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Reportagen und Interviews

Christian Gesellmann
Autor und Reporter

Geboren 1984 in Zwickau, Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Jena und Perugia. Volontariat bei der Tageszeitung Freie Presse, anschließend zweieinhalb Jahre als Redakteur in Zwickau. Lebt als freier Autor in Berlin und Bukarest. Quoten-Ossi bei Krautreporter.

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piqer: Christian Gesellmann
Sonntag, 28.08.2016

Ein Gramm Turnvater Jahn, bitte!

Mittwochnachmittags in der Hasenheide, einem Park in Berlin: Ein junger Afrikaner steht auf dem Gehweg hinter dem Turnvater Jahn-Denkmal und spricht so ziemlich jeden an, der an ihm vorbeiläuft, wobei er einmal nickt, von unten nach oben: „Hey Mann!", „Gras?" 

Man sagt dann sowas wie „Jo, für'n Zwanni", wird in ein Gebüsch geführt, der junge Afrikaner sagt, „Warte kurz", geht ein paar Schritte weiter, holt eine Plastiktüte aus einem anderen Gebüsch oder einem Erdloch und bröselt dir „für'n Zwanni" in eine Tüte oder ein Taschentuch. Es gibt zwei Sorten: Eine eher süßliche, die anregend wirkt und eine herbe, die platt macht. Man weiß es nur vorher nicht. Von morgens bis nachts ist in dem Gebüsch Betrieb wie am Drive-In-Schalter eines Provinz-McDonald's. Die Kundschaft besteht zu 90 Prozent aus Männern im Alter von 16 bis 40 Jahren. 

Mittwochnachmittags bei Farma in Portland, Orgeon: „Im Eingangsbereich bei der Ausweiskontrolle – nur wer über 21 Jahre alt ist, darf in den Laden – kommt es immer wieder zu Warteschlangen. Nacheinander: Ein junges Touristenpärchen, ein einbeiniger Rollstuhlfahrer, ein bärtiger Mann in den Zwanzigern, zwei ältere Frauen mit Gehstock, ein Paar mit Hund. Die Kunden lassen sich grob in zwei Gruppen teilen: Die Jungen, die Spaß suchen, und jene, die das Gras brauchen, weil sie Schmerzen haben, zum Beispiel, weil sie gerade eine Chemotherapie durchlaufen."

Dominik Wurnig beschreibt in dieser Reportage, wie sich das Geschäft mit Marihuana verändert hat, seit es legal ist, anhand des Grasverkäufers Jeremy Plumb, der den Laden „Farma" betreibt. Obwohl die Reportage einen der bescheuertsten Titel aller Zeiten bekommen hat, ist sie eine der besten Stücke zum Thema, die im deutschsprachigen Raum bisher erschienen sind. Einer der Hintergrund-Artikel, für die ich Krautreporter liebe.

„Anfangs lief das Geschäft schleppend. Nur rund zehn Patienten am Tag kamen bei Farma vorbei. Als im November 2014 dann 56 Prozent der Wähler Oregons für die Freizeitnutzung von Cannabis stimmten, gab es Grund zu feiern. (...) Auf einen Schlag wurde der potentielle Kundenkreis von 50.000 auf zwei Millionen plus Touristen erweitert. Heute kaufen bis zu zweihundert Kunden pro Tag bei Farma. (...) Farma-Marihuana könne die Speerspitze für die Rückkehr zur Pflanzen- und Volksmedizin sein, findet Plumb. Der Trend werde weggehen von der versuchsbasierten Medizin, die statistisch funktioniere, hin zur personalisierten Medizin, die auf das eigene, entschlüsselte Genom angepasst sei."

„Rot gekennzeichnete Sorten wie Mount Magic Hood, Sour Diesel oder Pineapple machen eher euphorisch, gut gelaunt und unternehmungslustig. Blaue Sorten wie Obama Kush, Dogwalker oder Sunset Sherbet gelten eher als beruhigend, entspannend und träge." Die Sache mit dem bescheuerten Namen hat sich Dominik offenbar von den Grassorten in Portland abgeguckt.

Hier noch weitere gut gelaunte Produktbezeichnungen: Purple Reign, Holy Grail Kush, Master Kush, selbstverständlich Hindu Kush; Betty Banana, Biggie Smalls, Queenwreck (angeblich ist Queen Victoria mit Marihuana gegen Menstruationsbeschwerden behandelt worden), Dog Shit, Chem Dog, Blue City Diesel, Girl Scout Cookies. 

Vielleicht kann man sich irgendwann mal in Deutschland in einem Laden ein Gramm Turnvater Jahn bestellen, dem Verkäufer zehn Euro auf den Tresen legen, und mit dem Kassenzettel, auf dem die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist, in der Tasche in der Hasenheide ein Rad schlagen. 

Ein Gramm Turnvater Jahn, bitte!
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Kommentare 1
  1. Elisabeth Dietz
    Elisabeth Dietz · vor mehr als einem Jahr

    Cannabis zu legalisieren wäre in der Tat in jeder Hinsicht vernünftig. Hoffentlich sind wir bald soweit.