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Pop und Kultur

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
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piqer: Christian Huberts
Mittwoch, 01.11.2017

Ist es OK auf virtuelle Nazis zu schießen? – Wolfenstein und politische Gesinnung im Jahr 2017

Im Jahr 1992 war Wolfenstein 3D zwar nicht der erste Shooter aus der Ego-Perspektive, aber sicher der erfolgreichste. Die brutale Rachefantasie an Nazi-Deutschland hat dem Genre zum dauerhaften Durchbruch verholfen. Heutzutage wird aus der Ich-Ansicht auf nahezu alles geschossen, was zum unkomplizierten Feindbild taugt. Aber Nazis bleiben der absolute Klassiker unter den Schießbudenfiguren. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat sich auch niemand ernsthaft daran gestört. Bis zum aktuellsten Neuzugang im Wolfenstein-Franchise: The New Colossus. Für Wired beschreibt Daniel Ziegener lesenswert, wie plötzlich Kritik am Schießen auf virtuelle Nazis laut wird und was das mit dem Rechtsruck in den USA und im Rest der Welt zu tun hat.

Immer sind die Deutschen die Bösen, jammern manche in Kommentaren auf Facebook. Auf Reddit empören sich andere, dass Wolfenstein rassistisch gegenüber Weißen sei. Die unmissverständliche Positionierung des Spiels passt wunderbar zu der Opferrolle, die Rechte gerne spielen. Abgeordnete der AfD werden nicht in Bundestagsämter gewählt, politische Gegner vermeintlich als Nazi diffamiert und jetzt ist auch noch ein Videospiel gegen sie.

Und um auch noch die Frage aus der Überschrift zu beantworten: Ja. Vor allem, weil sich Wolfenstein: The New Colossus – ganz anders als noch dessen Urahnen – viel Mühe gibt, sich mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die Nazis des Spiels sind keine bösen Pappkameraden, sondern eine menschliche Bedrohung, die bekämpft werden muss. Notfalls auch mit Gewalt.

Es ist kein Spiel über Dämonen, Drachen oder andere Monster, die unserer Fantasie entsprungen sind, sondern eins über die Monster, die in der gesellschaftlichen Mitte entstehen. Das neue Wolfenstein hat Nazis nicht als Feinde gewählt, weil es einfach ist, sondern eher im Gegenteil: Es hat wirklich etwas über Nazis zu sagen – egal wie sie gerade heißen.
Ist es OK auf virtuelle Nazis zu schießen? – Wolfenstein und politische Gesinnung im Jahr 2017
9,1
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Kommentare 2
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · vor 16 Tagen

    Auf Facebook kam die Nachfrage, warum wir nicht auch auf den ZEIT-Artikel von piqer Matthias Kreienbrink eingegangen sind. www.zeit.de/digital/g... Dort würden einige interessante Aspekte angesprochen.
    Ich hab den Artikel auch gelesen und fand ihn gut, gerade den Aspekt, dass das Spiel entgegen der meisten Games auch politisch ist und zumindest in den USA auch politisch beworben wurde mit den Slogan "Make America Nazi Free Again!"

    1. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor 13 Tagen

      Der Text von Matthias Kreienbrink wäre gleich meine zweite Option gewesen. Danke für's Verlinken! (Hätte ich eigentlich auch im piq machen können). Ich habe mich schließlich für den vorliegenden Text entschieden, weil ich finde, dass er ein wenig präziser erklärt, was an dem Spiel herausragend ist und zudem die Reaktionen in der Gaming-Kultur näher beleuchtet. Aktuell fast noch spannender wären Texte mit ernstzunehmenden, kritischen Einschätzungen zu Wolfenstein: The New Colossus. Denn bei aller Cleverness lässt sich die Verquickung von gelegentlicher, ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und regelmäßigen, brutalen Geschicklichkeitstests sicher auch negativ sehen. Gerade wenn gleichzeitig der Kunstcharakter von Computerspielen und die damit verbundene Möglichkeit der Darstellung von Hakenkreuzen und Adolf Hitler mit Bart verteidigt wird. Petra Fröhlich ist da eine der wenigen Gegenstimmen: www.gameswirtschaft.de/meinung/f....