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Pop und Kultur

Lektionen aus dem Second Life für das Metaverse

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
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Christian HubertsMontag, 25.07.2022

In der vergangenen Woche haben Mojang und Microsoft, die Entwickler von Minecraft, ein bemerkenswertes Statement veröffentlicht. Die zukünftigen Nutzungsrichtlinien des überaus populären Sandkastens schließen explizit den Einsatz von auf Blockchain-Technologie basierenden Non-Fungible Tokens (kurz: NFTs) aus, die in der Theorie feste Besitzansprüche auf virtuelle Gegenstände, Stimmrechte oder Minecraft-Welten (bzw. deren »Seeds«) definieren können. Begründet wird der Schritt unter anderem damit, dass sich in die kreative Community keine Klassengesellschaft und finanzielle Spekulationen einschleichen sollen:

NFTs are not inclusive of all our community and create a scenario of the haves and the have-nots. The speculative pricing and investment mentality around NFTs takes the focus away from playing the game and encourages profiteering, which we think is inconsistent with the long-term joy and success of our players.

Das könnte man nun als Ignoranz gegenüber der vermeintlich alternativlosen neuen Infrastruktur des »Web3« bewerten, das mit seiner in der Theorie dezentralen Funktionsweise verschiedene Plattformen in der Theorie zu einem »Metaverse« zusammenschweißen könnte. Oder aber man sieht es als sehr nachvollziehbaren Schritt, der sich aus jahrzehntelanger Erfahrung mit dem Aufbau und Erhalt virtueller Communities ergibt. Denn allem Buzz zum Trotz, existieren virtuelle Welten, in denen gespielt, gebastelt, experimentiert, diskutiert, gearbeitet, vermarktet und gehandelt wird, schon eine ganze Weile. Ich selbst saß 2007 während meines Studiums in Seminaren, die in Second Life stattfanden und auch mal wegen parallel stattfindender Kampfroboter-Schlachten verlegt werden mussten. Noch weitaus mehr Erfahrung mit Second Life – das by the way nach wie vor alive and kicking ist – hat der Journalist Wagner James Au, der die virtuelle Welt schon seit 2003 begleitet und den am längsten laufenden Blog zum Thema betreut. Im Newsletter Galaxy Brain von The Atlantic-Journalist Charlie Warzel berichtet er sehr ausführlich über die Konsequenzen der Erfahrungen mit Second Life für aktuelle und zukünftige Versuche eines Metaversums.

I think this is what Mark Zuckerberg and other would-be Metaverse builders right now are missing. It’s not the platform that matters as much as the community that is built around it. Rarely do communities have extreme loyalty to these platforms. If they don’t feel they’re being engaged with on a fair level, they take their friends and they get the hell out. […] I’m seeing hundreds of thousands of people in Horizon trying the platform and leaving, and it’s because the community is treated as some technicality on the way to platform adoption, as opposed to a new society and a new social context.

Die Macher hinter Minecraft scheinen dies erkannt zu haben und auch wenn ihr Spiel – einst Indie-Perle jetzt Multimillionen-Dollar-Franchise – weit davon entfernt ist, eine perfekte, egalitäre Community-Erfahrung zu bieten, so fahren sie ihren Karren zumindest nicht ohne Not für eine – vorsichtig ausgedrückt – mit vielen Fragezeichen versehene Zukunftsvision in den Graben. Denn, NFTs funktionieren einfach nicht wie imaginiert, sie sind nicht sicher, befeuern hochriskantes Spekulieren (unterstützt von Journalisten, die es besser wissen müssten) und richten aktuell und in Zukunft zusammen mit anderen unregulierten Web3-Phänomenen nachhaltig finanziellen Schaden bei Menschen an. Oder anders gesagt: Menschen spielen Minecraft in erster Linie, um zusammen Dinge zu bauen, nicht um exklusive Clubs zu gründen und dort mit diamantenen Spitzhacken zu spekulieren.

With the Web3 would-be metaverses, I think they put the cart before the horse. If you put out a speculative offering, like a new coin that gains people entry into a digital world, people might show up, but I don’t know why they’d necessarily keep coming back. On a basic philosophical, human level, a thing is only valuable if a group decides it is. These crypto metaverses put the speculation before the community.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zukünfte virtueller Welten entwickeln. Statements, wie jenes von Microsoft, haben auf jeden Fall Signalwirkung und der »crypto crash« der vergangenen Monate hat das Vertrauen in die Technologie bzw. das Investitionsobjekt deutlich gebremst. Gleichzeitig ballern etwa Marken wie Netflix oder Mountain Dew nach wie vor ordentlich Kohle in die Blockchain-basierte virtuelle Welt Decentraland – wie zu besten Zeiten des Hypes um Second Life. Ich hoffe am Ende eher mit Wagner James Au:

I think the big battle going forward will be between these different platforms with different visions for what digital life should and could be. I just hope the human-centered ones win out.
Lektionen aus dem Second Life für das Metaverse

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Kommentare 2
  1. Hartmut Bischoff
    Hartmut Bischoff · vor 25 Tagen

    Lieber Christian,
    ein fürwahr wichtiges pipd.

    Im Grunde geht es in meinen Augen um Macht. Das Geschäftsmodell der Web2-Unternehmen sind nunmal Nutzerdaten. Im Web3 gibt der Plattformbetreiber genau diese Machtposition auf. Wer einen NFT besitzt, nimmt dessen Identität im Web3 ein. Gibt er/sie dieses weiter, so migriert auch die Identität.
    Wie soll man darauf ein werbefinanziertes Geschäftsmodell aufbauen? Die Antwort liefern die eingangs erwähnten Nutzerbedingungen: Geht nicht.
    Hinzu kommt die enorme Entwicklungsdynamik in diesem Bereich, die vollkommen außerhalb des Einflusses der Konzerne liegt. Daran hat der Krypto-Crash nichts verändert.
    Im Gegenteil: Weil die Entwicklungsumgebungen immer nutzerfreundlicher werden, die Blockchains zuverlässiger und leistungsfähiger, schreitet - ausgehend von den Hochschulen der Welt - die Evolution sprunghaft voran.
    In meinen Augen versuchen die Konzerne einfach irgendwie ihre Daseinsberechtigung zu wahren. Noch haben sie die Macht dazu.

    1. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor 25 Tagen

      Lieber Hartmut, die Entwicklungsumgebungen werden deswegen immer nutzerfreundlicher, weil wiederum zentralisierte Plattformen (OpenSea, Binance etc.) den komplizierten Part übernehmen und dafür selbstverständlich auch wieder Nutzerdaten abgreifen, Machtpositionen ausüben und der vermeintlichen Dezentralität (da gibt's noch ganz andere Illusionen) des Cryptospace komplett den Boden unter den Füßen wegziehen. Durch den Crash wird sich diese Konsolidierung und Zentralisierung nur verstärken, um eben dem Bedarf (und bald wohl auch der Pflicht) zur Regulation unkontrollierter Spekulation nachkommen zu können. Das Web3 ist ein Web2, aber mit neuen Konzernen und unnötig kompliziertem Technik-Unterbau, weil voller letztlich wirkungsloser Redundanzen. Klar, nicht im Interesse von Microsoft und Co., aber eben auch unendlich weit entfernt von der lancierten Utopie eines dezentralen Webs, ohne mächtige Plattform-Monopole.

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