatur aus Pappe hochhält und Dinge sagt wie „Das ist eine Tastatur. Man benutzt sie zum Schreiben.“

Correa hat es satt, sich mit einer Klasse nach der anderen ohne sichtbare Erfolge durch den Lehrplan zu arbeiten und stößt im Internet auf die Forschungsergebnisse des indischen Bildungswissenschaftlers Sugata Mitra. Der war in den 2000-ern dadurch bekannt geworden, dass er Straßenkindern einen (fest in einer Wandnische installierten) Computer zur Verfügung gestellt hatte – und weggegangen war. Selbstständig hatten sich die Kinder nicht nur schnell beigebracht, das Gerät zu bedienen, sondern sich auch das Wissen auf seiner Festplatte angeeignet – die Grundlagen der Molekularbiologie, zum Beispiel.

Correa hört also auf, Inhalte einzupauken und lässt seine Schüler ihre eigenen Fragestellungen finden und gemeinsam Aufgaben lösen, die sie interessieren. Er ist nur einer aus einer Generation von Erziehern, die, inspiriert von den Neurowissenschaften, dem Internet und künstlicher Intelligenz, Methoden entwickeln, die uns zu Unrecht radikal erscheinen, weil sie auf die Fähigkeit der Kinder, selbstständig zu denken und zu forschen, vertrauen.

Journalist Joshua Davis erzählt diese Geschichte nicht nur sachlich fundiert, sondern auch dramaturgisch makellos. Es ist eine Geschichte, in der die elfjährige Paloma Noyola Bueno, Tochter eines Müllsammlers, eines nachmittags die Gauß'sche Summenformel entwickelt, und genau so sollte sie erzählt werden.

Einfach machen lassen als pädagogisches Konzept – eine Erfolgsgeschichte
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