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Pop und Kultur

Jan Paersch
Autor für taz, Jazz Thing, Galore und andere
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piqer: Jan Paersch
Dienstag, 18.10.2016

Eine Auszeichnung als Affront — vier kritische Artikel zum Nobelpreis für Bob Dylan

Wenn nicht doch Bob Dylan hinter dem Pseudonym Elena Ferrante stecke, schreibt Klaus Kastberger, sei der Literaturbetrieb dem Untergang geweiht. Der Kommentar des österreichischen Germanisten ist etwas konfus und schießt in seinem mäßig witzigen Drang zur Übertreibung übers Ziel hinaus. Dennoch liegt der Literatur-Professor nicht ganz falsch, wenn er davon spricht, dass die Texte des nun mit dem Literatur-Nobelpreis dekorierten Sängers eben keine Lyrik seien, sondern „nur" lyrics.

Kastbergers Text ist nur einer von vielen missbilligenden Texten, die sich fünf Tage nach der überraschenden Preis-Verkündung im Netz finden lassen. Neben den positiven Artikeln, die nebenbei eine hübsche Bildergalerie liefern, oder eine Linkliste mit neun intensiven Performances, Interviews und Ansagen des Meisters, findet sich Kritik wie in der New York Times:

Yes, Mr. Dylan is a brilliant lyricist. (…)But Mr. Dylan’s writing is inseparable from his music. He is great because he is a great musician, and when the Nobel committee gives the literature prize to a musician, it misses the opportunity to honor a writer.

Tobias Rüther bezeichnet die Auszeichnung im unten gepiqden FAZ-Artikel gar als Akt der Arroganz: Das Nobelkomitee als Institution einer selbstgewissen Kunstform habe „sich dazu herabgelassen, einer viel jüngeren Kunstform eine Auszeichnung aufzuzwingen, die das überhaupt nicht nötig hat." The Quietus schlägt in die gleiche Kerbe und bezeichnet den Preis als Beleidigung und Herablassung: Dylan werde als große, anspruchsvolle Ausnahme in einem Genre gesehen, das ansonsten der Literatur generell unterzuordnen sei: „Wie entzückend! Wenn sich die Pop-Musik richtig anstrengt, ist sie fast so gut wie ein Groschenroman-Autor!"

So böse wie Irvine Welsh hat es allerdings sonst niemand formuliert: „I'm a Dylan fan, but this is an ill conceived nostalgia award wrenched from the rancid prostates of senile, gibbering hippies."

Eine Auszeichnung als Affront — vier kritische Artikel zum Nobelpreis für Bob Dylan
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Kommentare 6
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor etwa einem Jahr

    Jetzt mal eine ganz ehrliche Frage von mir als nicht sehr engagiertem Dylan-Hörer: Was ist denn seine nobelpreiswürdige Lyrik? Masters of War wird es wohl nicht sein.

    1. Edmund Epple
      Edmund Epple · vor etwa einem Jahr

      Hallo Leo...nun, wenn er seinen Preis fürs Gesamtwerk bekommen hat, dann doch auch für "Masters Of War", oder? Ein Song übrigens, der 1963 entstand und noch ganz in der Tradition von politischen Sängern wie Woody Guthrie stand. Was jetzt genau preiswürdig ist und was nicht, entscheidet immer der, der einen Preis vergibt. Ich bin ehrlich gesagt auch etwas verblüfft über die teilweise unverblümte Gehässigkeit, die dem "Popsänger" nun seitens einiger Gralshüter des guten Geschmacks entgegen gebracht wird. Ihn ficht das sicher nicht an. Aber was bleibt, ist doch ein fahler Geschmack. Man hat den Eindruck, weder die Literatur noch die Singer-Songwriter kommen hier unbeschadet wieder raus. Denn das war es ja sicher: Die Auszeichnung eines Singer-Songwriters stellvertretend für ein Genre. Ob das objektiv gerechtfertigt ist, ist doch gar nicht die Frage. Ein Komittee hat entschieden. Wer mitentscheiden will, muß da rein. Wohl hat man den Literaturbegriff offenbar diesmal etwas weiter gefasst. Gut oder schlecht? Ich gebe zu bedenken: wer hat sich nicht schon durch andere Nobelpreisträgerliteratur gequält und sich gefragt: warum nur?

    2. Leopold Ploner
      Leopold Ploner · vor etwa einem Jahr

      @Edmund Epple Also mir geht es gar nicht darum die Preiswürdigkeit von Dylan anzuzweifeln. Ich kenne halt nicht soviel aus seinem Schaffen (und kaum etwas aus den letzten 30 Jahren). Ich habe gefragt weil ich mir dachte, es gibt da vielleicht ein paar versteckte Perlen; Songs die keine großen Hits wurden, bei denen man aber sagt "Wow, ganz große lyrik".

    3. Edmund Epple
      Edmund Epple · vor etwa einem Jahr

      @Leopold Ploner Die allermeisten Dylan Songs wurden keine Hits. Und Du hast recht, man muß gerade auch auf solche schauen, die nicht jeder Spatz vom Dach pfeift. Im New Yorker geben gleich mehrere Dylan-Fans entsprechende Hinweise. Hier der Link: www.newyorker.com/books/pag...

    4. Leopold Ploner
      Leopold Ploner · vor etwa einem Jahr

      @Edmund Epple Danke Edmund, das ist das was ich gesucht habe. Ich finde, Du solltest den Link piqen.

    5. Jan Paersch
      Jan Paersch · vor etwa einem Jahr

      Nun, ich stimme auch nicht unbedingt zu, aber der oben verlinkte New Yorker Artikel sieht Dylan ja in einer literarischen Tradition in Songform, von Homer bis heute, und darum des Preises würdig. "Dylan’s lexicon, his primary influence, is the history of song, from the Greeks to the psalmists, from the Elizabethans to the varied traditions of the United States and beyond".
      Und Julian Weber sieht viele Dylan-ferne Gründe, ihm den Preis zu verleihen: taz.de/Literatur...